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25. April 2009, 15:23 Uhr

Piraten vor Somalia

Seeräuber entern deutschen Frachter

Aus Mombasa berichtet

Neuer Piratenüberfall im Golf von Aden: Somalische Seeräuber haben einen zweiten Frachter einer deutschen Reederei in ihre Gewalt gebracht. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen stammt die Crew auf der "MV Patriot" jedoch nicht aus Deutschland.

Mombasa - Somalische Piraten haben im Golf von Aden einen Getreidefrachter einer deutschen Reederei gekapert - damit halten sie nun zwei deutsche Schiffe in ihrer Gewalt. Nach Angaben der US-Marine, die im Golf von Aden patrouilliert, handelt es sich bei dem Schiff um die "MV Patriot". Marine-Sprecher Nathan Christensen sagte SPIEGEL ONLINE telefonisch aus Bahrain, der Frachter sei rund 150 Seemeilen entfernt vom jemenitischen Hafen Muqalla geentert worden.

Andrew Mwangura vom "Seafarers Assistance Program" sagte SPIEGEL ONLINE, der deutsche Frachter sei am frühen Morgen gekapert worden. Die 17-köpfige Crew soll seinen Informationen nach nicht verletzt worden sein. Mwangura betreibt im Nachbarland Kenia ein Seefahrerprogramm, das sich intensiv mit dem Problem der Piraterie auseinandersetzt. In der Vergangenheit hatte er meist sehr schnell von neuen Pirateriefällen gehört.

Das Transportschiff "MV Patriot" gehört der Hamburger Reederei Johann M. K. Blumenthal, fährt jedoch unter maltesischer Flagge. Es kann rund 31.000 Tonnen Ladung aufnehmen und wurde 2002 in Japan gebaut. Die Reederei wollte sich zunächst nicht zu der Entführung äußern.

Die "MV Patriot" soll nach Informationen aus Marinekreisen bereits auf dem Weg zu einem der Häfen in Somalia sein, die von den Piraten kontrolliert werden. Dort, so jedenfalls der mittlerweile fast routinierte Ablauf der Schiffsentführungen, nehmen die Piraten meist einen Dolmetscher an Bord, der die Verhandlungen über ein Lösegeld beginnt. Das Land verfügt über keine funktionierenden staatlichen Institutionen.

Die Entführung des deutschen Frachters wurde SPIEGEL ONLINE auch von einem Vertreter der EU-Operation "Atalanta" bestätigt, die im Golf von Aden mit mehreren Kriegsschiffen patrouilliert. Demnach fand die Entführung gegen drei Uhr morgens statt.

Eine Information der deutschen Marine sorgte besonders in Berlin für Erleichterung: Unter den Besatzungsmitgliedern befinden sich laut bisherigen Informationen der EU-Mission keine deutschen Staatsbürger. Auf dem Frachter seien Ukrainer und Seefahrer von den Philippinen, hieß es.

Serie von Schiffsentführungen

Ob Kriegsschiffe der EU-Operation den entführten Frachter verfolgen, war zunächst unklar. Das Schiff hatte sich laut der EU-Kommandozentrale für die Fahrt durch den sogenannten Transitkorridor angemeldet. Wieso es trotzdem geentert werden konnte, wird derzeit intensiv untersucht. Die "MV Patriot" hatte am frühen Morgen gegen drei Uhr ein Notsignal abgesetzt, danach brach der Kontakt ab.

Die neue Entführung reiht sich in eine ganze Serie von Schiffsentführungen der letzten Wochen ein. Fast jeden Tag kommen neue Meldungen über versuchte oder erfolgreiche Hijackings, meist sind Frachter betroffen.

Mit dem Hijacking des Getreidefrachters sind nunmehr zwei deutsche Frachter in der Hand von Piraten. Seit dem 4. April ist die "MV Hansa Stavanger", ein Containerschiff der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg, in der Hand von Seeräubern. Auf dem Frachter befinden sich fünf deutsche Staatsbürger.

Bundesmarine hilft "MT Stolt Strength"

Der für den US-Einsatz vor Somalia zuständige General David Petraeus hatte am Freitag härtere Maßnahmen gegen die Überfälle von Seeräubern eingefordert und die standardmäßige Bewaffnung von Handelsschiffen empfohlen. Internationale Schifffahrtsverbände lehnen diese Idee jedoch ab. Die Bewaffnung von Frachtern könnte zu einer Eskalation der Gewalt führen, heißt es zur Begründung.

Zugleich wurde bekannt, dass ein Schiff der Bundesmarine einem philippinischen Chemietanker zu Hilfe geeilte ist. Dem Schiff war nach der Freilassung aus der Hand von Piraten vor der somalischen Küste der Treibstoff ausgegangen. Das deutsche Schiff versorgte die Besatzung mit Lebensmitteln und Medikamenten, teilte eine Sprecherin der philippinischen Schifffahrtsbehörde am Samstag in Manila mitteilte.

Ein amerikanisches Boot stellte den Angaben zufolge Dieseltreibstoff zur Verfügung. Auch zwei chinesische Schiffe seien mit Treibstoff und Lebensmitteln zur dem Tanker unterwegs. Der zur Verfügung gestellte Treibstoff reiche für die Weiterfahrt der "MT Stolt Strength" zum nordindischen Hafen Kandla aus, dem ursprünglichen Ziel des Tankers. Somalische Piraten hatten den Chemietanker und dessen 23-köpfige Besatzung am Dienstag nach mehr als fünf Monaten freigelassen. Das Schiff war am 10. November im Golf von Aden mit einer Ladung Phosphorsäure entführt worden.

Auch ein griechisches Schiff soll nach Angaben von Piraten freigekommen sein - gegen die Zahlung eines Lösegelds von 1,9 Millionen Dollar. "Meine Freunde verlassen nun das Schiff und werden wegfahren", sagte ein Pirat Namens Hussein der Nachrichtenagentur Reuters. Um welches Schiff es sich handelte, wurde nicht bekannt. Ende März hatten Piraten den unter der Flagge Panamas fahrenden griechischen Frachter "Nipayia" gekapert. Anfang April besetzten Freibeuter das griechische Schiff "MV Irene E.M." mit 22 Philippinen als Besatzung.

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