Polizistenmord in Augsburg "Er hat Täterwissen offenbart"

Wer erschoss den Polizisten Mathias V.? Zwei vor dem Landgericht Augsburg angeklagte Brüder bestreiten die Tat. Nun wurde die Kollegin des getöteten Beamten ein zweites Mal befragt. Es könnte sein, dass sich einer der Beschuldigten verplappert und unabsichtlich Täterwissen offenbart hat.

Angeklagte in Augsburg: "Die Taschenlampe hatte bisher keiner auf dem Radar"
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Angeklagte in Augsburg: "Die Taschenlampe hatte bisher keiner auf dem Radar"

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Jede Minute im selben Raum mit den Angeklagten Raimund M. und Rudolf R. kostet die Polizistin Diana K. Kraft. Dann greift sie mit der einen Hand nach der Hand ihrer Anwältin, mit der anderen klammert sie sich an den Tisch vor sich. Die Brüder Raimund M., 59, und Rudolf R., 57, sollen in der Nacht zum 28. Oktober 2011 auf Diana K. und ihren Kollegen Mathias V. geschossen haben. Mathias V., 41, Vater zweier Kinder, starb noch am Tatort.

Diana K. war nach dem Vorfall schwer traumatisiert, sie arbeitet heute im Innendienst. Wie die Witwe ihres Kollegen tritt sie als Nebenklägerin im Verfahren auf. Nichts ist mehr so in ihrem Leben, wie es vor jener Nachtschicht war. Als Streife der Polizeiinspektion Augsburg-Süd waren die beiden Beamten präventiv unterwegs, als sie bei dichtem Nebel auf dem Parkplatz im Augsburger Stadtteil Hochzoll-Süd zwei Männer ansprachen, reine Routinekontrolle.

Die beiden sprangen auf ihre Honda CB 500, brausten davon, die beiden Polizisten im Streifenwagen hinterher. Die Verfolgungsjagd endete im Siebentischwald, auf dem glitschigen Boden gerieten die Verfolgten ins Schleudern und stürzten. Der Polizeiwagen stoppte, die Beamten stiegen aus. "Polizei! Halt! Stehenbleiben! Hinlegen!", riefen sie.

Ohne ein Wort zu sagen, eröffnete einer der Männer das Feuer - keine zehn Meter entfernt. Im Kegel des Streifenwagenscheinwerfers muss der Schütze Mathias V. gesehen haben, davon sind die Ermittler überzeugt. Mit einer Kalaschnikow schoss er gezielt siebenmal auf den Polizisten. Dessen schusssichere Weste konnte ihn nicht retten. Diana K. schoss mehrfach auf die Flüchtenden, die das Motorrad zurückließen. Sie selbst erlitt einen Streifschuss.

Am Dienstag musste Diana K. ein zweites Mal vor der 8. Kammer des Landgerichts Augsburg aussagen. Es ging um ein winziges Detail, das ein weiteres Indiz sein könnte für die Täterschaft der Brüder. Denn die Beweislage gegen sie war zu Beginn des Prozesses eher dünn, beide schweigen eisern. Doch mit jedem Verhandlungstag fügen sich mehr Indizien zusammen, die den Verdacht gegen Raimund M. und Rudolf R. erhärten.

So hatte Rudolf R. in einer Sitzung Anfang April, als es um die Rekonstruktion des Ablaufs am Tatort ging, etliche Zwischenfragen gestellt. Er war mit seinem Verteidiger an den Richtertisch getreten und hatte sich Bilder vom Tatort angesehen. Es ging um die Frage: Wie waren die Lichtverhältnisse in jener Situation?

"Die Taschenlampe hatte bisher keiner auf dem Radar "

Rudolf R. sprach von dem Streifenwagen mit brennenden Scheinwerfern und der eingeschalteten Taschenlampe, die der später getötete Mathias V. in der Hand gehalten habe. Ein Moment, an dem einige aufhorchten: Woher wollte Rudolf R. wissen, dass der Beamte eine Taschenlampe bei sich trug, mit dieser ausstieg und in Richtung der mutmaßlichen Täter leuchtete, diese vielleicht sogar blendete? So stehe es in den Akten, verteidigte sich der Angeklagte.

Doch laut Staatsanwaltschaft stand davon nichts in den Akten, und es war bislang im Verfahren auch noch nie die Rede von einer Taschenlampe. Hat sich Rudolf R., der wie sein Bruder die Vorwürfe abstreitet, vor Gericht verplappert? Möglicherweise Täterwissen offenbart?

Sie habe nicht wahrgenommen, ob ihr Kollege mit der brennenden Taschenlampe ausgestiegen sei, sagte Diana K. am Dienstag vor Gericht. Die Taschenlampe taucht lediglich im Spurenverzeichnis auf, in dem sie aufgelistet wird. Sie selbst habe ihre Taschenlampe nicht eingeschaltet gehabt.

"Er hat Täterwissen offenbart", konstatiert Rechtsanwalt Walter Rubach, der die Witwe des erschossenen Beamten vertritt, gleichzeitig aber auch ein erfahrener Strafverteidiger ist. "Die Taschenlampe hatte bisher keiner auf dem Radar."

Adam Ahmed, Verteidiger von Raimund M., interpretiert die Aussage der Polizeibeamtin exakt anders: "Sie sagt, sie selbst habe die Taschenlampe am Gürtel getragen und, wie es ihr Kollege gehandhabt habe, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. Damit bestätigt sich, dass der Angeklagte eben kein Täterwissen hat."

Wenn sich Rudolf R. tatsächlich verraten hat, könnte dies ein weiterer wichtiger Baustein in der Indizienkette sein, die für die Verurteilung der Angeklagten notwendig ist. Und es wäre ein weiterer Beweis dafür, wie dumm-dreist der 57-Jährige agiert, obwohl er sich gerade bei der Befragung am Richtertisch durch bemüht intelligentes Auftreten hervorzutun versuchte.

Schon einmal hat Rudolf R. einen Augsburger Polizisten getötet: Kaltblütig erschoss er 1975 den 31-Jährigen an der Autobahnraststätte Augsburg-Nord. 19 Jahre lang saß er deshalb im Gefängnis, wurde vorzeitig entlassen - wegen guter Sozialprognose.

Blutspuren am Seesack

Vor der 8. Kammer des Landgerichts Augsburg geriert sich Rudolf R. von einer weniger sozialen Seite, vielmehr fällt er auch durch aggressives Verhalten auf. Einen Justizbeamten soll er angeraunzt haben: "Verpiss' dich!"

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft planten Raimund M. und Rudolf R. in jener Tatnacht einen Raub - nicht den ersten: Fünfmal sollen sie zwischen 2002 und 2011 Werttransportfirmen und einen Supermarkt ausgeraubt und insgesamt etwa 650.000 Euro erbeutet haben. Mit ihren Opfern gingen sie äußerst brutal um, schlugen auf sie ein, verletzten sie teilweise schwer.

Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage auf DNA-Spuren von Raimund M. am Tatort und auf Blutspuren an einem Seesack, der den beiden Brüdern gehört und in dem sie - nach Ansicht der Staatsanwaltschaft - in der Tatnacht zwei Kalaschnikows und zwei Pistolen transportiert haben sollen.

Die DNA-Expertin Katja Anslinger vom Münchner Institut für Rechtsmedizin bestätigte vor Gericht, dass diese Blutspuren eindeutig von dem ermordeten Polizisten stammten. Und dass am selben Seesack auch DNA-Spuren von Rudolf R. hafteten. Einen Kaufbeleg für den Sack entdeckten Ermittler in Rudolf R.s Zuhause.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
tz88ww 14.05.2013
1. hmm, stimmt...
...die Sache mit der Taschenlampe ist schon merkwürdig.
parizifal 14.05.2013
2. Polizistenmord 1975
frühzeitig entlassen wegen guter Sozialprognose. Ich liebe unser Rechtssystem. Die Sozialprognose lag doch gar nicht so falsch. Der Täter machte in seinem sozialen Umfeld genau das, was er immer gemacht hat: er bringt Leute um und begeht Raubüberfälle. Wirklich verhöhnt werden durch solche Urteile nur die Angehörigen der getöteten Polizisten.
pauschaltourist 14.05.2013
3.
Spielt ein Geständnis denn in Anbetracht der seitenlangen Indizien und Beweise denn tatsächlich noch eine gewichtige Rolle? Falls der Mord und der Mordversuch nicht nachgewiesen werden können (wovon ich nicht ausgehe), sorgen die jeweiligen kriminelle Vorgeschichten im Zusammenhang mit den beweisbaren Raub-Taten für 10 Jahre Knast und anschließender Sicherheitsverwahrung und der Sicherheit der Gesellschaft wäre ebenso gedient.
LDaniel 14.05.2013
4. Wieder
Wieder ein Mord und viele gewalttätige Überfälle, die allein irgend ein "Sozialarbeiter" mit einer "günstigen Sozialprognose" zu verschulden hat. Wann werden endlich diese Leute dafür zur Rechenschafft gezogen, wenn ihretwegen andere Menschen leiden oder sterben müssen? Wenn ich jemanden VORZEITIG entlasse, der kaltblütig und berechnend gemordet hat, muss ich mir schon sehr sehr sicher sein, dass er sein Leben grundlegend umgekehrt hat. Und auch nur bei dem geringsten Zweifel darf es diese vorzeitige Entlassung nicht geben. Man kann nur hoffe, dass beide wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt werden, die besondere schwere der Schuld festgestellt wird und keiner von beiden je wieder auf die Menschheit losgelassen wird. 2 Polizisten mussten wegen dieser Leute schon sterben, dutzende wurden bedroht und verletzt und wer weiß, was noch unentdeckt ist oder nie ans Licht kommt. So einen Freifahrtschein für Gewalttaten darf sich der Rechtsstaat nicht erlauben.
kreis_rund 14.05.2013
5.
Zitat von parizifalfrühzeitig entlassen wegen guter Sozialprognose. Ich liebe unser Rechtssystem. Die Sozialprognose lag doch gar nicht so falsch. Der Täter machte in seinem sozialen Umfeld genau das, was er immer gemacht hat: er bringt Leute um und begeht Raubüberfälle. Wirklich verhöhnt werden durch solche Urteile nur die Angehörigen der getöteten Polizisten.
Statt zu unken, sollten Sie lieber froh sein, dass unser Rechtssystem so funktioniert. Schauen Sie sich mal detailliert andere Rechtssysteme in anderen Staaten an - und wie mit den jeweiligen Rechtssystemen umgegangen wird. Es ist sooooo leicht, auf die sogenannte deutsche Kuscheljustiz zu schimpfen. Vor allen Dingen dann, wenn man nicht weiß, wie gut wir es hier haben. Kleiner Tipp: in Deutschland geht es nicht um Satisfaktion, nicht um Rache.
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