Piratenangriff auf Passagierschiff "Die Kugel verfehlte meine Frau nur um Zentimeter"

Der versuchte Überfall auf das Kreuzfahrtschiff "MSC Melody" zählt zu den bislang spektakulärsten Aktionen somalischer Piraten im Indischen Ozean. Wie gefährlich der Angriff für die Reisenden an Bord tatsächlich war, schildert Frank Königk, derzeit Passagier des Luxusliners. Er macht dem Kapitän schwere Vorwürfe.


SPIEGEL ONLINE: Herr Königk, wo waren Sie, als die Piraten Ihr Kreuzfahrtschiff überfallen haben?

Frank Königk: Ich saß, wie all die Abende, mit meiner Frau und vier anderen Passagieren, unseren Tischnachbarn, auf dem hinteren Pool-Deck, um noch einen Cocktail oder ein Bier zu trinken. Es war kurz nach 23.15 Uhr Ortszeit, als eine Frau, die an der Reling stand, und über Bord schaute, plötzlich rief: "Da ist ein kleines Boot neben uns." Wir sind sofort hochgeschreckt, haben nachgeschaut und gesehen, dass da wirklich ein Boot ist, knapp unter unserem Heck, etwa zehn Meter lang, oben offen, im Vergleich zu unserem Kreuzfahrtschiff natürlich eine Nussschale, aber mit einem starken Außenborder und fünf bis sechs Männern drin, und einer davon hielt eine lange Stange mit einem großen Haken in der Hand.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dann gemacht?

Königk: Ein Passagier hat gerufen, er informiere die Brücke, und einer meiner Tischnachbarn und ich haben zu unseren Deckstühlen gegriffen und die nach unten geworfen. Das geschah ganz intuitiv, wir hatten offenbar beide dieselbe Idee.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah dann?

Königk: Wir haben einige Plastikstühle geworfen, dann kam schon die erste Maschinengewehrsalve.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie haben weiter Stühle geworfen?

Königk: Ja, wir merkten, dass die zunächst nur in die Luft ballerten, das Boot war ja so nah an unserem Schiff und bewegte sich zudem so stark auf und ab, dass die Piraten nicht richtig zielen konnten. Aber wir blieben natürlich in Deckung hinter der Reling, haben immer nur immer mal wieder kurz geschaut, wo die in etwa sind, und dann geworfen.

SPIEGEL ONLINE: Einer Ihrer Mitstreiter will gesehen haben, dass nach einem Treffer von Ihnen ein Pirat, der am Seil schon halb auf das Deck unter Ihnen geklettert war, wieder abstürzte.

Königk: Ich muss zugeben, ich habe das nicht so genau gesehen. Ich habe mich mehr darauf konzentriert, zu werfen und wieder in Deckung zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange ging das so?

Königk: Mindestens zehn Minuten. Erst dann tauchten zwei der vier Securityleute auf, und die haben uns dann nach drinnen verjagt.

SPIEGEL ONLINE: Der Kapitän hat gesagt, die Security habe die Piraten vertrieben.

Königk: Vom zeitlichen Ablauf her stimmt das wohl. Erst mal sind die aber nur hin- und hergelaufen und haben immer mal wieder nach unten geguckt. Ich hatte jedenfalls nicht das Gefühl, dass da James Bonds am Werk sind.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Security geschossen?

Königk: Angeblich ja, aber nicht in den ersten Minuten, solange ich das von drinnen gesehen habe.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Crew ansonsten professionell verhalten?

Königk: Ehrlich gesagt: Nein. Erst mal ging das Licht nicht aus - sie hatten uns in die Raucherlounge, einen hellerleuchteten Gang mit großen Panoramafenstern, hineingescheucht. Just als meine Frau dort die Rollos herunterlassen wollte, haben die Piraten, die sich jetzt offenbar etwas weiter vom Schiff entfernt hatten, gezielt auf diese Fenster geschossen. Die Kugel verfehlte meine Frau nur um Zentimeter und traf ein auf einem Tisch stehendes Bierglas.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Security Sie nicht gleich in Sicherheit gebracht?

Königk: Als der, der bei uns war, merkte, dass wir zur Zielscheibe werden, ist er flugs über den Boden gekrabbelt und hat sich aus der Gefahrenzone gebracht. Uns hat er wortlos stehen lassen. Wir sind ihm dann relativ schnell gefolgt. Aber die Gänge waren noch nach Mitternacht hell erleuchtet.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Kapitän Sie wenigstens über die Ereignisse gut informiert?

Königk: Nein. Vom Kapitän haben wir anderthalb Tage lang gar nichts gehört. Kurz nach den Schüssen hat die Begrüßungsdame eine Durchsage gemacht, dass wir überfallen wurden, uns aufgefordert, in den Kabinen zu bleiben und auf weitere Anweisungen zu warten. Die kamen dann aber nicht. Viele wussten deshalb gar nicht, ob das Schiff in der Hand der Piraten ist und haben eine schlaflose Nacht verbracht.

SPIEGEL ONLINE: Es gab keine Entwarnung?

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

Königk: Erst am anderen Morgen und auch dann noch nicht vom Kapitän. Ciro Pinto erklärte sich erst einen weiteren Tag später. Er sagte dann, man habe solange mit der Entwarnung gewartet, um sicherzugehen, dass kein Pirat an Bord gekommen war. Das passt dann aber schlecht zu dem, was er uns und auch den Medien zuvor weiß machen wollte, nämlich dass er die Situation jederzeit unter Kontrolle hatte.

SPIEGEL ONLINE: Hätte sich der Angriff denn Ihrer Ansicht nach vermeiden lassen?

Königk: Vermeiden wohl nicht, aber früher bemerken. Es waren trotz der relativen Nähe zur afrikanischen Küste überhaupt keine Wachposten aufgestellt, schon gar nicht im hinteren Teil des Schiffes, wo man die Piraten ja mit dem Radar praktisch nicht erfassen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt denn wenigstens die Darstellung des Kapitäns, dass es keine Verletzten gab?

Königk: Definitiv nein. Ein Passagier, der mit uns Stühle geworfen hat, wurde, als wir drinnen waren, von einer Kugel am Bein getroffen, ein Servierer hat einen Streifschuss am Kopf davongetragen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung für das Verhalten des Kapitäns?

Königk: Ich fahre schon zum dritten Mal auf der Melody und kenne daher auch einige Crew-Mitglieder persönlich. Ich denke, der Kapitän fühlte sich zu Recht in der Defensive, und wollte eigene Fehler verschleiern.

SPIEGEL ONLINE: Haben in Wahrheit Sie das Schiff gerettet und nicht die Crew?

Königk: Das lässt sich schwer sagen. Ich denke nur, wir haben die Gelegenheit zum Handeln genutzt.

Das Interview führte Dietmar Hipp

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