Piratenüberfall Schüsse nach der Klassik-Show

Die Piraten kamen in der Nacht, griffen das Kreuzfahrtschiff "MSC Melody" an. Doch Sicherheitskräften an Bord gelang es, die Seeräuber in die Flucht zu schlagen. Tausende Kilometer entfernt verfolgte die deutsche Ehefrau eines Passagiers das Drama live - am Telefon.

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Mombasa - Am Samstagabend, es ist exakt 21 Uhr 33, piept in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg das Handy von Susanne R., es ist eine SMS von ihrem Mann Rolf R*.. "Ich glaube, wir werden gerade von Piraten angegriffen. Schüsse sind gefallen. Ich bin bis jetzt OK." Schnell wählt Susanne R. die Nummer ihres Mannes. Sie erwischt ihn in seiner Kabine auf der "MSC Melody" im Indischen Ozean. Er erzählt mit ruhiger Stimme, was sich an Bord zuträgt. "Ich war aufgeregter als er", erzählt die Ehefrau einen Tag danach.

R. ist geschäftlich in Südafrika tätig, zum Besuch der Familie in Deutschland wollte er sich diesmal eine andere Form der Reise gönnen - und ersteigerte sich das Ticket auf dem Kreuzfahrtschiff.

"MSC Melody": "Bleiben Sie in Ihren Kajüten, verdunkeln Sie das Licht"
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"MSC Melody": "Bleiben Sie in Ihren Kajüten, verdunkeln Sie das Licht"

Während das Paar telefoniert, krächzt im Hintergrund die Stimme eines Mannes, vermutlich der Kapitän: "Unser Schiff ist von Piraten angegriffen worden", sagt der Sprecher auf Englisch mit starkem italienischem Akzent. "Bleiben Sie in Ihren Kajüten und verdunkeln Sie das Licht." Was genau ist passiert, fragt sich das Paar. Haben Piraten das Schiff geentert? Woher kamen die deutlich hörbaren Schüsse? Ist jemand verletzt? Nichts ist klar in diesem Moment.

Inzwischen weiß man: Die "MSC Melody", ein italienisches Kreuzfahrtschiff unter panamesischer Flagge, ist knapp einer Katastrophe entgangen. Gegen 22 Uhr 35 Ortszeit hatte sich rund 300 Kilometer nördlich der Seychellen ein Schnellboot mit sechs bewaffneten Männern genähert, wollte das Schiff entern, auf dem auch 38 Deutsche sind. Kapitän Ciro Pinto reagierte blitzschnell, er befahl seinen Sicherheitsleuten, das Feuer zu eröffnen. Nach einem Schusswechsel drehten die Piraten schließlich ab.

R. hatte die Reise bei Ebay ersteigert

R. berichtete SPIEGEL ONLINE kurz nach dem Angriff zunächst telefonisch, dann per E-Mail, er habe rund 50 Schüsse gehört, wenig später dann die Durchsage des Kapitäns. Den Angriff hatten viele der Passagiere gesehen. Gerade war auf dem Außendeck ein Klassik-Konzert zu Ende gegangen, als sich das Schnellboot von Backbord näherte und sechs Bewaffnete das Feuer eröffneten. Panik sei nicht ausgebrochen, berichtet R.. Alle seien den Befehlen der Crew gefolgt, seien unter Deck gegangen.

R. verschanzte sich in seiner Kabine, verdunkelte die Scheiben wie befohlen. Dann wartete er. Erst am Morgen, schreibt er, hätte er schließlich erfahren, dass das Schiff nicht gekapert worden sei. Die Kreuzfahrtleitung beruhigte die Passagiere damit, dass erst ein spanisches und dann ein italienisches Kriegsschiff die "MSC Melody" durch die gefährlichen Gewässer eskortieren soll.

Die Spuren des Angriffs waren am Morgen noch deutlich zu sehen: In einem Fenster zu einem der Rauchersalons, so die Beschreibung des Passagiers, seien Einschusslöcher zu sehen. Die Kreuzfahrtleitung habe mitgeteilt, das Schiff sei "leicht beschädigt" worden, einige Kugeln haben offenbar den Rumpf getroffen. Die Schäden sollen im nächsten Hafen behoben werden. Die Crew bemüht sich offenbar, die Passagiere zu beruhigen - eine geplante feuchtfröhliche Äquatortaufe soll allerdings ausfallen.

"Das absolut Schlimmste, was wir uns vorstellen können"

Der Angriff macht einerseits deutlich, wie dramatisch sich die Angriffe von Piraten vor Somalia ausweiten. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Meldungen von versuchten oder erfolgreichen Kaperungen von Frachtern. Erst am Samstag gegen drei Uhr morgens war die "MV Patriot", die einer deutschen Reederei gehört aber unter maltesischer Flagge fährt, im Golf von Aden entführt worden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war danach ein weiteres deutsches Transportschiff attackiert worden, konnte aber entkommen. An Bord sind keine Deutschen.

Die Entführung eines Kreuzfahrtschiffs aber wäre, so Diplomaten am Sonntag, "das absolut Schlimmste, was wir uns vorstellen können". Erpressen die Piraten bisher vor allem mit den Frachter-Ladungen im dreistelligen Millionenwert in ihrer Gewalt horrende Lösegeldsummen von Reedereien, hätten sie bei einer Kaperung eines Passagierschiffs plötzlich "einen ganz anderen Hebel". Dann würden die Piraten nicht mehr mit Reedereien verhandeln, sondern mit Regierungen.

"MSC Melody" hatte den Kurs geändert - aus Angst vor Piraten

Der Gefahr eines Angriffs war sich Kapitän Pinto bewusst. Erst Mitte April hatten er und die italienische Reederei MSC, die auch einen Sitz in Deutschland hat, die Route für die 22-tägige Kreuzfahrt von Durban über Südafrika nach Genua geändert. Statt nach einem Seychellen-Trip in der Nähe der somalischen Küste zu fahren, kalkulierte man den von den internationalen Patrouillen empfohlenen größeren Abstand zu den gefährlichen Gewässern ein und strich einen Zwischenstopp. Trotzdem fand der Angriff statt - die Piraten weiten ihre Kampfzone aus.

Auch die Kriegsschiffe der EU konnten nichts ausrichten. Zwar befand sich ein Schiff der Operation "Atalanta" nur rund hundert Seemeilen entfernt vom Tatort. Allerdings, so ein Missions-Sprecher zu SPIEGEL ONLINE, war dies ein Versorgungsschiff. "Das Schiff ist leider für eine Verfolgung der Piraten zu langsam und verfügt nicht über Hubschrauber, um Angreifer zu jagen", sagte der Sprecher auf Anfrage. Die Seeräuber konnten unerkannt flüchten - und werden vermutlich schon bald versuchen, wieder zuzuschlagen.

Nach dem Angriff wächst die Sorge vor weiteren Angriffen auf Kreuzfahrtschiffe. Mindestens vier große Touristenkreuzer werden in den kommenden Tagen die gefährliche Passage antreten, die meisten fahren in Konvois und sind durch Sicherheitsleute geschützt. Der Angriff dürfte die Reedereien veranlassen, noch mehr für Sicherheit auszugeben - die Meldung über "MSC Melody" ist alles andere als gute PR. Eine Sprecherin der betroffenen Reederei sagte nur, der Angriff werde "sicher Auswirkungen auf die künftige Routenplanung" haben.

Die Reise der "MSC Melody" hingegen soll erstmal wie geplant weitergehen. Nach einem Zwischenstopp in Ägypten soll das Kreuzfahrtschiff am 8. Mai im italienischen Genua ankommen.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

* Der Vorname wurde geändert, da die Familie nicht identifiziert werden möchte



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