Bayern Justiz prüft Missbrauchsverdacht in katholischem Kinderheim

Ist es ein "zweites Ettal"? Vor Gericht hat ein früherer Schüler des katholischen Piusheims in Bayern von massivem Missbrauch berichtet - nicht der erste Vorwurf dieser Art.
Gebäude des früheren Piusheims: Kinder, die sich "kaum austauschen und reflektieren konnten"

Gebäude des früheren Piusheims: Kinder, die sich "kaum austauschen und reflektieren konnten"

Foto: Steffen Heinemann/ dpa

Die Justiz geht Missbrauchsvorwürfen gegen ein früheres katholisches Kinder- und Jugendheim in der Gemeinde Baiern bei München nach. Die Staatsanwaltschaft München II leitete nach eigenen Angaben Vorermittlungen gegen einen früheren Erzieher des Jugenddorfes Piusheim sowie einen damals angehenden Priester ein.

Hintergrund der Ermittlungen sind Vorwürfe massiven sexuellen Missbrauchs, die im Rahmen eines Prozesses vor dem Landgericht München II bekannt wurden. Ein 56 Jahre alter Mann, der selbst wegen schweren Missbrauchs an kleinen Kindern angeklagt ist, hatte vor Gericht angegeben, in seiner Kindheit und Jugend unter anderem im Piusheim von mehreren Männern missbraucht worden zu sein.

Der Zeuge sprach auch von Prostitution und "Sexpartys" im Umfeld des Heims. "90 Prozent der Jungen gingen am Wochenende los und beklauten die Dorfbewohner, zehn Prozent fuhren zum Anschaffen nach München." Zwei seiner Freunde hätten sich erhängt, auch er selbst habe schon als Kind versucht, sich das Leben zu nehmen.

Belegen lassen sich diese Vorwürfe derzeit noch nicht. "Ob die Angaben sich als belastbar erweisen und ob schließlich eine strafrechtliche Ahndung erfolgen kann, kann noch nicht gesagt werden", betont Staatsanwältin Karin Jung.

Das Erzbistum München und Freising bestätigten allerdings auf Anfrage, dass im Zusammenhang mit der inzwischen geschlossenen Einrichtung seit 2010 neun Verdachtsfälle wegen sexueller Übergriffe oder körperlicher Gewalt gemeldet wurden. Diese sind mit einer einzigen Ausnahme bisher nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

Nur ein Fall ging in Missbrauchsstudie ein

Alle Fälle in dem Heim, in dem seinerzeit schwer erziehbare Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 6 und 18 Jahren betreut wurden, ereigneten sich nach Angaben der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) von den Fünfziger- bis Mitte der Siebzigerjahre. Nur einer dieser Verdachtsfälle ging in die sogenannte MHG-Studie zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ein.

Auch im "Westphal-Bericht" über Missbrauch im Bistum taucht das Piusheim den Angaben nach nicht auf. Erzbischof war hier von 1977 bis 1982 Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt. In zwei Fällen seien "Zahlungen zur Anerkennung des Leids" geleistet worden, sagt Bistumssprecher Christoph Kappes.

Die Verteidigerin des Angeklagten, Anja Kollmann, hält die Aussage ihres Mandanten für authentisch. Der 56-Jährige habe ihr gegenüber im Vorfeld der Gerichtsverhandlung einmal angedeutet, was ihm in seiner Jugend passiert sei. Dass er vor Gericht so ausführlich darüber berichtete, habe sie selbst überrascht, die Dimension des Ganzen habe sie schockiert. "Das ist ja ein zweites Ettal."

Im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal seien allerdings vor allem Schüler aus privilegierten Familien unterrichtet worden, die irgendwann in der Lage waren, über das zu reden, was ihnen geschehen war, sagt Psychologie-Professor Heiner Keupp, der eine Studie zur damaligen Situation von Heimkindern begleitete. "Aber in diesen Heimen waren vor allem Kinder aus schwierigen Verhältnissen, die das, was ihnen passiert ist, kaum austauschen und reflektieren konnten."

Opfervertreter kritisieren mangelnde Aufarbeitung

Das Piusheim wurde im Oktober 1905 vom katholischen "Verein zur Betreuung der verwahrlosten und bestimmungslosen Jugend" gegründet. Die KJF übernahm die Trägerschaft am 1. Oktober 1981 und gab sie am 30. Juni 2006 wieder auf.

Der Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, äußerte die Hoffnung, dass sich nun ehemalige Bewohner des Piusheims melden. "Ich bin sicher, wir werden dann noch so einige Überraschungen erleben."

Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" kritisierte die Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche massiv. Noch immer scheine diese mehr am Schutz der eigenen Institution interessiert zu sein "als an der Benennung konkreter Täter und Vertuscher sowie an der Aufdeckung der Vertuschungsstrukturen", sagte Sprecher Christian Weisner.

Darum stelle sich die Frage, ob die katholische Kirche in Deutschland überhaupt in der Lage sei, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten - "oder ob es nicht notwendig ist, eine wirklich unabhängige Aufarbeitung durch Externe durchführen zu lassen, wie es in anderen Ländern wie Irland oder Australien geschehen ist".

dab/dpa
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