Prozess in Pretoria Psychiaterin bescheinigt Pistorius Angststörung

Der Tod der Mutter, die Probleme mit dem Vater, Furcht vor Kriminellen: Eine Psychiaterin hat bei Oscar Pistorius eine Angststörung diagnostiziert. Schuldunfähig sei er aber nicht.

REUTERS

Pretoria - Die Mutter von Oscar Pistorius schlief mit einer Waffe unter dem Kopfkissen und brachte ihrem Sohn bei, seine Umwelt als bedrohlich zu empfinden. Das berichtete eine Psychologin im Prozess gegen den Paralympics-Star. Der Angeklagte habe nach ihrer Einschätzung aus diesen Kindheitserinnerungen und weiteren Stressfaktoren eine Angststörung entwickelt. Die Expertin hatte nicht nur mit Pistorus gesprochen, sondern auch mit engen Freunden und Familienangehörigen.

Ihrer Ansicht nach begann die Störung, als Pistorius von seinen Eltern dazu ermutigt wurde, sich trotz seiner Behinderung als völlig normal anzusehen und zu verhalten. Langfristig könne dies zu beständiger Unruhe und Ängstlichkeit führen. Die Alkoholabhängigkeit der Mutter könne diese Ängste weiter verschärft haben.

Pistorius habe eine "intensive Angst vor Südafrikas hoher Kriminalitätsrate", sagte die forensische Psychiaterin. "Die Kinder wuchsen mit dem Konzept auf, dass die Außenwelt bedrohlich ist". Mit dem frühen Tod der Mutter habe Pistorius dann sein einziges erwachsenes Vorbild verloren. Oft habe er sich Freunde zu Übernachtungen eingeladen, um nicht allein zu sein.

Von dem Vater, der damals schon längst von seiner Frau getrennt war, habe er sich endgültig mit 21 Jahren losgesagt. Dank seiner vielversprechenden Sprintkarriere sei Pistorius früh finanziell unabhängig gewesen. Kurz darauf habe er sich auch seine erste Waffe zugelegt. "Menschen mit Angststörungen arbeiten hart daran, ihre Umwelt unter Kontrolle zu haben", sagte die Psychiaterin. Das harte Training könne ihm geholfen haben, seine Ängste zu mildern.

Nicht von Verantwortung entbunden

Die Angstzustände des unterschenkelamputierten Sportlers seien aber nicht so schwer, dass Wahrnehmungsstörungen und damit eine Paranoia diagnostiziert werden könnten. Pistorius könne daher nicht von der Verantwortung für seine Handlungen entbunden werden, sagte die Psychiaterin.

Pistorius muss sich seit Anfang März wegen Mordes vor Gericht verantworten. Er hatte in der Nacht zum Valentinstag vergangenen Jahres seine Freundin Reeva Steenkamp durch die geschlossene Toilettentür seines Hauses erschossen. Pistorius beteuert, sie für einen Einbrecher gehalten zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht hingegen davon aus, dass er das Model nach einem Streit getötet hat.

Staatsanwalt Gerrie Nel forderte nach der Aussage der Expertin, die als Zeugin der Verteidigung aufgerufen wurde, ein unabhängiges psychiatrisches Gutachten. Die Richterin will bis Dienstag darüber entscheiden.

vks/dpa/AFP



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
gog-magog 12.05.2014
1.
Zitat von sysopREUTERSDer Tod der Mutter, die Probleme mit dem Vater, Furcht vor Kriminellen: Eine Psychiaterin hat bei Oscar Pistorius eine Angststörung diagnostiziert. Schuldunfähig sei er aber nicht. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/pistorius-prozess-psychiaterin-spricht-von-angsstoerungen-a-968981.html
Wenn mich in Südafrika lebenslänglicher Knast wegen Mordes an meiner Freundin erwarten würde, dann hätte ich wohl auch eine Angststörung.
rudolf_mendt 12.05.2014
2. Moving Pictures
Absehbar, wohin das führt. Es scheint, dass die Kohle in die Verteidigung gut investiert war und dass seine Schauspieltalente überdurchschnittlich sind.
fritze_bollmann 12.05.2014
3.
Ist die Gutachterin nun Psychologe oder Psychiater?
kjartan75 12.05.2014
4.
Mal abgesehen, ob er nun schuldig oder unschuldig ist. Es ist wirklich spannend, den Prozess live zu verfolgen und zwar vor allem mit welcher Taktik die gegnerischen Anwälte sich da abarbeiten. Das reicht locker für eine Folge The good wife. Sowohl Verteidiger als auch Staatsanwalt sind exzellent.
tinosaurus 12.05.2014
5. immerhin
keine Schuldunfähigkeit. Viele Menschen leiden unter Angststörungen, aber Pistorius hat auch noch eine Störung mit der Wahrheitsfindung. Für mich und viele andere ist es unerklärlich, dass er noch frei herumlaufen kann. Die Geschichte mit dem Einbrecher ist so daneben und unglaubhaft, aber in Südafrika gelten andere Gesetze.
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