Polizeibrutalität Überwachungskamera filmt Übergriff

Überwachungskameras sollen die Sicherheit für die Bürger erhöhen. In New Jersey könnte eine Videoaufzeichnung zur Überführung der Täter einer brutalen Attacke führen. Die trugen Uniformen, ihr Auto hatte Blaulicht: Die Beamten sehen sich mit dem Vorwurf eines rassistischen Übergriffs konfrontiert.

New Jersey - Der Mann steht an einer Straßenecke, als ein Polizeiwagen neben ihm hält. Aus dem Wagen heraus wird er angeblich aufgefordert, seine Jacke zu schließen. Er kommt der Aufforderung nach. Was dann passiert, sorgt in New Jersey aktuell für einige Unruhe: Ein Beamter steigt aus, geht auf den Mann zu und beginnt ihn zu prügeln, mit Faust und Schlagstock. Das alles wird von einer Überwachungskamera aufgezeichnet, später zeigt es der Nachrichtensender CNN im Fernsehen und im Internet:

Immer wieder geraten US-Polizisten wegen übergroßer Härte, willkürlicher Gewalt oder rassistischer Übergriffe in die Kritik. Auch der aktuelle Fall, geschehen am 29. Mai 2009 und Ende der Woche öffentlich geworden, scheint in dieses Schema zu passen. Angeklagt ist zurzeit nur der Mann, der auf dem Video als Opfer erscheint.

Der heißt Ronnie Holloway, ist 49 Jahre alt und nach Angaben seiner Familie und Rechtsvertreter geistig behindert, wie CNN berichtet: Seine Mutter, bei der er noch immer lebt, bezeichnet ihn als schizophren, Holloway bekommt Psychopharmaka. Sein Anwalt nennt ihn "geistig in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt". Die Anklage gegen ihn: Widerstand gegen die Staatsgewalt, ungebührliches Benehmen und "Herumlaufen mit der Absicht, illegale Substanzen zu erwerben".

Unsinn, sagt der Anwalt, der geistig behinderte Ronnie sei spazieren gegangen - nach Aussage der Mutter seine liebste Beschäftigung. Das ungebührliche Benehmen bestand offenbar darin, dass Holloway unter seiner Jacke kein Hemd trug, wie CBS herausfand - daher die Aufforderung, seine Jacke zu schließen. Dass er dieser nachkam, schützte ihn nicht davor, anschließend verprügelt zu werden.

Böse Erinnerungen

Die Bilder, von allen großen Networks landesweit ausgestrahlt, haben für Unruhe gesorgt: Erinnerungen an frühere spektakuläre Misshandlungen und Übergriffe werden wach. Im bisher schlimmsten Fall gipfelte die Empörung über einen brutalen rassistischen Übergriff auf den Schwarzen Rodney King und den anschließenden Freispruch für die uniformierten Täter 1992 in mehrere Tage andauernde, bürgerkriegsähnliche Unruhen in Los Angeles. Dabei kamen 53 Menschen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 2000 verletzt, der Sachschaden lag bei rund einer Milliarde Dollar. Auch der Fall King wurde durch einen Videomitschnitt öffentlich.

Was genau den Beamten zu seinem Angriff auf Holloway bewegt hat, ist bisher nicht bekannt. Holloways Anwältin sagte CNN, dass der Vorfall damit endete, dass Holloway über Nacht inhaftiert wurde, ohne dass seine Verletzungen - darunter eine Hornhautverletzung und Prellungen am Körper - versorgt wurden. Der Regionalpresse von NorthJersey.com erzählte Holloway, dass man ihr sogar verweigert habe, ihrem Sohn seine Medikamente zu bringen. Immerhin sei er am Morgen nach dem Zwischenfall zur Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht worden.

Der mildeste Vorwurf, mit dem sich die Beamten nun konfrontiert sehen, ist unverhältnismäßige Härte gegenüber einem Verdächtigen. Am Samstag kam es zu einer ersten kleinen Demonstration vor dem Rathaus der Gemeinde Passaic, an der auch Holloway teilnahm. Die Demonstranten verlangten die Suspendierung des prügelnden Polizisten Joseph R. Rios III.

Zu der, das ist Konsens in vielen Blogs und Diskussionen im Netz, wird es nicht kommen: Derzeit werden Wetten darauf abgeschlossen, dass die beteiligten Beamten nicht belangt werden. Im Web kocht es, die Zahl der Webseiten, der MySpace-, Facebook-, YouTube-Beiträge zum Thema wächst. Das Video kursiert in etlichen Schnittfassungen, einige davon noch deutlicher als die von CNN : Da sieht man, wie Holloway an der Ecke ankommt, stehenbleibt, sich offenbar orientiert. Wenige Sekunden später hält der Streifenwagen neben ihm.

Noch am Samstag ließ ein Sprecher der Polizei von Passaic wissen, dass der belastete Polizist Joseph R. Rios III im Dienst bleiben sollte, "bis die Abteilung für innere Angelegenheiten die Sache geprüft hat". Auch die Staatsanwaltschaft von Passaic war zu diesem Zeitpunkt aktiv geworden. "Ich weiß, dass sich unsere Leute das angesehen haben", sagte Staatsanwalt Bruno Mongiaro der Lokalpresse von den "Herald News". 

Innendienst bis zur Klärung des Falles

Am Samstagnachmittag dann war das alles Bürgermeister Alex Blanco nicht mehr genug. Die Medienberichte häuften sich, vor dem Rathaus demonstrierten Bürger, darunter auch eine Frau, die behauptete, in der Vergangenheit Opfer eines Übergriffs des prügelnden Polizisten geworden zu sein, weil sie bei einer Kontrolle "nicht schnell genug aus dem Auto gekommen" sei.

Blanco appellierte, die Ruhe zu bewahren: "Das Video dieses Zwischenfalls", heißt es in einem am späten Samstagnachmittag veröffentlichten Statement, "ist zutiefst verstörend. Aber ich appelliere an die Gemeinde, sich mit Urteilen zurückzuhalten, bis eine vollständige Untersuchung des Zwischenfalls abgeschlossen ist und von unabhängigen Beamten der Justiz begutachtet wurde. Im Gespräch mit unserem Polizeichef habe ich darum gebeten, dass der Beamte Rios bis dahin andere Aufgaben wahrnimmt."

pat

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