Piratenangriff Indische Marine wollte deutschen Tanker befreien

Die Besatzung des von somalischen Piraten gekaperten Tankers "Longchamp" erlebte einen Alptraum. Die indische Marine wollte das Schiff gewaltsam befreien, doch der Kapitän der "Longchamp" lehnte ab - es zeigt sich: Die internationalen Sicherheitsvorkehrungen gegen die Seeräuber greifen kaum.


Hamburg - Der Kapitän hatte fast alles richtig gemacht: Er steuerte den Tanker "Longchamp" im Konvoi durch den Golf von Aden. Er hatte zuvor den Suez-Kanal durchquert und extra einen Tag gewartet, um sich den anderen Schiffen anschließen zu können. Lediglich hatte er es versäumt, sich bei der EU-Anti-Piraten-Mission "Atalanta" anzumelden.

Die entführte "Longchamp" (auf einem Archivbild vor Gibraltar)
BS Shipmanagement

Die entführte "Longchamp" (auf einem Archivbild vor Gibraltar)

Die "Longchamp" war mit Flüssiggas aus Norwegen auf dem Weg nach Vietnam. Doch für das Schiff und seine 13 Besatzungsmitglieder endete die Fahrt nun mit einem Überfall. Der Tanker befand sich laut der Seefahrtsbehörde der Bahamas in einem von EU-Kräften gesicherten Korridor. Einem Sprecher der 5. US-Flotte zufolge bewegte sich das Schiff knapp hundert Kilometer vor der jemenitischen Küste im Golf von Aden.

Am frühen Donnerstagmorgen enterten sieben Piraten den unter der Flagge der Bahamas fahrenden Flüssiggas-Tanker und übernahmen das Kommando an Bord. Während des Überfalls soll es eine heftige Schießerei gegeben haben, sagte der Leiter der kenianischen Sektion des Seefahrer-Hilfsprogramms, Andrew Mwangura. Dennoch gehe er davon aus, dass die zwölf Crew-Mitglieder von den Philippinen und der indonesische Kapitän unversehrt seien. Die "Longchamp" scherte nach dem Überfall aus dem Konvoi aus und ist nun unterwegs in Richtung somalische Küste.

Auch die Kriegsschiffe aus 14 Nationen, die inzwischen zur Sicherung der zivilen Schifffahrt im Golf von Aden patrouillieren, konnten nichts dagegen ausrichten. Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr teilte mit, der Tanker habe in der Nacht einen Hilferuf abgesetzt. Laut dem stellvertretenden Direktor der bahamaischen Seefahrtsbehörde in London, Robin Phillips, waren über Funk Schüsse zu hören. Schiffe und Hubschrauber seien losgeschickt worden.

Ein Bundeswehrsprecher in Potsdam sagte, als eine indische Fregatte schließlich zu Hilfe kam, sei es schon zu spät gewesen. Der Kapitän habe das Ansinnen der indischen Marine abgelehnt, an Bord zu kommen und die "Longchamp" gewaltsam zu befreien. Die deutsche Marine war nach Angaben des Sprechers nicht beteiligt.

Derzeit besteht dem deutschen Reeder Bernhard Schulte Shipmanagement zufolge kein Kontakt zu dem Tanker. Aber dem Kapitän sei zuvor kurzzeitig erlaubt worden, dem Schiffsmanager mitzuteilen, dass alle Crew-Mitglieder in Sicherheit seien. Die Piraten hätten noch keine Forderungen gestellt. Man rechne aber damit. Das Schiff sei versichert gegen die Folgen von Krieg, Terrorismus und Piraterie.

Die "Longchamp" ist nach Angaben der Reederei 100 Meter lang und 16 Meter breit. Der 3400 Tonnen große Ein-Hüllen-Gastanker wurde 1990 auf einer japanischen Werft gebaut. Er gehört der Gesellschaft MPC Steamship, wird aber von der Hamburger Reederei Bernhard Schulte bereedert. Gechartert hatte die "Longchamp" eine Reederei aus dem liberianischen Monrovia.

Der Flüssiggas-Tanker ist bereits das dritte Schiff, das in den von einem EU-Flottenverband gesicherten Gewässern am Horn von Afrika von Piraten in diesem Jahr aufgebracht wurde. Im Kampf gegen die Seeräuber hat die EU zurzeit vier Schiffe und drei Aufklärungsflugzeuge im Einsatz. Zehn weitere Länder, darunter Indien, haben ebenfalls Kriegsschiffe in die Region entsandt.

Hintergrund: Alles zum Piratenangriff
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Moderne Piraterie
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See.

Seit 1992 sammelt das Internationale Schifffahrtsbüro (IMB) Meldungen über Seeräuber und wertet sie aus. Als Zahl der Übergriffe 2008 registrierte das IMB 293 Piratenangriffe, elf Prozent mehr als im Jahr davor. 49 wurden entführt, 32 Crew-Mitglieder verletzt, elf getötet, 21 werden vermisst.

Interessierten sich Seeräuber einst nur für den Schiffstresor, nehmen sie inzwischen Geiseln oder kapern ganze Frachter. Sie operieren oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Golf von Aden
SPIEGEL ONLINE
Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika um den Golf von Aden. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. SPIEGEL ONLINE zeigt in einer Grafikstrecke, wie in der Region die Zahl der Übergriffe zugenommen hat...
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, mit 2,4 Millionen Einwohnern. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel.

Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren. Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl.
Anti-Piraterie-Mission "Atalanta"
Die Anti-Piraterie-Mission der EU am Horn von Afrika heißt nach Atalanta, einer Jägerin aus der griechischen Mythologie. Sechs Kriegsschiffe, ein Versorger und drei Aufklärungsflugzeuge bekämpfen Piraten vor der somalischen Küste, um die freie Seefahrt in der Region zu gewährleisten. Die Bundeswehr hat dafür bis zu 1400 Soldaten und die in der Region liegende Fregatte "Karlsruhe" zur Verfügung. Nach den Einsatzregeln der EU-Operation darf die Marine Piratenschiffe nicht nur abdrängen oder aufbringen, sondern im Notfall auch versenken.
Wirtschaftliche Folgen
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Alternativroute um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.
Flüssiges Erdgas
Flüssiges Erdgas (LNG) ist auf -161 Grad Celsius abgekühltes und verflüssigtes Erdgas. Die klare, farblose Flüssigkeit ohne Geschmack und Geruch lässt sich verhältnismäßig gut transportieren, nicht zuletzt weil das Volumen des Gases auf ein Sechshundertstel sinkt. Bislang wird nur ein geringer Teil des weltweiten Erdgases auf diese Weise transportiert, doch dürften nach Expertenschätzungen LNG-Transporte stark zunehmen, vor allem in Asien. In flüssiger Form ist der Stoff weder explosiv noch brennbar. Gefahr droht bei Lecks, wenn die Ladung aus den Tanks austritt, wieder gasförmig wird und sich mit der Luft mischt. Explosionsgefahr besteht bei einer Konzentration des Gases zwischen 5 und 15 Prozent.

Seit kurz vor Weihnachten beteiligt sich die Bundeswehr an der EU-geführten Mission Atalanta, die Frachtern und Schiffen des Welternährungsprogramms vor der Küste Somalias Schutz vor Piratenangriffen bieten soll. Für die deutsche Marine ist derzeit die Fregatte "Karlsruhe" im Einsatz. Gleich nach Beginn ihrer Mission schlug sie mit ihrem Bordhubschrauber Piraten in die Flucht, die einen ägyptischen Frachter von einem Schnellboot aus bedrohten.

Durch das Seegebiet vor Somalia und vor allem den Golf von Aden führt die wichtigste Handelsroute zwischen Europa, der arabischen Halbinsel und Asien. Deutschland hat als Exportnation an sicheren Handelswegen ein besonders großes Interesse.

Im vergangenen Jahr haben Piraten vor der Küste Somalias mehr als 40 Schiffe gekapert und schätzungsweise 30 Millionen Dollar an Lösegeld erpresst. Die Überfälle auf Schiffe sind inzwischen das einträglichste Geschäft in Somalia, das seit Jahrzehnten keine stabile Regierung mehr hat und völlig verarmt ist.

Erst am 15. November entführten somalische Piraten einen arabischen Öltanker mit 25 Mann Besatzung und Rohöl im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar. Die 330 Meter lange "Sirius Star" war das größte Schiff, das bislang von somalischen Piraten gekapert wurde. Die Entführer gaben es nach knapp zwei Monaten am 10. Januar gegen ein Lösegeld von drei Millionen Dollar (2,2 Millionen Euro) wieder frei. Fünf Piraten ertranken nach der Freigabe im Indischen Ozean.

Deutsche Marine verhindert Piraten-Überfälle

Bundeswehrangaben zufolge vereitelte die Deutsche Marine am Donnerstag zwei Angriffe von Piraten auf Handelsschiffe im Golf von Aden. "Bei zwei angegriffenen Schiffen konnte mit Hilfe der Deutschen Marine eine Kaperung verhindert werden. Der Gastanker Longchamp (...) fiel jedoch in die Hände von Piraten", teilte die Bundeswehr im Internet mit.

Laut Bundeswehr fing die Fregatte "Karlsruhe" am Donnerstagmorgen einen Notruf des Frachters "MV European Champion" auf. Daraufhin sei ein Bordhubschrauber aufgestiegen, bei dessen Sichtung die Piraten abgedreht seien. Die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" habe die "MV Eleni G." nach einem Notruf über Funk auf einen anderen Kurs gebracht, um den Abstand zur herbeieilenden Fregatte zu verringern. Als Grund für die gehäuften Angriffe nannte die Bundeswehr die verbesserten Wetterbedingungen.

ler/AFP/AP/ddp/dpa



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