Piraten-Coup vor Somalia "Leute, mit denen nicht zu spaßen ist"

Vor Somalia halten bewaffnete Geiselnehmer Dutzende Seeleute auf der Yacht "Ponant" in ihrer Gewalt. Wer sind diese Männer? Wie kann man der modernen Seeräuberei Einhalt gebieten? Weltumsegler und Piraterie-Experte Klaus Hympendahl gibt Antworten im SPIEGEL-ONLINE-Interview.


SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet in Somalia hat die Zahl der Übergriffe durch Piraten im vergangenen Jahr um 50 Prozent zugenommen. Was sind die Gründe für die steigende Gewalt?

Piraterie-Experte Hympendahl: "Es wird viel verschwiegen"

Piraterie-Experte Hympendahl: "Es wird viel verschwiegen"

Hympendahl: Die Methoden werden immer schroffer. Viele Piratenbanden haben mafiaartige Strukturen, was den Erfolgsdruck auf die einzelnen Mitglieder noch erhöht. Das Besondere an Somalia ist, dass es als Staat gar nicht mehr existiert. Hier herrschen Clanführer, die an Land keine Verdienstmöglichkeit mehr sehen und ganz klar auf Lösegeld setzen. Sie schicken ihre Leute mit Kalaschnikows und Raketenwerfern los. Bei so schwerem Geschütz ist die Hand schneller am Abzug als früher, als man mit Messern und Macheten zur Sache ging. Das sind Leute, mit denen nicht zu spaßen ist.

SPIEGEL ONLINE: Viele der organisierten Piraten haben es in der Regel auf Frachtschiffe abgesehen ...

Hympendahl: ... genau, sie haben Spione in den Schifffahrtsunternehmen und wissen dadurch ganz genau, in welchem Container die Rolex-Uhren oder die Motorräder verstaut sind. Sie wissen auch, dass die Kapitäne weltweit angewiesen sind, keine aktive Gegenwehr zu leisten - das kommt ihnen natürlich entgegen.

SPIEGEL ONLINE: Und wer nimmt die Yachten und kleineren Schiffe ins Visier?

Hympendahl: Das sind in der Mehrzahl verarmte Fischer und Küstenbewohner, die keine andere Chance sehen, an Geld zu kommen. In Somalia, dem Jemen oder auch auf den Philippinen gibt es tatsächlich noch die traditionelle Piraterie, bei der Familien über Generationen hinweg Seeräuber sind.

SPIEGEL ONLINE: Sollten sich die Mannschaften von Segelbooten bewaffnen?

Hympendahl: Waffen an Bord sind ein sehr schwieriges Thema. Prinzipiell müssen Schusswaffen bei Grenzübertritt beim Zoll deklariert werden. Wenn Beamte bei einer Durchsuchung nicht deklarierte Waffen finden, wird in der Regel sofort das ganze Schiff konfisziert. Ich habe für mein Buch mit 46 Opfern von Piratenübergriffen gesprochen - in nur zwei Fällen konnten die Angreifer durch Warnschüsse in die Flucht geschlagen werden. Die Mehrzahl der Geiseln war besser beraten, sich nicht zu wehren und Ruhe zu bewahren.

SPIEGEL ONLINE: Das fällt bei lang andauernden Geiselnahmen schwer.

Hympendahl: Unbedingt, und das auf beiden Seiten. Versetzen Sie sich in die Lage eines Piraten: Er befindet sich in einem psychisch enorm angespannten Zustand. Wenn dann noch Drogen hinzukommen - was keine Seltenheit ist -, kann die Situation jederzeit eskalieren.

SPIEGEL ONLINE: Welche Strategien gibt es derzeit im Kampf gegen die Piraterie?

Hympendahl: Das Internationale Meeresbüro in Singapur hat natürlich Verhaltensregeln aufgestellt für die Berufsschifffahrt. Man bemüht sich außerdem um Aufklärung der Kapitäne und der Offiziere in Sicherheitsfragen. Da hat sich eine ganze Dienstleistungsbranche etabliert. Alle großen Schiffe haben mittlerweile Sicherheitsoffiziere an Bord. Dann gibt es natürlich die mechanischen Mittel wie Wasser- und Schallstrahler ...

SPIEGEL ONLINE: ... sogenannte Schallkanonen, die extrem laute, Schmerz auslösende Töne produzieren und damit Piraten in die Flucht jagen sollen ...

Hympendahl: ... ja, diese LRAD-Geräte ("Long Range Accustic Device") wurden in der Vergangenheit durchaus erfolgreich eingesetzt. Ich würde sie aber eher zu den passiven Waffen zählen. Die Entwicklung solcher Geräte geht aber kontinuierlich weiter.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder gibt es Gerüchte, dass Reedereien Geiselnahmen vertuschen, weil sie höhere Versicherungsprämien befürchten. Wie hoch ist die Dunkelziffer der Piratenangriffe?

Hympendahl: Das ist schwer zu sagen. Die Zahlen, die das Internationale Meeresbüro veröffentlicht, sind vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Es wird viel verschwiegen, nicht nur wegen Versicherungsfragen, sondern auch aus Scham. Ich kenne Fälle, bei denen Segler überfallen und deren Frauen vergewaltigt wurden - da wollte verständlicherweise niemand drüber reden. Als der berühmte Segler Sir Peter Blake 2001 auf seiner Yacht im Amazonasdelta ermordet wurde, gab es zeitgleich zwei Überfälle auf Yachten eines französischen und eines deutschen Millionärs. Davon hat nie jemand erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Zukunft der Piraterie aus?

Hympendahl: Ich will keine Panik verbreiten, aber Kreuzfahrtschiffe sind verwundbar. Bei jedem Landgang können sich unbemerkt Terroristen einschleichen und Sprengstoff an Bord bringen. Das könnte ein Problem werden.

Das Interview führte Annette Langer



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