Piraterie vor Somalia USA feiern entführten Kapitän als Helden

Er ist der Willkür seiner Entführer vollkommen ausgeliefert - und doch in der Heimat längst ein Held: In den Vereinigten Staaten wird der von Piraten gekidnappte Frachterkapitän Richard Phillips verehrt. Er verkörpere "die edle Tradition von Heldentum auf hoher See".


New York - Richard Phillips ist ein Mann, wie ihn die Amerikaner lieben. Seit Tagen befindet sich der 53-jährige Kapitän vor der Küste Somalias in der Gewalt von Piraten. Beim Überfall auf seinen Frachter bot er sich offenbar selbst als Geisel an, um seine Besatzung zu schützen.

Seitdem treibt er mit vier Entführern in einem kleinen Rettungsboot über den Indischen Ozean - der Willkür seiner Entführer vollständig ausgeliefert. US-Kriegsschiffe patrouillieren in der Region, das FBI ist eingeschaltet und somalische Stammesführer wollen zwischen den Parteien vermitteln. Seine unter US-Flagge fahrende "Maersk Alabama" war am Mittwoch vor der Küste Somalias von Piraten angegriffen worden. Der Mannschaft gelang es, die Kontrolle über das Schiff zurückzugewinnen. Die Piraten flohen auf einem Rettungsboot, Phillips wurde als einziges Besatzungsmitglied entführt.

John White, ein Mitglied der Crew, sagte dem Fernsehsender CBS, Phillips habe sich bei dem Piratenüberfall als einziger nicht versteckt. "Mit anderen Worten: Er hat sich den Piraten ergeben, um den Rest der Mannschaft zu schützen."

"Das ist Richard, genauso ist er", sagte Phillips' Schwägerin Lea Coggio CBS. "Er ist um seine Crew besorgt, um sein Schiff." Richard Phillips kommt aus dem Neuengland-Staat Vermont, er ist verheiratet und hat zwei Kinder. 1979 machte er an der Marine-Akademie in Boston im Bundesstaat Massachusetts seinen Abschluss, seitdem fährt er zur See. Fotos zeigen einen freundlichen Mann mit Brille und grauem Bart. Angehörige, Freunde und Nachbarn beschreiben ihn als ruhig und fleißig. In seiner Freizeit bastele er gern an seinem Haus herum oder arbeite mit der Familie im Garten, hieß es.

"Das ist sein Rettungsboot"

Immer wieder wird der Mut des erfahrenen Seemanns betont. Für die Zeitung "New York Daily News" verkörpert Phillips "die edle Tradition von Heldentum auf hoher See". In der Nacht zum Freitag scheiterte Phillips mit einem dramatischen Fluchtversuch: Er sprang ins Meer und versuchte, schwimmend das US-Kriegsschiff "USS Bainbridge" zu erreichen, das in der Nähe des gekaperten Rettungsbootes patrouilliert. Seine Entführer fingen ihn jedoch wieder ein und zerrten ihn an Bord.

Der Leiter der Marine-Akademie in Boston, Richard Gurnon, kennt Phillips noch aus Studienzeiten und nennt ihn "ein klassisches Beispiel für einen guten Hirten". Es sei ein "großartiger Schritt" gewesen, dass Phillips sich den Piraten im Austausch für seine Mannschaft als Geisel angeboten habe.

Der Admiral ist davon überzeugt, dass das Geiseldrama gut ausgehen wird. Phillips sei auf hoher See in seinem Element. "Er ist sein ganzes Erwachsenenleben zur See gefahren. Das ist sein Rettungsboot."

Auch Phillips' Ehefrau Andrea gibt sich zuversichtlich. Sie sei stolz auf ihren Mann, sagte sie tapfer im Fernsehen. "Er ist ein intelligenter Mann, und ich weiß, dass es gut ausgehen wird." In einer Erklärung, die von seiner Reederei verbreitet wurde, bedankt sich Andrea Phillips auch für die große Anteilnahme und Unterstützung. "Mein Ehemann ist ein starker Mann und für ihn werden wir auch stark bleiben."

Deutscher Frachter in Piratenhand

Doch Philips ist nicht das einzige Opfer der Seeräuber, die Piraten haben seit Tagen auch einen deutschen Frachter in ihrer Gewalt. An Bord der "Hansa Stavanger" befinden sich 24 Besatzungsmitglieder - fünf Deutsche, drei Russen, zwei Ukrainer, zwei Philippiner und zwölf Staatsbürger von Tuvalu. Die Bundesregierung hatte nach Informationen des SPIEGEL vor, die "Hansa Stavanger" von der GSG 9 stürmen zu lassen. Die Aktion wurde jedoch kurzfristig abgeblasen. Die Piraten konnten sich und ihre Beute zu schnell in Sicherheit bringen.

Im Golf von Aden haben französische Truppen am Freitag das gekaperte Segelschiff "Tanit" gestürmt. Nach Angaben aus dem französischen Präsidialamt kam dabei eine Geisel ums Leben. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie durch eine Kugel aus der Waffen der französischen Spezialeinheit starb, hieß es. Die vier weiteren Passagiere, darunter ein Kind, seien befreit worden. Bei der Aktion seien zwei Piraten getötet worden.

Zuvor habe es bei Verhandlungen mit den Entführern keine Erfolge gegeben. Die Seeräuber hätten jedoch am Freitag ihre Drohungen verstärkt, das Segelboot sei außerdem in Richtung Küste getrieben. Daher sei ein Militäreinsatz zur Befreiung der Geiseln beschlossen worden, teilte der Elysée-Palast mit.

Die Besatzung eines unter panamaischer Flagge fahrenden Massengutfrachters hat am Samstag im Golf von Aden einen Angriff somalischer Piraten abgewehrt. Nato-Vertreter an Bord des portugiesischen Kriegsschiffs "Corte-Real" berichteten, die Seeleute hätten die Angreifer mit Hilfe von Wasserschläuchen vertrieben. "Sie suchen nun eine leichtere Beute", sagte ein Offizier. Während des Angriffs sei eine Granate auf das Schiff abgefeuert worden. Sie habe die Kabine des Kapitäns getroffen, sei aber nicht explodiert.

Dagegen geriet ein unter italienischer Flagge fahrender US-Schlepper in die Gewalt von Piraten . Die in Kenia ansässige Seemanns-Organisation East African Seafarers' Assistance Group teilte mit, an Bord des Schleppers seien 16 Besatzungsmitglieder. Zum Zeitpunkt der Entführung habe der Schlepper zwei Schleppverbände auf dem Haken gehabt. "Der Vorfall zeigt, dass die Piraten immer dreister und gewalttätiger werden", sagte Andrew Mwangura von der Seemanns-Gruppe. Offiziere an Bord eines portugiesischen Kriegsschiffes berichteten von einem Notruf, den der Schlepper abgesetzt habe. Sechs Minuten später sei die Verbindung jedoch abgebrochen. Zehn der 16 Besatzungsmitglieder seien Italiener. Die portugiesische " Corte-Real" sei zu weit entfernt gewesen, um der Schlepper-Besatzung zu Hilfe eilen zu können.

Unterdessen vermeldeten die Eigentümer eines norwegischen Tankers die Freilassung des entführten Schiffes. Ein Sprecher des Unternehmens Salhus Shipping AS bestätigte Berichte darüber, dass die "MT Bow Asir" freigelassen wurde. Ein Piratensprecher erklärte, für Schiff und die 27-köpfige Besatzung seien 2,4 Millionen Dollar Lösegeld gezahlt worden.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

jdl/AFP/Reuters/AP

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