Mordprozess in Pretoria Pistorius spielt ohne Prothesen Tatnacht nach

Tränen, Schluchzen, weiße Taschentücher: Im Zeugenstand bemüht der wegen Mordes angeklagte Oscar Pistorius große Gesten der Trauer. Um seine Version der Tatnacht darzustellen, legte er seine Prothesen ab.


Pretoria - An seinem zweiten Tag im Zeugenstand hat sich der wegen Mordes angeklagte Oscar Pistorius erneut hochemotional gezeigt. Nach der detaillierten Schilderung der Tatnacht brach der Profisportler vor dem Gericht in Pretoria weinend zusammen. Richterin Thokozile Masipa beendete den 18. Verhandlungstag vorzeitig.

Zitternd und von Weinkrämpfen geschüttelt hatte der 27-Jährige über die Nacht des 14. Februar 2013 berichtet. Nach eigenen Angaben hat er seine Freundin Reeva Steenkamp versehentlich getötet. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn jedoch, Steenkamp vorsätzlich im Streit durch eine Badezimmertür erschossen zu haben.

Auf Anweisung seines Anwalts hatte der Paralympics-Star erstmals seine Unterschenkel-Prothesen abgenommen. Auf seinen Beinstümpfen stehend rekonstruierte er an einem Modell der Toilettentür die Tat. Ziel der Verteidigung war es offensichtlich, Pistorius' Verletzlichkeit zu unterstreichen.

"Bevor ich es wusste, hatte ich vier Schüsse abgefeuert"

Er sei wegen der Hitze im Schlafzimmer aufgewacht und aufgestanden, um zwei Ventilatoren vom Balkon zu holen. Dann habe er gehört, wie sich das Badezimmerfenster öffnete, schilderte Pistorius das Geschehen. "Ich glaube, in dem Moment änderte sich alles." Er habe zunächst geschrien, um den mutmaßlichen Eindringling zu vertreiben. Zudem habe er im dunklen Schlafzimmer Steenkamp angewiesen, sich auf den Boden zu legen und die Polizei zu alarmieren. Dann habe er nach seiner Waffe unter dem Bett gegriffen und sei zum Badezimmer geschlichen.

Dabei habe er aber keinen Laut von sich gegeben, um dem Einbrecher keinen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort zu geben. "Bevor ich es wusste, hatte ich vier Schüsse durch die Tür abgefeuert", sagte er mit gebrochener Stimme. Er habe Steenkamp vor einem Einbrecher schützen wollen. Nach der Demonstration musste Pistorius sich übergeben.

Zuvor hatte er vor Gericht sich und Steenkamp als verliebtes Paar mit Beziehungsproblemen, aber gemeinsamen Zukunftsplänen geschildert. Er hatte eingeräumt, manchmal "unsicher und eifersüchtig" gewesen zu sein. Zu Beginn der Beziehung sei er ganz vernarrt in Steenkamp gewesen.

Immer wieder weinte und zitterte Pistorius, zwischendurch schneuzte er sich in ein weißes Taschentuch. Am Montag hatte sich der Angeklagte weinend bei Familie und Freunden von Steenkamp entschuldigt. Das hatte ihn so sehr erschöpft und mitgenommen, dass der Prozess vertagt wurde.

Falls Pistorius wegen Mordes verurteilt werden sollte, droht ihm eine Haftstrafe von mindestens 25 Jahren.

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sickworld 08.04.2014
1. ...
Schon die Überschrift ist falsch. Die Tatnacht wurde nicht nachgespielt. Es ging rein darum, seine Größe ohne Prothesen im Vergleich mit den Einschusswinkeln an der Tür darzustellen. Wir erinnern uns, es war bis zur Aussage des Ballistikers die Darstellung der Staatsanwaltschaft, Pistorius hätte seine Prothesen getragen, als er schoss. Nachdem der Ballistiker - übrigens Zeuge der Staatsanwaltschaft - dies wieder legte, änderte diese von jetzt auf gleich die Darstellung "ihres Falles". Schade, dass über die Medien immer nur Teilwahrheiten kolportiert werden, um bestimmte Meinungen zu erzeugen. Wer wissen will, was wirklich gesagt wurde muss sich den Prozess schon selbst antun.
theresarain 08.04.2014
2. Entscheidend
sind doch die Zeugen, die übereinstimmend aussagen, dass eine Frau laut und anhaltend geschrien hat. Und wenn Pistorius Version stimmen sollte, ist auch das im Prinzip Mord. Ohne Vorwarnung durch eine geschlossene Tür zu ballern, völlig ihne sich zu versichern wer dahinter ist und ob von dieser Person überhaupt Gefahr ausgeht, das geht einfach nicht.
hellerbrand 08.04.2014
3. Logik???
Selbst wenn man geneigt wäre, diesem wimmernden Häuflein Selbstmitleid den Kredit des Zweifels einzuräumen - und seiner Darstellung zu folgen - dann stellt sich trotzdem (neben vielen anderen) die Frage: wenn Reeva Steenkamp unbemerkt von Herrn Pistorius aufgestanden wäre und im Stockdunklen (Zitat: 'pitch dark', während die Ex-Freundin aussagte, es sei nie 'pitch dark' im Schlafzimmer gewesen...), ohne irgendeinen Laut dabei zu verursachen, ins Badezimmer gegangen, dort das Fenster geöffnet und dann auf die Toilette gegangen wäre (in Shorts und schwarzer Weste, mit iphone) - dabei auch im Bad kein Licht angemacht und die Toilette abgeschlossen hätte - und er doch dem - in der jetzigen Aussagen 'den' Einbrechern zugerufen habe, er/sie sollen verschwinden - WIESO sollte sie ihm dann nicht geantwortet haben - wenn sie in der Toilette saß?????? Er (im Schlafzimmer) rief ihr (sie angeblich im Schlafzimmer wähnend) zu sie solle sich auf den Boden legen und die Polizei rufen, auch vom Badezimmer aus habe er ihr zugerufen, sie solle die Polizei rufen... er hätte fortwährend ge-'screamed'. Und es ist ihm bis nach den 4 Schüssen nicht aufgefallen, dass sie nicht geantwortet hätte? Erst danach 'dämmerte' es ihm? Wenn es so gewesen wäre, wie OP es darstellt - wieso soll Frau Steenkamp ihm nicht geantwortet haben - aus der Toilette? 'It's me, I'm in the toilet, on the loo, pot....' In dubio pro reo - schön und gut. Aber wenn kein dubio bleibt? Ich zweifle daran, dass 5 Zeugen NICHT die Schreie einer Frau und eines Mannes unterscheiden können, ich zweifle daran, dass ein Mann, der ungeheure Panik vor den Einbrechen in SA hat, in einer 'gated community' mit Bewegungsmeldern, Scheinwerfern und regelmäßigen Patrouillen wohnt, in einem Haus mit vergitterten Fenstern und eigenen Wachhunden (die den/die Einbrecher nicht angebellt haben...) - dazu Panic-Buttons im Haus - dass dieser Mann bei der abendlichen Haussicherung/Inbetriebnahme der Alarmsysteme - die Leitern der Handwerker am Haus stehen lässt und dann friedlich entschlummert - bei offener Balkontür. Dank Herrn Postorius Geschichte und der Art, wie er sie erzählt, habe ich keinen Zweifel. Ich hatte heute auch den Eindruck, der Richterin geht die Show langsam etwas auf den Geist. Wenn man dann noch Bilder sieht, auf denen er auch feixt im Gerichtssaal und, obwohl er den vollkommen gebrochenen Mann gibt, nichtsdestotrotz eine neue Freundin hat - ja, wieso auch nicht, das Leben geht schliesslich weiter, nicht wahr? Nur nicht für Reeva Steenkamp. Bisschen manipulativ und durchsichtig auch, wie er, der sich das Recht erkämpfte, sozusagen als Nicht-Behinderter gesehen zu werden, nun die Vunerabilitäts- und Handicapped-Karten spielt, dekoriert mit einigem an Körperflüssigkeiten. Empfehlenswert: Psycho-Linguistische Analyse der Aussage OPs bei der Kautions-Verhandlung vor einem Jahr: http://statement-analysis.blogspot.de/2014/03/oscar-pistorius-complete-statement.html
dcrwiesbaden 08.04.2014
4. Keinen schuss verfehlt
Jeder Erklärung vom bladerunner ist müder theatralisch vorgetragener Versuch der Verleugnung seines schussziels Dass er auch ohne Prothesen in der Tatnacht zum äußersten bereit und fähig war wissen wir spätestens seit den tödlich lancierten Schüssen Keiner der Schüsse hat das Opfer auch nur einmal verfehlt weil er töten wollte
bauigel 08.04.2014
5. Ist es wichtig wen er erschossen hat?
Ich finde es immer wieder beeindruckend, dass es anscheinend nur darum geht ob er seine Freundin absichtlich erschossen hat. Und wenn er "nur" einen Einbrecher erschiessen wollte, geht er straffrei aus. Ganz abgesehen davon, dass ich glaube dass er sie absichtlich erschossrn hat, so wäre er genauso ein Mörder wenn er ohne Vorwarnung durch die geschlossene Tür einen Einbrecher erschossrn hätte.
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