Nicht haftfähig "Enkeltrick-Pate" nach Festnahme wieder auf freiem Fuß

Seit Jahren versuchen Fahnder und Staatsanwälte, den Erfinder des sogenannten Enkeltricks hinter Gitter zu bringen. Nun hat er sich der Justiz erneut entzogen - mit einer simplen Ausrede.
Arkadiusz "Hoss" Lakatosz wird 2014 in Warschau abgeführt (Archiv)

Arkadiusz "Hoss" Lakatosz wird 2014 in Warschau abgeführt (Archiv)

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Frauen sind außer sich. "Ihr Arschlöcher, mein Mann ist schwer krank!", schreit Silwia O. Gemeinsam mit ihrer Tochter, Spitzname Sissy, schlägt sie gestern Morgen wie von Sinnen vor dem Amtsgericht Warschau auf das Kamerateam von SPIEGEL TV ein. Unter den Augen der anwesenden Polizisten reißen die Damen den Reporter an den Haaren und bringen mit ihren Attacken den Kameramann zu Fall. Auf dem Weg zum Taxi nimmt Sissy noch einmal Anlauf und bespuckt die Journalisten. Hinter ihr, begleitet von einem Anwalt, steigt seelenruhig Sissys Vater ins Auto.

Der Mann, der nach Ansicht zahlreicher Staatsanwälte und Fahnder längst hinter Gittern sitzen sollte, wurde nach einer Haftprüfung soeben wieder auf freien Fuß gesetzt. Arkadiusz Lakatosz, Spitzname Hoss, ist der Oberpate und Elder Statesman der "Enkeltrick-Mafia". Ein Netzwerk von Roma-Clans, das von Polen aus seit vielen Jahren ältere Menschen im gesamten deutschsprachigen Raum mit Telefonbetrügereien um ihr Erspartes bringt. Der Schaden geht jährlich in die Millionen.

Hoss hat die Enkeltrick-Masche Ende der Neunzigerjahre mit zwei Brüdern erfunden. Erst am Donnerstag hatten Kräfte der polnischen Spezialeinheit CBS den mit mehreren EU-Haftbefehlen gesuchten Clanchef nach Informationen von SPIEGEL TV beim Verlassen einer Wohnung in der Warschauer Innenstadt festgenommen. Es war bereits das zweite Mal.

Jahrelang abgetaucht

Im Mai 2014 hatte die Warschauer Polizei den Ex-Hamburger nach über zehn Jahren auf der Flucht im polnischen Exil schon einmal verhaftet. Doch nach Hinterlegung einer Kaution von umgerechnet 120.000 Euro war Lakatosz Ende 2014 unter Auflagen aus der Haft entlassen worden. Und tauchte erneut ab. Bis zur Festnahme am Donnerstag war Hoss nun wieder auf der Flucht.

SPIEGEL TV

Bis zum Abschluss des Verfahrens, so die Hoffnung der Fahnder, würde Arkadiusz Lakatosz in Untersuchungshaft kommen. Doch vor dem polnischen Haftrichter betonte der Enkeltrick-Pate gestern seinen schlechten Gesundheitszustand - er sei nicht haftfähig. Offenbar habe der 49-Jährige nicht mal ein Attest vorlegen müssen, heißt es. Der Richter glaubte den Schilderungen und entließ Lakatosz nach Zahlung einer Kaution von umgerechnet rund 70.000 Euro in die Freiheit. Hoss' Rechtsanwalt war für eine Stellungnahme noch nicht zu erreichen.

"Totalversagen der Justiz und Politik"

Fünf Mal wöchentlich muss Lakatosz sich nun auf einer Warschauer Polizeiwache melden. Doch an einer Flucht gehindert haben ihn solche Auflagen in der Vergangenheit nicht. Wie es nun weitergeht, und ob Hoss zu einem Gerichtstermin überhaupt erscheinen wird, ist völlig unklar.

"Er entzieht sich seit 16 Jahren jeder Verurteilung. Wir haben es hier mit einem Totalversagen der Justiz und Politik zu tun. Es zeigt die Machtlosigkeit der Staaten in Europa gegen das organisierte Verbrechen. Und mit nichts anderem hat man es beim Enkeltrick zu tun", sagt ein deutscher Ermittler.

Zumindest für einen nahen Verwandten von Hoss könnte es demnächst eng werden. Seit Mitte Januar muss sich sein Sohn Marcin Kolompar, genannt Lolli, wegen zahlreicher Enkeltricktaten vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Mit einem Urteil wird nicht vor Ende des Jahres gerechnet.

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