Polizeieinsätze Terror-Angst in London und Toronto

Planten Terroristen einen Anschlag während der WM? In London sucht die Polizei fieberhaft nach einer "schmutzigen chemischen Bombe". Großeinsatz mit Hunderten Polizisten auch in Toronto: Dort wurden 17 Verdächtige verhaftet, die tonnenweise Sprengstoff gebunkert haben sollen.

Toronto/London - Einen solchen Anti-Terror-Einsatz hat Kanada seit dem 11. September 2001 nicht mehr erlebt: Im Staat Ontario haben die kanadischen Sicherheitskräfte nach jüngsten Angaben nun zwölf erwachsene Männer und fünf Jugendliche festgenommen. Gegen die Festgenommenen lägen Anschuldigungen "im Zusammenhang mit Terrorismus" vor. An dem Einsatz waren rund 400 Polizisten beteiligt. Die Festgenommenen seien Anhänger einer von "al-Qadia beeinflussten Gruppe", sagte ein Polizeisprecher.

Die kanadischen Behörden teilten mit, sie hätten bei den Männern drei Tonnen Ammoniumnitrat beschlagnahmt - drei Mal mehr als 1995 bei dem Terroranschlag in Oklahoma City eingesetzt wurde, bei dem 167 Menschen starben. Damit hätten die Verdächtigen Ziele in Südontario angreifen wollen, hieß es. Die Männer seien in einem Terror-Schulungs-Camp auf kanadischem Boden ausgebildet worden, so die Mitteilung. "Diese Gruppe stellte eine wirkliche und ernsthafte Bedrohung dar", sagte der Polizeipräsident Mike McDonell: "Sie hatte die Fähigkeit und den Willen, Angriffe auszuführen." Die Festgenommenen wurden unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in einer Polizeiwache im Vorort Pickering untergebracht.

Berichte, denenzufolge die Gruppe den 553 Meter hohen Canadian National Tower und die U-Bahn Torontos gefilmt hatten, wollte die Polizei zunächst nicht bestätigen. Zuvor hatte es geheißen, einige der Verdächtigen hätten Filmaufnahmen von dem Tower, dem Wahrzeichen Torontos, und der U-Bahn gemacht. Der CN Tower ist das höchste freistehende Bauwerk der Welt, in der U-Bahn sind täglich rund 800.000 Pendler unterwegs. Die Zeitung "Toronto Star" berichtete unter Berufung auf nicht näher genannte Quellen, der kanadische Geheimdienst CSIS habe die Gruppe seit 2004 beobachtet.

Ein Geheimagent, der an dem Anti-Terror-Einsatz beteiligt war, beschrieb die Männer der Tageszeitung "Globe and Mail" zufolge als "Terroristen, die den Westen hassen". Sie seien offenbar aus verschiedenen Gründen Anhänger einer Gewalt verherrlichenden Ideologie geworden, die vom Terrornetzwerk al-Qaida inspiriert wurde, sagte Luc Portelance vom kanadischen Geheimdienst.

Die Verdächtigen im Alter von 19 bis 43 Jahren sympathisieren laut TV-Berichten zwar mit islamistischen Gruppen, hätten aber keine Beziehungen zu al-Qaida. Sie seien Kanadier in zweiter Generation oder erst kürzlich ins Land gereiste Einwanderer. Alle seien in Kanada gemeldet, die Mehrzahl der Verdächtigen habe kanadische Nationalität. "Sie kommen aus allen Schichten unserer Gesellschaft. Manche sind Studenten, einige angestellt, einige arbeitslos", sagte McDonnell. Kanadas Regierungschef Stephen Harper sagte, die Männer "hatten offenbar vor, Terrorangriffe gegen ihr eigenes Land und ihre eigenen Leute zu begehen." Er fügte hinzu: "Kanada ist nicht immun gegen die Bedrohung des Terrorismus."

McDonnell warnte vor weiteren Gefahren durch Extremisten. "Wir müssen wachsam bleiben." Kanada sei genauso gefährdet durch Terror-Aktivitäten, wie andere Länder. Erst diese Woche hatte der kanadische Geheimdienst zugegeben, nicht zu wissen, wo sich viele kanadische Terror-Verdächtige aufhalten und vor der zunehmenden Gefahr durch "selbst-gezüchtete Terroristen" gewarnt, die in der Gesellschaft integriert seien.

London: Polizei sucht nach Chemie-Bombe

Nach einer großen Razzia am Freitag ist die Polizei heute auch in London in Alarmbereitschaft geblieben. Zeitungsberichten zufolge fürchtet sie, dass ein Anschlag mit einer Chemie-Bombe geplant sein könnte. "Wir sind absolut sicher, dass eine solche Bombe existiert und entweder von einem Selbstmordattentäter oder bei einer ferngesteuerten Explosion gezündet werden könnte", zitierte das Boulevardblatt "Sun" einen namentlich nicht genannten Vertreter der Sicherheitskräfte. Eine schmutzige chemische Bombe ist ein Sprengsatz, der mit toxischem Material versehen ist. In der Regel wird der Begriff schmutzige Bombe insbesondere für nukleare Waffen verwendet.

Auch andere Zeitungen berichteten unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass möglicherweise ein Anschlag unmittelbar bevorstehe. Ziele könnten das U-Bahn-Netz oder gut besuchte Pubs sein, in denen Fans während der Fußball-WM gemeinsam Spiele im Fernsehen verfolgen. "Wir sind zu 100 Prozent sicher, dass ein Anschlag geplant wurde", sagte ein Polizei-Vertreter dem "Daily Mirror". "Wir könnten es nicht unterbinden, er könnte sich sehr bald ereignen." Die Polizei kommentierte die Berichte zunächst nicht.

Am Freitag hatten mehr als 250 Polizisten bei einem Anti-Terror-Einsatz in einem Londoner Wohnhaus einen Mann festgenommen und einen weiteren angeschossen. Sie trugen Schutzanzüge gegen Strahlen sowie biologische und chemische Gefahren. Die Polizei teilte mit, es sei nichts Verdächtiges gefunden worden. Es handelte sich um eine der größten Razzien seit den Selbstmordanschlägen auf das Londoner Nahverkehrssystem vergangenen Juli, bei denen 52 Personen ums Leben kamen.

Die Polizei hat die gründliche Durchsuchung des Hauses im Osten der britischen Hauptstadt heute fortgesetzt. Das Viertel Forest Gate blieb abgesperrt, das Haus wurde hinter einem Gerüst mit einer Plane verborgen. Die Durchsuchung sollte den Angaben zufolge mehrere Tage dauern.

Zwei am Donnerstag festgenommenen Verdächtigen wurden nach Angaben einer Sprecherin von Scotland Yard weiter vernommen. Anklage sei noch nicht erhoben worden. Der bei dem Einsatz verletzte 23-jährige Mohammed Abdul Kahar  befand sich den Angaben zufolge weiter im Krankenhaus. Laut BBC handelt es sich bei den zwei Festgenommenen um zwei in Großbritannien geborene Männer, die in dem Haus mit ihren aus Bangladesch stammenden Eltern wohnen.

Die Terrorverdächtigen beteuerten am Samstag über ihre Anwälte ihre Unschuld. Die Anwältin des verletzten Kahars erhob zugleich schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Bei einer Anhörung vor Gericht erklärte sie, ihr Mandant sei im Schlaf überrascht und ohne Vorwarnung angeschossen worden, als er im Schlafanzug und unbewaffnet auf die vermeintlichen Eindringlinge zuging. Auch der Anwalt des 20-jährigen Bruders erklärte, dieser sei unschuldig. Der Verdacht, die Brüder hätten in ihrem Wohnhaus im Ost- Londoner Einwandererviertel Forest Gate an einer Chemiewaffe gebastelt, sei abwegig.

Bei der Gerichtsanhörung wurde der Polizei gestattet, die beiden Verdächtigen zunächst bis zum kommenden Mittwoch festzuhalten und bis dahin Beweise für deren Schuld zu suchen. itz/Reuters/AFP

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