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Elf Tote in Pittsburgher Synagoge: Trauer in Squirrel Hill

Foto: AP/Alexandra Wimley/Pittsburgh Post-Gazette

Elf Tote in US-Synagoge Massaker am Sabbat

Ein schwer bewaffneter Mann erschießt in einer Synagoge in Pennsylvania elf Menschen: Die Bluttat kommt zum Ende einer ohnehin gewaltsamen Woche in den USA. Präsident Trump machte trotzdem weiter Wahlkampf.

Sie waren zusammengekommen, um zu beten und einem Baby einen Namen zu geben. Plötzlich drang ein schwer bewaffneter Mann in die Synagoge ein und begann zu schießen. Als kurz darauf die Polizei eintraf, waren elf Gemeindemitglieder bereits tot und zwei weitere verletzt. Auch vier Polizisten wurden angeschossen, bevor sie den mutmaßlichen Täter überwältigen konnten.

So spielte sich nach ersten Angaben am Samstag das Grauen in der jüdischen Gemeinde Tree of Life in Pittsburgh in Pennsylvania ab. Die Synagoge befindet sich in Squirrel Hill, einer historischen jüdischen Enklave mit koscheren Läden und Restaurants. Rund 12.000 Juden leben dort, viele sind orthodoxen Glaubens.

Der mutmaßliche Todesschütze Robert B., 46, der festgenommen wurde, habe ein halb automatisches Gewehr und mindestens drei weitere Handfeuerwaffen dabeigehabt, erklärte die Polizei. Augenzeugenberichten zufolge rief er: "Alle Juden müssen sterben!"

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Elf Tote in Pittsburgher Synagoge: Trauer in Squirrel Hill

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Jemand unter seinem Namen hatte im bei Rechtsextremen beliebten sozialen Netzwerk Gab.com ("Twitter für Rassisten") schon oft antisemitische Beschimpfungen und Drohungen von sich gegeben. So würden Juden helfen, "Illegale" und "Angreifer" ins Land zu bringen, etwa durch die "Karawane" von mittelamerikanischen Migranten, die sich gerade auf die US-Grenze zubewege.

US-Präsident Donald Trump nutzt diese "Karawane" seit Wochen als polarisierendes Wahlkampfthema und hat die Verschwörungstheorie verbreitet, sie würde vom Milliardär George Soros finanziert, einem Demokraten-Spender - und Juden.

"Dies ist wahrscheinlich der tödlichste Angriff auf die jüdische Gemeinde in der Geschichte der USA", erklärte Jonathan Greenblatt, der Chef der Anti-Defamation League (ADL). Es sei unerträglich, dass Juden während des Gottesdienstes am Sabbat angegriffen würden. "Und es ist unvorstellbar, dass so etwas heutzutage in den Vereinigten Staaten von Amerika geschehen kann."

Alle Todesopfer waren demnach Erwachsene in der Synagoge. Zwei verletzte Beamte gehörten einer taktischen Spezialeinheit an.

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B. wurde angeschossen ins Krankenhaus gebracht und schon am Abend in 29 Punkten angeklagt, unter anderem wegen Mordes. Die Tat wurde als Hate Crime klassifiziert, ein rassistisch oder antisemitisch motiviertes Hassverbrechen, worauf in den USA besonders hohe Strafen stehen.

Das Blutbad am Sabbat löste in dem friedlichen Viertel Chaos aus. Anwohner verbarrikadierten sich oder versteckten sich im Keller. Die Massenschießerei kommt zum Ende einer ohnehin horrenden, auffallend gewaltsamen Woche in den USA. Am Mittwoch erschoss in Kentucky ein 51-jähriger Weißer an einem Supermarkt zwei Schwarze, zuvor hatte er versucht, in eine afroamerikanische Kirche einzudringen. Die Justiz vermutet auch hier ein Hassverbrechen.

Diese Tat blieb aber weitgehend unbeachtet, da am selben Tag eine Serie von bisher 14 abgefangenen Paketbomben begann, die an prominente US-Demokraten und Medien adressiert waren. Der Mann aus Florida, den die Behörden am Freitag deshalb festnahmen und anklagten, hatte sich als Fan von Trump bekannt, der seinerseits die Bombenadressaten oft beschimpft hatte.

Welle antisemitischer Gewalt

Die kurz aufeinanderfolgenden Verbrechen stehen zwar nach bisheriger Erkenntnis in keinem Zusammenhang. Doch alle drei mutmaßlichen Einzeltäter sind weiße, rechtsradikale Männer mittleren Alters. Sie führten ihre Taten in der Endphase des bittersten Midterm-Wahlkampfes seit Langem aus. Manche sehen das als Symptom des hasserfüllten Klimas, das von Trump angestachelt wird.

Die Schießerei von Pittsburgh kommt zudem zum Höhepunkt einer Welle antisemitischer Gewalt, die die USA seit Trumps Wahl überrollt. "Wir warnen seit Langem vor dem scharfen Anstieg des Antisemitismus", erklärte Ronald Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses.

Nach Trumps Wahlsieg - der der rechtsradikalen Szene Auftrieb gab - stieg die Zahl der antisemitischen Vorfälle und Gewalttaten in den USA nach Angaben der ADL bis Ende 2017 um fast 60 Prozent auf 1986 an. Die Tat von Pittsburgh dürfte bei vielen Juden in den USA Ängste wecken, wie sicher sie in ihrem Land noch sind.

Dennoch polemisiert Trump lieber gegen Muslime als gegen Neonazis, und auch die rechtsextremen Ausschreitungen von Charlottesville voriges Jahr relativierte er.

Diesmal fand Trump klarere Worte. "Es darf keine Toleranz für Antisemitismus in Amerika geben", sagte er am Samstag. Doch wie immer nach Massenschießereien lehnte er nicht nur jede Debatte über eine Verschärfung der US-Waffengesetze ab, sondern forderte im Gegenteil zusätzliche Bewaffnung, nun auch in Gotteshäusern: "Wenn sie drinnen Schutz gehabt hätten, wären die Resultate weit besser gewesen."

Auch nach den Paketbomben hatte Trump jede politische Mitverantwortung abgestritten und stattdessen die Opfer haftbar gemacht - und sogar beklagt, der Fall störe seinen "erfolgreichen" Wahlkampf. Am Samstag bemühte sich das Weiße Haus zumindest um den Eindruck staatsmännischen Engagements: Es verbreitete ein Foto von Trump, wie er sich an Bord seines Regierungsjets mit ernstem Gesicht informieren ließ.

Trump unterbrach seinen Wahlkampf allerdings nicht und flog trotzdem zu einer politischen Großveranstaltung nach Illinois. "Man muss raus, und man muss tun, was richtig ist", sagte er vor Journalisten mit Hinweis auf seinen Wahlkampf. "Wir tun gerade so etwas Wichtiges." Er kündigte an, nach Pittsburgh zu reisen, nannte aber keine Details.

Die Frage ist, ob er in der Stadt willkommen geheißen würde. In Pittsburgh versammelten sich am Samstagabend Tausende Menschen zu einer Gedenkfeier. Dabei gab es "Wählt, wählt, wählt"-Sprechchöre, viele Teilnehmer kritisierten das politische Klima im Land und Trumps Mitverantwortung dafür.

Gedenkfeier im Viertel Squirrel Hill

Gedenkfeier im Viertel Squirrel Hill

Foto: AP/Alexandra Wimley/Pittsburgh Post-Gazette

Die Gemeinde Tree of Life hatte nach Angaben ihres Ex-Präsidenten Michael Eisenberg erst kürzlich auf weitere Sicherheitsmaßnahmen verzichtet. Der Grund, so Eisenberg zur "Pittsburgh Post-Gazette", seien die Kosten gewesen.

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