Piraten vor Somalia Seeräuber entern deutschen Frachter

Neuer Piratenüberfall im Golf von Aden: Somalische Seeräuber haben einen zweiten Frachter einer deutschen Reederei in ihre Gewalt gebracht. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen stammt die Crew auf der "MV Patriot" jedoch nicht aus Deutschland.

Aus Mombasa berichtet


Mombasa - Somalische Piraten haben im Golf von Aden einen Getreidefrachter einer deutschen Reederei gekapert - damit halten sie nun zwei deutsche Schiffe in ihrer Gewalt. Nach Angaben der US-Marine, die im Golf von Aden patrouilliert, handelt es sich bei dem Schiff um die "MV Patriot". Marine-Sprecher Nathan Christensen sagte SPIEGEL ONLINE telefonisch aus Bahrain, der Frachter sei rund 150 Seemeilen entfernt vom jemenitischen Hafen Muqalla geentert worden.

Andrew Mwangura vom "Seafarers Assistance Program" sagte SPIEGEL ONLINE, der deutsche Frachter sei am frühen Morgen gekapert worden. Die 17-köpfige Crew soll seinen Informationen nach nicht verletzt worden sein. Mwangura betreibt im Nachbarland Kenia ein Seefahrerprogramm, das sich intensiv mit dem Problem der Piraterie auseinandersetzt. In der Vergangenheit hatte er meist sehr schnell von neuen Pirateriefällen gehört.

Das Transportschiff "MV Patriot" gehört der Hamburger Reederei Johann M. K. Blumenthal, fährt jedoch unter maltesischer Flagge. Es kann rund 31.000 Tonnen Ladung aufnehmen und wurde 2002 in Japan gebaut. Die Reederei wollte sich zunächst nicht zu der Entführung äußern.

Die "MV Patriot" soll nach Informationen aus Marinekreisen bereits auf dem Weg zu einem der Häfen in Somalia sein, die von den Piraten kontrolliert werden. Dort, so jedenfalls der mittlerweile fast routinierte Ablauf der Schiffsentführungen, nehmen die Piraten meist einen Dolmetscher an Bord, der die Verhandlungen über ein Lösegeld beginnt. Das Land verfügt über keine funktionierenden staatlichen Institutionen.

Die Entführung des deutschen Frachters wurde SPIEGEL ONLINE auch von einem Vertreter der EU-Operation "Atalanta" bestätigt, die im Golf von Aden mit mehreren Kriegsschiffen patrouilliert. Demnach fand die Entführung gegen drei Uhr morgens statt.

Eine Information der deutschen Marine sorgte besonders in Berlin für Erleichterung: Unter den Besatzungsmitgliedern befinden sich laut bisherigen Informationen der EU-Mission keine deutschen Staatsbürger. Auf dem Frachter seien Ukrainer und Seefahrer von den Philippinen, hieß es.

Serie von Schiffsentführungen

Ob Kriegsschiffe der EU-Operation den entführten Frachter verfolgen, war zunächst unklar. Das Schiff hatte sich laut der EU-Kommandozentrale für die Fahrt durch den sogenannten Transitkorridor angemeldet. Wieso es trotzdem geentert werden konnte, wird derzeit intensiv untersucht. Die "MV Patriot" hatte am frühen Morgen gegen drei Uhr ein Notsignal abgesetzt, danach brach der Kontakt ab.

Die neue Entführung reiht sich in eine ganze Serie von Schiffsentführungen der letzten Wochen ein. Fast jeden Tag kommen neue Meldungen über versuchte oder erfolgreiche Hijackings, meist sind Frachter betroffen.

Mit dem Hijacking des Getreidefrachters sind nunmehr zwei deutsche Frachter in der Hand von Piraten. Seit dem 4. April ist die "MV Hansa Stavanger", ein Containerschiff der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg, in der Hand von Seeräubern. Auf dem Frachter befinden sich fünf deutsche Staatsbürger.

Bundesmarine hilft "MT Stolt Strength"

Der für den US-Einsatz vor Somalia zuständige General David Petraeus hatte am Freitag härtere Maßnahmen gegen die Überfälle von Seeräubern eingefordert und die standardmäßige Bewaffnung von Handelsschiffen empfohlen. Internationale Schifffahrtsverbände lehnen diese Idee jedoch ab. Die Bewaffnung von Frachtern könnte zu einer Eskalation der Gewalt führen, heißt es zur Begründung.

Zugleich wurde bekannt, dass ein Schiff der Bundesmarine einem philippinischen Chemietanker zu Hilfe geeilte ist. Dem Schiff war nach der Freilassung aus der Hand von Piraten vor der somalischen Küste der Treibstoff ausgegangen. Das deutsche Schiff versorgte die Besatzung mit Lebensmitteln und Medikamenten, teilte eine Sprecherin der philippinischen Schifffahrtsbehörde am Samstag in Manila mitteilte.

Ein amerikanisches Boot stellte den Angaben zufolge Dieseltreibstoff zur Verfügung. Auch zwei chinesische Schiffe seien mit Treibstoff und Lebensmitteln zur dem Tanker unterwegs. Der zur Verfügung gestellte Treibstoff reiche für die Weiterfahrt der "MT Stolt Strength" zum nordindischen Hafen Kandla aus, dem ursprünglichen Ziel des Tankers. Somalische Piraten hatten den Chemietanker und dessen 23-köpfige Besatzung am Dienstag nach mehr als fünf Monaten freigelassen. Das Schiff war am 10. November im Golf von Aden mit einer Ladung Phosphorsäure entführt worden.

Auch ein griechisches Schiff soll nach Angaben von Piraten freigekommen sein - gegen die Zahlung eines Lösegelds von 1,9 Millionen Dollar. "Meine Freunde verlassen nun das Schiff und werden wegfahren", sagte ein Pirat Namens Hussein der Nachrichtenagentur Reuters. Um welches Schiff es sich handelte, wurde nicht bekannt. Ende März hatten Piraten den unter der Flagge Panamas fahrenden griechischen Frachter "Nipayia" gekapert. Anfang April besetzten Freibeuter das griechische Schiff "MV Irene E.M." mit 22 Philippinen als Besatzung.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

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