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Marwa-Prozess: Höchststrafe für Alex W.

Foto: Matthias Rietschel/ AP

Plädoyers im Marwa-Prozess "Ich bin gottfroh, dass ich Sie nicht mehr lang ertragen muss"

"Widerliches Selbstmitleid", "erbärmliches Auftreten" - scharf hat der Staatsanwalt im Marwa-Prozess mit Alex W. abgerechnet. Er fordert lebenslange Haft für den Mann, der die Ägypterin in einem Gerichtssaal erstochen hat. Doch das Urteil könnte sich verzögern: wegen eines neuen Dokuments aus Russland.

Dresden - Damit hatte der Angeklagte wohl nicht gerechnet. Schon in seiner Vorbemerkung zum eigentlichen Plädoyer machte Oberstaatsanwalt Frank Heinrich deutlich, was er von Alex W. hält, dem Mann, der selbst am Ende des Prozesses der Öffentlichkeit jeden Blick in sein Gesicht verwehrt: "Was unsere Gesellschaft nicht braucht, sind Menschen wie Sie, Herr W. Menschen, die mit kruden Vorstellungen hierherkommen, die für die Gesellschaft nichts leisten, dafür aber feige töten. Auch hier haben Sie sich feige gezeigt! Ihr ganzes Auftreten vor Gericht war erbärmlich! Ich bin gottfroh, dass ich Sie hier nur noch bis Mittwoch, den Tag des Urteils, ertragen muss!"

Doch ob sich diese Erwartung des Staatsanwalts erfüllt? Am späten Montagnachmittag traf überraschend beim Dresdner Landgericht, das gegen Alex W. wegen Mordes an der Ägypterin Marwa al-Schirbini verhandelt, die Antwort der russischen Behörden auf ein Rechtshilfeersuchen ein. Denn in einem Dokument heißt es, W. sei aus der russischen Armee aufgrund psychischer Probleme ausgemustert worden.

Psychische Probleme? W. wurde von dem psychiatrischen Sachverständigen Stephan Sutarski begutachtet, der keine Hinweise auf irgendwelche die Schuldfähigkeit betreffenden Besonderheiten bei W. fand. Der Angeklagte schweigt vor Gericht. In der Information aus Russland soll die Rede davon sein, dass ein gewisser "Aleksandr Igorewitsch N." am 1. Juli 2000 für ein Jahr "unter Beobachtung gestellt" worden sei, wegen einer "nicht differenzierten Schizophrenie". Was heißt das?

"Herr W., es ist Ihre Entscheidung!"

Die Vorsitzende Richterin der 1. Großen Strafkammer des Dresdner Landgerichts, wo sich am 1. Juli dieses Jahres die Tat ereignete, teilte am Montagnachmittag mit, jener "N.", bei dem es sich um den Angeklagten W. handeln könnte, der seinen Namen hatte eindeutschen lassen, habe sich bei den russischen Behörden nicht mehr gemeldet und sei daher aus der "Beobachtung" herausgenommen worden. Dokumente dazu gebe es nicht mehr. "N." sei wohl als wehrunfähig betrachtet und ausgemustert worden.

"Herr W.", sagte die Vorsitzende zum Angeklagten in leicht genervtem Ton, "Sie wissen schon, dass wir nicht alle denkbaren Varianten zu Ihren Gunsten berücksichtigen müssen! Wenn Sie die Tat in einem schizophrenen Schub begangen haben - dann sagen Sie es! Es ist Ihre Entscheidung!"

Jetzt muss erst einmal professionell übersetzt werden. Dann muss der Sachverständige Sutarski erneut gehört werden und den Angeklagten gegebenenfalls noch einmal untersuchen. Ob es also dabei bleiben wird, dass am Mittwoch das Urteil fällt, ist ungewiss.

Welche Strafe den Angeklagten erwartet, sollte er weiterhin als schuldfähig angesehen werden, daran ließ das Plädoyer der Staatsanwaltschaft keinen Zweifel. Heinrich forderte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Und er beantragte, dass das Gericht bei diesem Angeklagten, der am 1. Juli im Dresdner Gericht eine Zeugin, die 31 Jahre alte Ägypterin Marwa al-Schirbini erstochen sowie ihren Ehemann Elwy Ali Okas mit demselben Messer lebensgefährlich verletzt hatte, die besondere Schwere der Schuld feststelle.

"Widerliches Selbstmitleid nach der Tat"

Seine Worte müssen W. in den Ohren geklungen haben: "heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gemordet", "in Killermanier eine Frau vor den Augen ihres Kindes niedergemetzelt", "kaltblütig geplant", "in öffentlicher Verhandlung inszeniert", "widerliches Selbstmitleid nach der Tat": "Herr W., dass Sie beim psychiatrischen Sachverständigen die Getötete mehrfach als 'Schlampe' bezeichneten - da fehlen mir die Worte. Sie machen einfach da weiter, wo Sie am 1. Juli aufgehört haben!"

Die "besondere Schwere der Schuld" bedeutet, dass bei W. nicht bereits nach 15 Jahren geprüft wird, ob er in die Freiheit entlassen werden kann. Sondern er wird länger inhaftiert bleiben, möglicherweise 25 Jahre lang - sofern dann nicht die nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet wird. Bleibt W. bei seinem kruden Rassenwahn und Ausländerhass, wird er es im Vollzug angesichts zahlreicher ausländischer und muslimischer Mitgefangenen nicht leicht haben. Die nächste aggressive Konfrontation wird voraussichtlich nicht lange auf sich warten lassen.

W. ist unbelehrbar. So unbelehrbar, dass er das Plädoyer des Staatsanwalts nur mit äußerster Mühe und in den Tisch gekrallten Händen auszuhalten schien. Ist er so unbelehrbar, weil er psychisch krank ist?

Bis heute beharrt er auf der Richtigkeit seiner hasserfüllten Überzeugung, dass Muslime keine Menschen, sondern Monster seien, dass sie kein Lebensrecht hätten, schon gar nicht in Deutschland, und dass sie im Gegensatz zu den Europäern einer minderwertigen Rasse angehörten.

Professor Heiko Lesch, der den Ehemann der toten Ägypterin vor Gericht vertrat, schleuderte dem Angeklagten mit erhobener Stimme denn auch Worte entgegen, die dieser in seiner Verblendung vermutlich noch weniger begriffen haben dürfte als die harschen Worte des Staatsanwalts: "Das Bild des Deutschen, das sie verkörpern, Herr W.", so Lesch, "ist das des hässlichen Deutschen. Für so ein Bild schäme ich mich. Ich kann nur hoffen, dass dieses Bild in der Welt keine generelle Gültigkeit hat!"

Eingewandert aus Perm, "wo es Gulags gab"

Seit dem 1. Oktober dürfen sich Opfer auch von ausländischen Anwälten vertreten lassen. Das ist ungewohnt, kann aber auch beeindruckend sein, wenn nicht nur unter trockenen Paragrafen des deutschen Strafgesetzbuches subsumiert, sondern auch einmal über den Tellerrand hinausgeblickt wird. In Dresden haben zwei ägyptische Anwälte plädiert und zwei Franzosen, von denen einer, weil aus Ägypten stammend, arabisch vortrug, aus Respekt der Familie al-Schirbini gegenüber. Einer der Nebenklagevertreter, Oliver Wallasch, bezeichnete es ausdrücklich als hilfreich, dass ausländische Kollegen an der Verhandlung teilgenommen hätten - auf diese Weise bekämen sie bessere Einsicht in das deutsche Rechtssystem.

Francois L. Meynot aus Paris stellte das Verbrechen W.s, begangen in Dresden, "einer Stadt des Martyriums", in einen größeren europäischen Zusammenhang. Nach Jahrhunderten der Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen plädiere er hier "als Freund und Nachbar" gegen Barbarei und die Absurdität der Gewalt. Er verglich die getötete Marwa und ihren durch W. schwer verletzten Ehemann mit "Studenten, die im Mittelalter als Erben einer der ältesten Kulturen der Menschheit nach Europa kamen, um ihren Horizont zu erweitern". Der Angeklagte W. hingegen, eingewandert aus Perm, einer Stadt am Ural, "wo es Gulags gab", behaupte, eine besondere Rasse verteidigen zu müssen: "Er verkörpert eine Ideologie, an die wir nur mit Schrecken denken."

War der Prozess gegen Alex W. nun ein normales Strafverfahren vor dem Schwurgericht, wie es in Deutschland an Dutzenden von Landgerichten tagtäglich verhandelt wird? Oder doch eher nicht - abgesehen von der Überraschung durch das plötzlich ins Spiel gekommene Dokument am späten Montag?

Von Prinzipien eines Rechtsstaats nichts mitbekommen

Abgesehen von den extremen Sicherheitsmaßnahmen, vergleichbar nur noch mit denen zu Zeiten der RAF-Prozesse in Stuttgart-Stammheim, nahm das Verfahren unter der routinierten Leitung der Vorsitzenden Richterin Birgit Wiegand von Sitzungstag zu Sitzungstag mehr den ruhigen, geordneten Verlauf, wie er nach der Strafprozessordnung aus deutschen Gerichtssälen bekannt ist. Weder ließ sich die Vorsitzende von der ungewöhnlich hohen Zahl von Nebenklage-Anwälten verunsichern, noch überstrapazierten diese ihre Rechte. Es ist das Verdienst vor allem der deutschen Anwälte Lesch, Wallasch und Andreas Schulz, mit ihren ägyptischen Mandanten und Kollegen aus dem Ausland jeden Sitzungstag sorgfältig vor- und nachbereitet zu haben, um Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen.

W. reklamiert Deutschland für sich als seine Heimat, obwohl er, Jahrgang 1980, erst 2001 aus Russland einreiste. Er bemühte sich um das Erlernen der deutschen Sprache und erwarb die Befähigung zum Bedienen eines Gabelstaplers. Von den Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaats aber hat er in den Kursen wohl nichts mitbekommen. Die Frage, woher der Angeklagte seine ungewöhnlich extremen Ansichten hat - aus Russland? -, ist bisher nicht beantwortet.

Was kann eine Verteidigung in einer solchen Situation für ihren Mandanten vorbringen? Der Wahlverteidiger W.s, ein Potsdamer Anwalt, der zu Beginn des Prozesses das schlechte Image islamistischer Extremisten als Erklärungsversuch für die Tat zitieren zu müssen glaubte, erschien zu Prozessende gar nicht mehr. W.s Pflichtverteidiger mühte sich redlich. Könnte der Angeklagte nicht unter paranoiden Wahnvorstellungen gelitten haben, als er die junge Ägypterin auf einem Dresdner Spielplatz anpöbelte und sich damit einen Strafbefehl wegen Beleidigung einhandelte? Fühlte er sich verfolgt, als ihm die Staatsanwaltschaft wegen seiner Unbelehrbarkeit schließlich gar eine kurze Freiheitsstrafe androhte?

In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, wie der Prozess weitergehen wird, der wegen der Brutalität der Tat und des ungewöhnlichen Tatorts sowie des abschreckenden Rassenwahns des Angeklagten weltweit Beachtung fand. Vielleicht ändert sich ja außer der Uhrzeit für die Urteilsverkündung am Mittwoch weiter nichts.

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