"Kalter Krieg" um New Yorks Polizei NYPD Blues

New Yorks Bürgermeister de Blasio steckt in seiner schwersten Krise: Nach dem Mord an zwei Polizisten stellen sich viele Cops offen gegen ihn. Kippt die Debatte um Polizeigewalt in den USA?

Tiefe Spaltung: New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio vor NYPD-Rekruten
REUTERS

Tiefe Spaltung: New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio vor NYPD-Rekruten

Von , New York


Bill de Blasio ist berüchtigt dafür, zu spät zu kommen. Der New Yorker Bürgermeister hat dafür stets eine neue Ausrede: Verkehrsstau, Migräneanfall - oder "eine harte Nacht". So entschuldigte er sich neulich, als er die alljährliche Gedenkfeier für die Opfer eines Flugzeugabsturzes fast verpasste.

Diesmal aber ist er überpünktlich: Zum Krisentreffen in der neuen Polizeiakademie erscheint de Blasio am Dienstagnachmittag sieben Minuten zu früh. Dennoch ist er auch hier der Letzte: Die anderen Teilnehmer warten bereits: Polizeichef Bill Bratton und die Chefs der fünf großen Polizeigewerkschaften.

Anlass der zweistündigen Zusammenkunft: Abertausende New Yorker Cops haben sich in den letzten Tagen immer offener gegen ihren politischen Dienstherrn gestellt. Sie geben de Blasio indirekt die Mitschuld an der Ermordung ihrer Kollegen Wenjian Liu und Rafael Ramos durch einen schwarzen Amokläufer.

Der Fall hat den monatelangen US-Protesten gegen Polizeigewalt komplett den Wind aus den Segeln genommen - und de Blasio, kaum ein Jahr im Amt, in seine bisher schwerste Krise gestürzt. Zwischen dem Bürgermeister und den fast 50.000 Cops des New York Police Departments (NYPD) herrscht "Kalter Krieg" ("Daily News").

De Blasio mit Kindern und Frau: "Gefahren bei Begegnung mit Polizisten"
Getty Images

De Blasio mit Kindern und Frau: "Gefahren bei Begegnung mit Polizisten"

Dabei deutete sich der Riss lange an. Bereits im Wahlkampf hatte de Blasio, der mit einer Schwarzen verheiratet ist, den NYPD-Hardlinern den Kampf angesagt. Mit seinem Amtsantritt schwor er, die "Stop-and-frisk"-Praxis abzuschaffen, da sich die Leibesvisitationen auf offener Straße meist gegen Schwarze und Latinos richten.

Auch de Blasios neuer Polizeichef Bratton, der das NYPD in den Neunzigerjahren schon mal geführt hatte, versprach Reformen - was viele Beamte ebenfalls mit Unmut quittierten. Schließlich hält sich Amerikas größte Polizeitruppe für fast unfehlbar. Motto: "New York's Finest" - die Besten New Yorks.

Zum Bruch kam es aber erst, als eine Grand Jury beschloss, keine Anklage gegen einen NYPD-Cop zu erheben, der den Schwarzen Eric Garner im Sommer in einen tödlichen Würgegriff genommen hatte. Darauf explodierten auch in New York Massenproteste.

De Blasio solidarisierte sich anfangs bewusst mit den Demonstranten: Schon oft habe er mit seinem 17-jährigen Sohn Dante über "die Gefahren" gesprochen, die ihm "bei seinen Begegnungen mit Polizisten" drohen könnten.

Die Beamten nahmen ihm das übel. De Blasio habe das NYPD "den Wölfen zum Fraß vorgeworfen", wetterte Pat Lynch, der Chef der größten New Yorker Polizeigewerkschaft.

Tatort Brooklyn: Am 20. Dezember wurden hier zwei Polizisten erschossen
REUTERS

Tatort Brooklyn: Am 20. Dezember wurden hier zwei Polizisten erschossen

Eine Woche später kippte die Stimmung ganz. Ismaaiyl Brinsley, ein psychisch gestörter Schwarzer, schoss erst seine Ex-Freundin in Maryland an und fuhr dann nach New York, um, wie er auf Instagram kaum verhohlen ankündigte, Cops zu erschießen. Zwei fand er in ihrem Streifenwagen in Brooklyn: Am 20. Dezember erschoss er Liu und Ramos und brachte sich danach selbst um.

Da rastete Gewerkschaftschef Lynch vollends aus: De Blasio und die polizeikritischen Demonstranten hätten zu Gewalttaten gegen Polizisten ermuntert.

Nach den landesweiten Protesten gegen die Polizei sehen sich die Beamten nun selbst als Opfer - und dämonisieren die Demonstranten und ihre Unterstützer als Cop-Killer-Sympathisanten.

Im Krankenhaus, in das Liu und Ramos gebracht wurden, kehrten Dutzende Cops de Blasio demonstrativ den Rücken. Ähnlich geschah es bei Ramos' Beerdigung. Auch auf der Abschlussfeier der NYPD-Akademie am Montag erntete de Blasio Buhrufe: "Verräter!"

Doch das beispiellose Aufmucken der Cops kommt nicht überall an. "Viele New Yorker Beamte verspielen die Glaubwürdigkeit der Polizei, zerstören ihre Reputation, zerfleddern ihren hart erworbenen Respekt", schreibt die "New York Times" in einem Leitartikel. "Es ist ein erbärmliches Verhalten."

Aber auch das Treffen am Dienstag bringt nicht die erhoffte Entspannung. "Es gab keine Lösung", sagt Gewerkschaftsboss Lynch anschließend kühl. "Die Zeit wird es zeigen."

Unterdessen macht schon der nächste Fall Schlagzeilen - der des 25-jährigen Schwarzen Ezell Ford in Los Angeles, der im August von Cops erschossen wurde. Am Dienstag wurde endlich der Autopsiebericht veröffentlicht: Der unbewaffnete Ford wurde dreimal getroffen - einmal aus unmittelbarer Nähe in den Rücken.

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crazy_swayze 31.12.2014
1.
Wenn ein Dienstherr nicht glaubt, dass seine Untergebenen ihre Arbeit bestmöglich verrichten, dann ist er fehl am Platze. Wenn er zudem seinem Sohn sagt er habe sich vor denen auch noch zu fürchten, braucht er sich auch nicht wundern dass ihm diese Leute die Gefolgschaft verweigern.
Subco1979 31.12.2014
2. Da regen wir uns über Pegida auf...
... dabei stehen wir in Deutschland verglichen mit vielen anderen, vor allem (aber nicht nur) außereuropäischen, Ländern verdammt gut da. In dem Artikel kann man gut lesen, wie tief der Rassismus in den USA in der Gesellschaft verwurzelt ist. Dabei sind die USA gerade ein Einwanderungsland sonder gleichen. Von der Urbevölkerung ist ja eigentlich nichts mehr übrig. Offenbar ist viel Multi-Kulti im eigenen Land noch lange kein Garant für Frieden und Toleranz. Damit es bei uns so bleibt, muss dringend von der Dämonisierung von Menschen anderer Meinung abgesehen werden. Nur wenn wir unsere gegenseitigen Standpunkte und Sichtweisen von der Motivation her zu verstehen versuchen, kann man gemeinsam nach Lösungen suchen. Im Moment wird - leider auch und gerade von den Leitmedien ein Keil in die Gesellschaft getrieben. So spaltet man und schafft Gräben, die irgendwann unüberwindbar werden und daher irgendwann in Gewalt münden. Ich hoffe, dass der Umdenkprozess in den USA überwiegend friedlich einsetzen wird. Leider gibt es auch Potential, die in Richtung Polizeistaat führen können.
DerNachfrager 31.12.2014
3. Täusche ich mich, oder ist der Bürgermeister...
...nicht gleichzeitig oberster Dienstherr der Polizei ? Und der tritt öffentlich breit dass er seinen eigenen Sohn vor seinen eigenen Leuten warnt ? Braucht hier noch irgendjemand eine Definition von "politischer Bankrotterklärung" ?
Conny44 31.12.2014
4. Die Diskussion hier bei uns lohnt nicht.
2jähriger erschießt seine Mutter (von 4 Kindern) mit ihrer Pistole im Supermarkt. Diese Schlagzeilen waren echt! Polizisten erschießen 2jährigen, der mit einer Waffe auf sie zielte, wäre eine Schlagzeile, die man in den USA noch erwarten kann. Die Waffengesetze sind erbärmlich, die Ausbildung der Polizisten miserabel, und viele bekloppte Machos kriegen eine Polizeiuniform dort und leben sich und ihre Vorurteile aus. Das sind Fakten. Aber was sollen wir hier diskutieren? Man kann nur die USA meiden damit nicht auf dem Grabstein steht: Shot down by mistake.Das hat in den USA ebenso Tradition wie das Hinrichten Unschuldiger . Ca. 150 zum Tode Verurteilte sind in den letzten Jahren wegen Unschuld aus der Todeszelle oder lebenslanger Haft entlassen worden. Dies wurde auch von amerikanischen Anwälten, Professoren und Studenten bewirkt. Dieses Amerika gibt es auch. Aber insgesamt haben sie ein " lausiges Rechtssystem" wie eine achtenswerte deutsche Politikerin einmal sagte. Nur hier Diskutieren im SPON bringt NICHTS.
pterodactylus 31.12.2014
5. Wenn die Polizei Amok läuft...
dann muss sie sich nicht wundern, wenn sie sich bei der betroffenen Bevölkerungsschicht zum Ziel macht. Di Blasio muss aber dringend alles geben, um zu deeskalieren. Er hat zwar recht, wenn er seinen (dunkelhäutigen) Sohn zum jetzigen, eskalierten Zeitpunkt vor der Polizei warnt, es bringt aber nichts, wenn er dieses öffentlichkeitswirksam macht und sich somit seiner wichtigsten Waffe beraubt: Neutralität, um vermitteln zu können. Wichtig ist es, auf beiden Seiten abzurüsten. Dazu gehört vor allem aber auch, den Allmachtsgedanken der Richtigkeit des Tuns der Polizei zu drosseln. Nur wenn diese bei Unrecht gleichermaßen verurteilt wird, kann ein Gerechtigkeitsempfinden in der Bevölkerung ausgelöst werden. Solange die Polizei aber mit militärähnlichen Waffen versorgt wird sehe ich eher zunehmend kriegsähnliche Zustände kommen.
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