Polizist als Verkehrs-Rambo Der löbliche Vorsatz, die schändliche Tat

Ein Polizist schlägt über die Stränge: Der Beamte Lutz B. will einen Motorradfahrer bei einer Ordnungswidrigkeit stoppen. Das Manöver misslingt, der Verkehrssünder stürzt, verletzt sich. B. kommt vor Gericht - und tut sich schwer, mit seiner Schuld zu leben.

Von Uta Eisenhardt, Potsdam


"Ich komme mit dem Ganzen nicht klar", ist der erste Satz von Lutz B., der im Potsdamer Büro seines Rechtsanwalts fällt. Würden nicht seine Frau, seine Töchter, Freunde und Kollegen zu ihm halten, "ich würde Schluss machen", sagt der 52-Jährige. Mit feuchten Augen, die Hände im Schoß gefaltet, ringt der kleine, untersetzte Mann um Fassung.

Zwei Dinge sind es, die ihn nicht schlafen, nicht essen, nicht ruhen lassen: "Ich habe jemanden körperlich verletzt. Da ist eine Welt in mir zusammengebrochen." Zudem hadert der Polizist mit dem Ausgang seines Prozesses vor dem Amtsgericht Potsdam. Man habe ihm seine Version des Geschehens nicht geglaubt und ihn hart bestraft. Wegen Nötigung, fahrlässiger Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr soll B. 4900 Euro Geldstrafe zahlen und darf drei Monate lang nicht Auto fahren.

Nun ist sein Vertrauen in die Rechtsordnung stark erschüttert. Vor 23 Jahren kam B., nach einer Ausbildung zum Berufskraftfahrer, zur Polizei. "Es hat mich dahin gezogen", sagt er.

Seit neun Jahren obliegt ihm die Wartung der Hardware der Brandenburger Polizei, wegen defekter Computer und Drucker ist B. ständig im gesamten Bundesland unterwegs. Dafür braucht er einen Führerschein - weil ihm der nun für ein Vierteljahr entzogen wird, hätte B. nach dem Urteil, das diese Woche gefällt wurde, am liebsten alles hingeworfen: "Aber ich hänge zu sehr an meinem Job, ich mach den gern."

"Dass ich vom Gas runter musste, hat mich geärgert"

Ein Novembernachmittag im Jahr 2006. Das erste Mal sieht Lutz B. den Motorradfahrer auf einer Linksabbiegerspur in der Potsdamer Innenstadt. Doch statt ordnungsgemäß abzubiegen, fährt der Biker geradeaus, setzt sich vor den Skoda Kombi des Polizisten. B. ist erbost. "Dass ich vom Gas runter musste, das hat mich geärgert. Das gebe ich zu", sagt B. vor Gericht.

Als die beiden sich an einer Baustelle erneut begegnen, öffnet B. seine Fahrertür, steigt mit einem Bein aus seinem Auto, wedelt mit seinem Dienstausweis. "Ich habe seine Augen in seinem linken Außenspiegel gesehen. Ich bin davon ausgegangen, dass er mich wahrgenommen hat." Doch unbeirrt setzt Alexander J. die Fahrt mit seiner Kawasaki fort.

Der Polizist überholt den Motorradfahrer, versucht ihn auszubremsen. Alexander J. vor Gericht: "Ich dachte: Kennt der sich nicht aus, oder sucht er einen Parkplatz?" Die Kawasaki fährt noch einmal am Skoda vorbei, ordnungsgemäß auf der linken Seite, behauptet Alexander J. - doch der Polizist erklärt: "Er überholte mich rechts. Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein!" Also nimmt B. erneut die Verfolgung auf.

Die Kawasaki zertrümmert den Fuß des Gestürzten

Vor einer Rechtskurve holt er den Biker ein. Jetzt liegen die Fahrzeuge auf gleicher Höhe, der Skoda links, das Motorrad rechts. Der Angeklagte sagt, er habe die rechte Spur allmählich verengen wollen, um den Motorradfahrer zu stoppen. Doch das Manöver geht schief: Die Kawasaki kracht vorn rechts in den Skoda, kippt um und rutscht auf den Gehweg. Die 205 Kilogramm schwere Maschine zertrümmert den Fuß des Gestürzten. Außerdem trägt Alexander J. ein verdrehtes Sprunggelenk sowie eine Zerrung in Schulter und Leiste davon.

Zweieinhalb Monate lang konnte der Arzt, der als Gutachter für eine Krankenkasse beschäftigt ist, nicht arbeiten.

Das Gericht musste nun entscheiden: Hat der Angeklagte die Nachbarspur sanft verengt oder hat er mit seinem Fahrzeug ein Hindernis aufgebaut? Der Biker sagt, er habe nicht ausweichen können. Zwei Zeugen geben ihm Recht. Sie wollen den "wild gestikulierenden" Angeklagten dabei beobachtet haben, wie er "plötzlich und vehement" auf die Spur des Motorradfahrers lenkte.

Auch der Beamte, der den Unfall aufnahm, reagiert mit Unverständnis auf B.s Verhalten: "Das ist ein Motorradfahrer, der hat keine Pufferzone. Da unterlasse ich es, Fahrspuren zu verengen", sagte der Kollege vor Gericht. Außerdem besage eine Dienstanweisung, Verkehrskontrollen seien nur im Streifenwagen durchzuführen.

"Das Manöver hätte tödlich enden können"

Im Gerichtssaal hat sich B. bei seinem Opfer entschuldigt: "Es war nicht meine Absicht, dass Sie zu Schaden kommen. Es tut mir sehr leid." Verteidiger Hermann-Josef Berg versicherte, der Angeklagte werde demnächst Schmerzensgeld an den Arzt zahlen, man sei sich nahezu einig. Der Anwalt hat den Prozess optimal vorbereitet, denn Geständnis, Reue und Wiedergutmachung sind wichtige Kategorien für das Gericht.

So ist die Strafe, welche die junge Staatsanwältin forderte, recht mild: eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen und ein dreimonatiges Fahrverbot. Damit gilt der Angeklagte als nicht vorbestraft, dies wäre erst ab 90 Tagessätzen der Fall. "Das Manöver war etwas übertrieben, es hätte tödlich enden können", sagt die Anklägerin. Ihrer Meinung nach hätte sich B. "nur das Nummernschild aufschreiben müssen".

Im Gerichtssaal hat Amtsrichter Thomas Lange die Tat geächtet: "Um ein belehrendes Gespräch zu führen, hat der Angeklagte eine Körperverletzung in Kauf genommen. Da gibt es nichts, was diese Handlung rechtfertigen würde."

"Da kommen mir die Tränen und der Gedanke 'Mach Schluss'"

Doch der Richter bewies auch Einfühlungsvermögen: "Wahrscheinlich ist der Angeklagte selbst sein schärfster Kritiker. So ein Prozess geht an keinem spurlos vorüber." Er attestierte B. gute Vorsätze: "Ein Polizeibeamter, der eine Ordnungswidrigkeit verfolgt, tut etwas Gutes in dieser Welt."

Momentan denkt B. mit seinem Anwalt über eine Berufung nach. Vielleicht erkennt das Landgericht Potsdam in den angeklagten Taten eine "Verkettung unglücklicher Umstände", wie sie Anwalt Berg bezeichnet.

Die enorme finanzielle Belastung durch Schadensersatz, Verdienstausfall, Reparatur des Skoda, Schmerzensgeld, Anwaltskosten und Geldstrafe will B. mit einem Kredit abfangen. "Das habe ich mit meiner Frau besprochen."

Doch der Beamte hat auch Angst vor einem weiteren Prozess: "Noch einmal vor Gericht, das überstehe ich nicht", sagt er. Im Moment sei er krankgeschrieben, denn er könne mit niemandem reden. "Ich habe mit mir selbst zu tun. Dann kommen die Tränen und die Gedanken: 'Mach Schluss!'"



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