Thomas Fischer

Pornografie Trockensumpf

Thomas Fischer
Eine Kolumne von Thomas Fischer
Große Zahlungsdienstleister wollen Pornoplattformen nicht mehr bedienen. Die Tugend bahnt sich ihren Weg. Was sagt das über uns?
Plakat der Pornografieplattform Pornhub

Plakat der Pornografieplattform Pornhub

Foto: Ethan Miller / Getty Images

Pornografie, Sie erinnern sich, liebe Leser: Das ist dieses eklige Zeug, das Sie eigentlich nicht angucken, und wenn überhaupt, dann nur manchmal oder praktisch aus Versehen.

Irgendwann gegen Ende der ersten Pubertätsphase hören die Menschen, jedenfalls hierzulande, auf, sich gegenseitig stolz zu erzählen, welche unvorstellbar scharfen Sachen sie schon wieder angeschaut haben oder demnächst anzuschauen beabsichtigen. Das ist ungefähr der Lebensabschnitt, in dem Jungen (sagt man das heute noch?) aufhören, sich gegenseitig über die Penislänge zu informieren. Was Mädchen da machen, weiß ich nicht, obwohl ich eine jüngere Schwester hatte.

Gestern

Das ist bei mir auch schon furchtbar lange her. Es spielt zu einer Zeit, als man von »Pornhub« oder »xHamster« noch nicht einmal bei Philipp K. Dick oder Perry Rhodan lesen konnte und für die dringenden Informationsbedürfnisse mit dem Unterwäscheteil von Versandhauskatalogen Vorlieb nehmen musste. Von damals bis zum Kenntnisstand eines 12-jährigen Siebt- oder Achtklässlers des 21. Jahrhunderts war es, pornotechnisch gesehen, ein Erkenntnissprung wie vom homo erectus heidelbergensis zum homo neandertalensis. Mehr allerdings nicht. Selbstverständlich opferten die Eltern des Jahres 1965 auch schon eine Menge Lebenszeit, um mit pädagogischer Fachkenntnis, Liebe und regelmäßigen Gewalttätigkeiten ihre von Akne vulgaris geplagten Söhne und nach erstem »Intimspray« stinkenden Töchter vom Allerschlimmsten fernzuhalten. Sie hatten dann aber gegen die Texte von Jagger/Richards oder den Troggs keine Chance mehr.

Damals gab es noch keine wirklich ausgefeilte Kriminalstatistik. Ich glaube allerdings, dass der Eindruck nicht täuscht, dass die Anzahl der Sexualstraftaten in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts keinesfalls niedriger war als heute, obgleich der Zugang zur sogenannten harten Pornografie sich überwiegend nur in Bahnhofsnähe, im nordeuropäischen Versandhandel sowie für Personen mit hochgeschlagenem Mantelkragen bewerkstelligen ließ. Man diskutierte ausgesprochen länglich darüber, ob die Pornografie einen kathartischen, einen abstumpfenden, einen kriminogenen oder einen allgemein sittenzerstörenden Charakter habe. Über der Erforschung dieser Frage ist so mancher Bischof ergraut und so mancher Sexualforscher emeritiert worden.

Heute

Heute ist alles anders. Außer der Pornografie. Es ist dies, so sprach der Bundesgerichtshof im Jahr 1969, eine »aufdringlich vergröbernde, verzerrende Darstellung, die ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensäußerungen bleibt oder gedanklichen Inhalt zum bloßen Vorwand für die Darstellung sexuellen Verhaltens nimmt« (BGHSt 23, 40; »Fanny Hill«-Urteil). Das war schon eine Weiterentwicklung zur Entscheidung von 1952 (BGHSt 3, 295), wonach es darauf ankam, dass »die Scham und das Sittlichkeitsgefühl des normalen Menschen verletzt« werde. 1990 erkannte der BGH dann, dass Pornografie und Kunst sich nicht ausschließen und es für die Grenze des strafrechtlichen Jugendschutzes auf eine Abwägung im Einzelfall ankomme (BGHSt 37, 55, »Opus Pistorum«-Urteil). Diese letztere Botschaft ist auch nach 30 Jahren noch nicht beim normalen Menschen angekommen, der weiterhin in der Regel meist danach unterscheidet, ob etwas entweder Kunst oder Porno ist. Das ist ein rührender Versuch, die Flüchtigkeit eines Sprungs über den Abgrund mit den Maßstäben der Ewigkeit zu messen, also die konkreteste Form der Emotion mit der abstraktesten Form der Kommunikation unter einen inhaltlich-qualitativen Hut zu bringen. Er scheitert seit etwa 30.000 Jahren.

Wenn wir uns noch einmal kurz die Heftchenpornografie des 20. Jahrhunderts anschauen und die Internetpornografie der Jetztzeit danebenlegen, fallen uns zahlreiche Unterschiede, aber auch zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Ganz offensichtlich hat sich die Grenze zwischen dem verschoben, was damals ohne Scham »normal« genannt werden durfte. Erinnert sich noch jemand an den Auftritt von Hildegard Knefs bleicher Brust für zwei Sekunden? Im Untergrund wütete Russ Meyer, eine Art Fritz Teufel aus Disneyland. Heute muss man nicht ins Industriegebiet schleichen, um »Eve and the handyman« zu sehen und die kurzen Zwischenspiele simulierten Sinnzusammenhangs zu überstehen. Es reicht, wenn man ein bisschen in der »Bimbo«- oder »Barbie«-Welt googelt.

Der bemerkenswerte Unterschied besteht, verehrte Leser, nicht in der Größe der als Brüste bezeichneten Silikonballons, und auch das sonstige Equipment der Erquickung reißt einen geübten Bastler und Heimwerker nicht vom Hocker. Unterschiede kommen eher auf leisen Sohlen daher und schleichen sich von hinten ins Gefühlsleben. Es sind die Gegenstände, die in den pornografischen Zusammenhängen als Menschen auftreten, und ihre Verbindung zur Welt dessen, was die Normalen »normal« nennen.

In der sexuellen Fetischisierung der »Barbie«-Welten herrscht die Obsession, Personen (bzw. sich selbst) möglichst vollständig zu entpersonalisieren und zu benutzbaren Sachen zu formen. Dazu kann man sich sechs Rippen entfernen und Brüste wie Fifa-Fußbälle vor den Körper nähen lassen, gewaltige Vulva-Imitationen vor den Mund und starre Masken vor das Gesicht. Menschen, die das tun, werden mit merkwürdiger Faszination bedauert oder verachtet, zugleich aber in die Alltagskultur integriert. Sogenannte Ikonen der populären Kultur imitieren die Fetischisierungen und tragen sie in die Herzen der kleinen Mädchen und Knaben: Tattoos, tits & asses wie von Frau Minaj gelten nicht als eklig, sondern als mutige Authentizität. Das gilt für die Männer gleichermaßen: Vergleichen Sie einfach Michael Jackson (den Unnennbaren) mit Fred Astaire, Kanye West mit Muhammad Ali.

Apropos Sport: Der Sport hat sich schon lange im Bodybuilding von sich selbst emanzipiert. Gemeinhin wird ihm ja noch in sentimentaler Erinnerung ein Sinnzusammenhang mit Leistung, Gesundheit, Durchsetzungskraft usw. zugeschrieben. Das Körperbauen als Sport hat die Sache aber auf den Punkt gebracht: Eine mittels technischer Apparaturen zu betreibende Auslagerung von biologischen Körperfunktionen ohne den geringsten Zusammenhang mit irgendwelchen »anderen Lebensäußerungen« (siehe BGHSt 23, 40): Der Sport ist das Haben von Muskeln ohne Funktion, und Wettkämpfe finden statt, indem die Sportler sich und anderen ihre Körper vorzeigen. Schöner kann man Pornografie für Doofe fast nicht mehr demonstrieren.

Der Rest ist mehr oder weniger erträglich. Man muss das nicht beschreiben. Es ist ja auch egal, denn jenseits sämtlicher Körperöffnungen, Körperprodukte und Ejakulationsrekorde ist ja nichts mehr erreichbar, was sich nicht in einem Schweinemastbetrieb oder in einem psychiatrischen Krankenhaus gleichermaßen erleben ließe. Der Mensch ist halt begrenzt. Und wenn man eine Weltmeisterschaft im Schnellfressen von Bauchspeck durchgeführt hat, lässt sich das Vergnügen durch eine Meisterschaft im Saufen von Sonnenblumenöl nicht mehr wirklich steigern.

Morgen

Nun haben wir also, nach einem Jahrhundert der Pornografisierung, in der Lust und der Leidenschaft und der Intimität nicht wirklich Entscheidendes erreicht, will mir scheinen. Mit der Internetwelt hat uns die ganze Wucht des Drecks eingeholt, dem man auf mehr oder weniger alberne oder bemühte Weise mit den Mitteln der Sittlichkeits-Postulate beizukommen versuchte. Natürlich klappt das nicht, und am Rande der Träume und des Chaos treiben sich ja über all die Zeit die vorgeblich ganz anderen, die »Monster« herum: die Haarmanns und Meiwes, die Kannibalen und Bluttrinker, die Draculas, Kopfabschläger, Jungfrauenzerreißer. Sie sind aus den Schlachtfeldern zu uns gestiegen. Sie haben Kinder verbrannt und die Frauen der Besiegten zu Millionen vergewaltigt, Leiber zerstört und Körper zerstückelt und sich den Saft der Erregung vom Kinn laufen lassen.

Das ist ja alles da, in den Köpfen. Das Erschrecken natürlich auch, aber mit allem Komfort, der möglich ist. Sittlichkeit und Menschenwürde! Kinderschutz und Selbstbestimmung! Identität und Authentizität! Das ist so eine Sache, wenn der Seuchentod durchs Land zieht und die Körper der Vergessenen an die Strände gespült werden! Was sagt uns der Arsch einer Pornoqueen über die Frauen aus Aleppo? Die pietistische Sexmoral, die seit 30 Jahren aus den USA zu uns schwappt, kleistert die Pornografie zu mit einer klebrigen Pampe aus Lüge und Silikon, Riesentitten und unschuldigen kleinen Prinzessinnen, Bigotterie und Crack, Gang-Bang und kleinen Jungs in Haute Couture. American Psycho.

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Thomas Fischer

Über das Strafen: Recht und Sicherheit in der demokratischen Gesellschaft

Verlag: Droemer HC
Seitenzahl: 384
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Jetzt hat man also, man sollte es kaum glauben, herausgekriegt, dass auf Pornoplattformen Inhalte verfügbar sind, die am Ende gar vielleicht zweifelhaft oder verboten sein könnten ! Unfreiwilliger Sex! Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen! Frauen-, Männer-, Menschenverachtung! Was für eine Überraschung, welch ein Schock! Nun aber schnell einen Riegel vorgeschoben! Es distanziert der Bezahldienst Klarna von der Pornoplattform xhamster, und was der zärtlichkeitsbewussten Zahlungsdienste mit Sinnzusammenhang mehr sind. Schade, dass Wirecard diesen Moment verpasst hat!

Nun gut, man soll’s nicht übertreiben. Aber mal ehrlich, liebe Leser: Hatten Sie jemals einen Zweifel daran, dass jedes beliebige, nicht vollkommen doofe Kind binnen kürzester Zeit jeden beliebigen pornografischen Dreck finden kann und dies auch wirklich tut? Haben Sie wirklich ernsthaft bis letzte Woche gedacht, dass sich im Netz nicht Vergewaltigung, Missbrauch, Ekliges und Abstoßendes finden lässt? Wenn ja: Wie kommen Sie darauf? Das sind doch Sie selbst, die da ihr Innerstes nach außen kehren, oder das, was Sie dafür halten! Wie kann man eine Welt aus Fetischen bauen und sich über den Fetischismus der anderen aufregen?

Vor ein paar Jahren hat der Kolumnist einmal geschrieben, eine Frau, die als Produkt der Pornografisierung vermarktet wurde, habe »den Beruf, ihre Silikonbrüste vorzuzeigen«. Dafür wurde er von sogenannten Feministinnen jahrelang beschimpft, weil er angeblich Frauen erniedrigt habe, und besonders Authentische belehrten ihn, Frauen könnten doch »mit ihren Brüsten machen, was sie wollen.« Heilige Einfalt! Aber es stimmt natürlich: Da hier im Paradies alles um uns her in Einzelteile zerfällt und die nächste »Spaltung der Gesellschaft« die Toperregungsnachricht jedes Tags ist und man sich auf gar nichts mehr verlassen kann, ist der eigene Körper zum letzten Zufluchtsort der Gestaltung und Selbstermächtigung geworden. Ich bin, was ich spüre!

Nebenbei bestrafen wir die Kinderpornografie und die Gewaltpornografie und die Tierpornografie und das unzüchtige Anstarren und die sexualisierte Sprache und das Betrachten von nackten Gesäßen Minderjähriger und das Haben von Sexpuppen. Und sind wirklich total mit uns und unseren Sexmaschinen im Reinen und können gar nicht verstehen, worüber diese Moslems sich eigentlich aufregen.

Also jedenfalls wird ab sofort bei Pornhub nicht mehr mit Mastercard bezahlt. Das ist doch eine schöne Nachricht zum vierten Advent.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, man könne bei Pornhub jetzt nicht mehr mit Paypal bezahlen. Der Bezahldienst hat allerdings bereits 2019 endgültig die Zusammenarbeit eingestellt.