SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

31. Dezember 2014, 16:59 Uhr

"Kalter Krieg" um New Yorks Polizei

NYPD Blues

Von , New York

New Yorks Bürgermeister de Blasio steckt in seiner schwersten Krise: Nach dem Mord an zwei Polizisten stellen sich viele Cops offen gegen ihn. Kippt die Debatte um Polizeigewalt in den USA?

Bill de Blasio ist berüchtigt dafür, zu spät zu kommen. Der New Yorker Bürgermeister hat dafür stets eine neue Ausrede: Verkehrsstau, Migräneanfall - oder "eine harte Nacht". So entschuldigte er sich neulich, als er die alljährliche Gedenkfeier für die Opfer eines Flugzeugabsturzes fast verpasste.

Diesmal aber ist er überpünktlich: Zum Krisentreffen in der neuen Polizeiakademie erscheint de Blasio am Dienstagnachmittag sieben Minuten zu früh. Dennoch ist er auch hier der Letzte: Die anderen Teilnehmer warten bereits: Polizeichef Bill Bratton und die Chefs der fünf großen Polizeigewerkschaften.

Anlass der zweistündigen Zusammenkunft: Abertausende New Yorker Cops haben sich in den letzten Tagen immer offener gegen ihren politischen Dienstherrn gestellt. Sie geben de Blasio indirekt die Mitschuld an der Ermordung ihrer Kollegen Wenjian Liu und Rafael Ramos durch einen schwarzen Amokläufer.

Der Fall hat den monatelangen US-Protesten gegen Polizeigewalt komplett den Wind aus den Segeln genommen - und de Blasio, kaum ein Jahr im Amt, in seine bisher schwerste Krise gestürzt. Zwischen dem Bürgermeister und den fast 50.000 Cops des New York Police Departments (NYPD) herrscht "Kalter Krieg" ("Daily News").

Dabei deutete sich der Riss lange an. Bereits im Wahlkampf hatte de Blasio, der mit einer Schwarzen verheiratet ist, den NYPD-Hardlinern den Kampf angesagt. Mit seinem Amtsantritt schwor er, die "Stop-and-frisk"-Praxis abzuschaffen, da sich die Leibesvisitationen auf offener Straße meist gegen Schwarze und Latinos richten.

Auch de Blasios neuer Polizeichef Bratton, der das NYPD in den Neunzigerjahren schon mal geführt hatte, versprach Reformen - was viele Beamte ebenfalls mit Unmut quittierten. Schließlich hält sich Amerikas größte Polizeitruppe für fast unfehlbar. Motto: "New York's Finest" - die Besten New Yorks.

Zum Bruch kam es aber erst, als eine Grand Jury beschloss, keine Anklage gegen einen NYPD-Cop zu erheben, der den Schwarzen Eric Garner im Sommer in einen tödlichen Würgegriff genommen hatte. Darauf explodierten auch in New York Massenproteste.

De Blasio solidarisierte sich anfangs bewusst mit den Demonstranten: Schon oft habe er mit seinem 17-jährigen Sohn Dante über "die Gefahren" gesprochen, die ihm "bei seinen Begegnungen mit Polizisten" drohen könnten.

Die Beamten nahmen ihm das übel. De Blasio habe das NYPD "den Wölfen zum Fraß vorgeworfen", wetterte Pat Lynch, der Chef der größten New Yorker Polizeigewerkschaft.

Eine Woche später kippte die Stimmung ganz. Ismaaiyl Brinsley, ein psychisch gestörter Schwarzer, schoss erst seine Ex-Freundin in Maryland an und fuhr dann nach New York, um, wie er auf Instagram kaum verhohlen ankündigte, Cops zu erschießen. Zwei fand er in ihrem Streifenwagen in Brooklyn: Am 20. Dezember erschoss er Liu und Ramos und brachte sich danach selbst um.

Da rastete Gewerkschaftschef Lynch vollends aus: De Blasio und die polizeikritischen Demonstranten hätten zu Gewalttaten gegen Polizisten ermuntert.

Nach den landesweiten Protesten gegen die Polizei sehen sich die Beamten nun selbst als Opfer - und dämonisieren die Demonstranten und ihre Unterstützer als Cop-Killer-Sympathisanten.

Im Krankenhaus, in das Liu und Ramos gebracht wurden, kehrten Dutzende Cops de Blasio demonstrativ den Rücken. Ähnlich geschah es bei Ramos' Beerdigung. Auch auf der Abschlussfeier der NYPD-Akademie am Montag erntete de Blasio Buhrufe: "Verräter!"

Doch das beispiellose Aufmucken der Cops kommt nicht überall an. "Viele New Yorker Beamte verspielen die Glaubwürdigkeit der Polizei, zerstören ihre Reputation, zerfleddern ihren hart erworbenen Respekt", schreibt die "New York Times" in einem Leitartikel. "Es ist ein erbärmliches Verhalten."

Aber auch das Treffen am Dienstag bringt nicht die erhoffte Entspannung. "Es gab keine Lösung", sagt Gewerkschaftsboss Lynch anschließend kühl. "Die Zeit wird es zeigen."

Unterdessen macht schon der nächste Fall Schlagzeilen - der des 25-jährigen Schwarzen Ezell Ford in Los Angeles, der im August von Cops erschossen wurde. Am Dienstag wurde endlich der Autopsiebericht veröffentlicht: Der unbewaffnete Ford wurde dreimal getroffen - einmal aus unmittelbarer Nähe in den Rücken.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung