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Elias und Mohamed: Zwei Jungen verschwinden

Foto: Bernd Settnik/ dpa

Prozess am Landgericht Potsdam Elias und Mohamed, entführt und getötet

Elias' Leiche war in einem Kleingarten verscharrt, Mohameds sterbliche Überreste lagen in einer Plastikwanne: Nun steht Silvio S. wegen Entführung und Mordes vor Gericht. Der Fall rührt an eine Urangst von Eltern.

Im Juli 2015 beschäftigte die Polizei in Potsdam eine Frage: Wo ist Elias? Der Sechsjährige aus dem Stadtteil Schlaatz war am Abend des 8. Juli verschwunden, als er vor seinem Haus spielte.

Die groß angelegte Suche nach Elias hatte keinen Erfolg gebracht, da tauchte in Berlin eine weitere Frage auf: Wo ist Mohamed? Am 1. Oktober war der Vierjährige vom Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin-Moabit verschwunden.

Inzwischen ist das Schicksal der beiden Kinder bekannt: Sie wurden umgebracht. Ab Dienstag muss sich Silvio S. deswegen vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Potsdam verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 33-Jährigen Körperverletzung, sexuellen Missbrauch und Mord vor.

Urangst von Eltern: Einmal nicht aufgepasst, Kind weg

Beide Kinder mussten der Anklage zufolge sterben, weil S. befürchtete, sie würden ihn als Entführer und Sexualstraftäter identifizieren. Der Fall rührt an eine Urangst von Eltern, den Verlust des Kindes: Einmal nicht aufgepasst, Kind weg, missbraucht und getötet.

Die Mutter des Angeklagten hatte am 28. Oktober 2015 ihren Sohn auf einem Fahndungsfoto in der Zeitung erkannt. Am folgenden Tag verständigte sie die Polizei, die Silvio S. kurz darauf festnahm. Im Gespräch mit Ermittlern gestand er.

  • Silvio S. hat zugegeben, Mohamed vom Lageso-Gelände entführt, sexuell missbraucht und umgebracht zu haben. Ein auf dem Handy des Angeklagten gefundenes Video belegt den Missbrauch . Bei der Festnahme fanden Ermittler auf Hinweis von Silvio S. Mohameds Leiche in einer mit Katzenstreu bedeckten Plastikwanne im Auto des nun Angeklagten.
  • In Vernehmungen zu Mohameds Tod gab Silvio S. auch zu, Elias entführt zu haben. Silvio S. zeichnete in Vernehmungen eine Skizze, wo in einer gemieteten Kleingartenparzelle in Luckenwalde Elias' Leiche vergraben sei. Dort wurde der Junge gefunden . Details zu Elias' Entführung und der Zeit danach nannte S. nicht.

An der Arbeit der Ermittler wurde heftige Kritik laut. Statt ergebnisoffen zu arbeiten, hatten sie im Fall Mohamed zunächst die Familie verdächtigt, eine Entführung vorgetäuscht zu haben, um der Abschiebung zu entgehen. Bis die Polizisten Spuren auswerteten, die letztlich zu Silvio S. führten, vergingen fast vier Wochen. Im Vergleich zum Vorgehen im Fall Elias sprechen Kritiker vom Versagen der Ermittler.

Seit er Ende Oktober beide Taten zugegeben hat, schweigt Silvio S. Und es spricht viel dafür, dass er im Prozess zunächst weiter schweigen wird. Zu groß wäre wohl die Gefahr, sich selbst weiter zu belasten.

Viele Fragen bleiben damit wohl offen, Fragen, die Ermittler trotz intensiver Spurensuche bislang nicht beantworten können. Wo starb Elias? Wurde er vor seinem Tod missbraucht? Gibt es weitere Opfer? Wegen der räumlichen Nähe wird insbesondere auch über eine Verbindung zum Fall Inga gemutmaßt.

Silvio S. - unauffälliger Außenseiter

Seit dem 2. Mai 2015 wird die Fünfjährige aus Sachsen-Anhalt vermisst. Mit ihren Eltern besuchte sie Bekannte in Stendal und verschwand, als sie im Wald Holz suchen wollte. Gegen 18.45 Uhr wurde Inga an jenem Tag zum letzten Mal gesehen. Nachweislich um 19 Uhr trat Silvio S. seinen Dienst als Wachmann an - etwa eine Autostunde entfernt. Er müsste also einen Komplizen gehabt haben. Darüber gibt es jedoch keine Erkenntnis.

Gegen Silvio S. als Täter im Fall Inga spricht demnach, dass er unmöglich am Ort von Ingas Verschwinden gewesen sein kann. Es würde auch nicht zum Schema passen, nach dem Silvio S. bei Elias und Mohamed vorging. Beide Jungen tötete er nach Erkenntnis der Ermittler nicht sofort, sondern quälte sie zunächst über mehrere Stunden.

Was für ein Mensch ist zu so etwas fähig? Verwandte, Lehrer und Bekannte beschreiben den 33-Jährigen als zurückgezogenen, eigenbrötlerischen Außenseiter, der kaum soziale Kontakte und keine Beziehung hatte. Er lebte in seinem Elternhaus in Kaltenborn, einem Ortsteil der brandenburgischen Gemeinde Niedergörsdorf mit weniger als hundert Einwohnern. Vor seiner Festnahme arbeitete der gelernte Fliesenleger sieben Jahre für einen Sicherheitsdienst.

Eine unauffällige Existenz. Selbst die Person, die Silvio S. wohl am besten kannte, ahnte nichts: seine Mutter. Astrid S. sagte dem SPIEGEL: "Da sind so viele Warums, auf die ich auch keine Antworten habe."

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