Polizeiliche Kriminalstatistik Mehr als hundert getötete Kinder in Deutschland

In Deutschland werden jährlich Tausende Kinder Opfer von Gewalt, 2019 sind mehr als hundert daran gestorben. Die Zahl der erfassten kinderpornografischen Delikte ist auf 12.000 angestiegen - auch weil besser ermittelt wird.
4055 vollendete Fälle im Bereich Kindesmisshandlung (Symbolbild)

4055 vollendete Fälle im Bereich Kindesmisshandlung (Symbolbild)

Foto: spukkato/ Getty Images/iStockphoto

Im vergangenen Jahr sind 112 Kinder gewaltsam zu Tode gekommen, davon starben 93 Prozent vor ihrem sechsten Lebensjahr. Das geht aus einer Auswertung  der Polizeilichen Kriminalstatistik zu kindlichen Gewaltopfern hervor. Gezählt wurden fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge, Mord oder Totschlag. Die Gesamtzahl ist im Vergleich zu 2018 leicht um 24 Fälle zurückgegangen.

Im Bereich Kindesmisshandlung wurden 4055 vollendete Fälle registriert (2018: 4129). Bei sexueller Gewalt gegen Kinder gab es einen Anstieg von 14.606 auf 15.936 Fälle. Die Polizei in Deutschland hat außerdem im vergangenen Jahr in 12.262 Fällen wegen kinderpornografischer Delikte ermittelt. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, im Vergleich zu 2016 ist das mehr als eine Verdopplung.

Diese Zahlen lassen aber keine klaren Rückschlüsse auf die tatsächliche Kriminalitätsbelastung zu, weil unklar ist, wie viele Delikte gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden.

Deutlich mehr Hinweise auf Missbrauch

Die hohe Zahl bedeutet nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) indes nicht zwangsläufig einen Zuwachs an Vergehen. Vielmehr gebe es inzwischen deutlich mehr Hinweise, etwa von einer Organisation in den USA, die vermisste Kinder auffinden und Missbrauch aufdecken will. (Lesen Sie mehr dazu hier. )

Minderjährige sind in diesem Bereich allerdings nicht nur Opfer, sondern manchmal auch Täter. Immer häufiger würden Fälle bekannt, bei denen Jugendliche kinderpornografische Videos über Messenger-Dienste wie WhatsApp tauschten. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sieht "ein erhebliches Risiko" für sexuelle Übergriffe durch andere Kinder und Jugendliche.

  • Lesen Sie hier ein Interview  über jugendliche Gewalttäter mit dem Psychiater Helmut Remschmidt.

Situation von Kindern und Familien in Corona-Pandemie noch unklar

Obwohl in der Corona-Pandemie derzeit mehr Familien oft auf engem Raum über längere Zeit zusammen sind, gehen bei der Polizei bislang nicht mehr Hinweise auf Gewalt und Missbrauch in der Familie ein als sonst. Das sagte BKA-Chef Holger Münch.

Diese Daten seien jedoch mit äußerster Vorsicht zu interpretieren, sagte er. Das Dunkelfeld sei groß und die Auflagen in der Corona-Pandemie könnten dazu beitragen, dass familiäre Konflikte eskalierten.

Zugleich seien Kinder weniger im Kontakt mit Menschen wie Erziehern, Lehrern oder Kinderärzten, an die sie sich normalerweise wenden könnten, sagte Münch. Es sei möglich, dass die Corona-Auflagen zu einer Zunahme von Gewalt führten, die die Polizei derzeit aber nicht beobachten könne.

Es sei wichtig, dass die Menschen im Umfeld von Kindern trotz physischer Distanz aufmerksam blieben und sich bei einem Verdacht an die Behörden wendeten, sagte Münch.

"Auch sexueller Missbrauch ist eine Pandemie, eine Pandemie mit dramatischem Ausmaß", sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Er sei in Sorge, dass der Kampf gegen Missbrauch und der Kinderschutz jetzt auf der politischen Prioritätenliste weiter nach unten rutschen werde. Er appelliere an Politik und Gesellschaft, den Kampf gegen sexuellen Missbrauch und Kinderpornografie nicht herunterzufahren, sondern zu verstärken.

kko/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.