Revisionsprozess im Fall Silvio S. Gehemmt und gefährlich

Wie rückfallgefährdet ist Silvio S., der zwei kleine Jungen entführte, missbrauchte und tötete? Vor dem Landgericht Potsdam erklären Sachverständige, warum der Mörder eine Gefahr für die Allgemeinheit sein könnte.

Silvio S. im Landgericht Potsdam: Wie gefährlich ist er?
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Silvio S. im Landgericht Potsdam: Wie gefährlich ist er?

Von , Potsdam


Es ist wie vor drei Jahren. Silvio S. wird in Saal 8 des Landgerichts Potsdam geführt: eskortiert von zwei Wachtmeistern, gefesselt an den Händen, eine rote Aktenmappe vorm Gesicht. Über Wochen wurde Silvio S. im Sommer 2016 so in diesen Saal gebracht, angeklagt wegen sexuellen Missbrauchs und Mordes an dem sechs Jahre alten Elias und dem vier Jahre alten Mohamed. Am Ende der Hauptverhandlung wurde Silvio S. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, die besondere Schwere der Schuld festgestellt.

Gehört Silvio S. in Sicherungsverwahrung? Ist er ein sogenannter Hangtäter? Ist er eine Gefahr für die Allgemeinheit?

Staatsanwalt Peter Petersen beantwortet die drei Fragen mit einem entschiedenen Ja. Er hatte damals in seinem Plädoyer Sicherungsverwahrung gefordert und nach dem Urteil erfolgreich Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof entschied, eine andere Kammer müsse entscheiden, ob bei Silvio S. ein Hang zur Begehung weiterer Straftaten vorliege. Und so erhebt sich Petersen an diesem Tag - wie vor drei Jahren - in Saal 8 gegenüber von Silvio S. und verliest noch einmal die Anklage.

Silvio S., 35, T-Shirt, Nickelbrille, versteckt sich hinter seinen gefalteten Händen, den Kopf gesenkt. Was sein Anwalt Mathias Noll andeutet, kann man deutlich sehen: Die Zeit in Haft hat Spuren hinterlassen, Silvio S. wirkt abgehungert, ungepflegt.

"Derzeit besteht ein sehr hohes Rückfallrisiko"

Petersen, weiße Fliege und Bayern-München-Anhänger um den Hals, trägt zügig vor. Auf einmal erscheinen wieder die Szenen vor Augen, die sich vor drei Jahren in diesem Gericht abspielten: die aufgebauten Asservate in der Mitte des Saals, das Handyvideo vom Missbrauch des kleinen Mohamed, Silvio S.' Flüstern, Mohameds Wimmern.

Mit der Verhängung der Sicherungsverwahrung soll die Allgemeinheit vor Tätern geschützt werden, die so gefährlich sind, dass sie nie wieder in Freiheit entlassen werden können. Ein Psychologe der Justizvollzugsanstalt Brandenburg an der Havel, erster Zeuge an diesem Verhandlungstag, hat deshalb bei Silvio S. zwei Prognoseverfahren durchgeführt. Demnach ist der gelernte Fliesenleger einmal im "zweithöchsten", einmal im "höchsten" Risikobereich. "Derzeit besteht ein sehr hohes Rückfallrisiko", sagt der Anstaltspsychologe, aber ob ein Hang bestehe, dazu kann er nichts sagen.

Hintergrund
Lebenslange Freiheitsstrafe

Die höchste Strafe, die ein Gericht in Deutschland verhängen kann. Bei Mord ist sie zwingend vorgeschrieben. Aber auch bei anderen besonders schlimmen Verbrechen, etwa Vergewaltigung mit Todesfolge, kann das Urteil "lebenslang" lauten. Im strengen Wortsinn wird der Täter damit endgültig eingesperrt. Mit Blick auf die Menschenwürde muss er aber eine konkrete Chance haben, später wieder freizukommen. Die lebenslange Freiheitsstrafe kann daher nach frühestens 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Täter kommt aber nur frei, wenn man ihn dann als nicht mehr gefährlich ansieht. Dafür wird ein Gutachter hinzugezogen und das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung berücksichtigt.

Besondere Schwere der Schuld

Die vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren scheidet in der Regel aus, wenn das Gericht im Urteil die "besondere Schwere der Schuld" festgestellt hat. Die Richter müssen hierzu Tat und Persönlichkeit des Täters würdigen. Sie prüfen, ob Umstände vorliegen, die das Aussetzen der lebenslangen Freiheitsstrafe nach 15 Jahren unangemessen erscheinen lassen. Das können etwa ein besonders brutales Vorgehen, sadistische Motive des Täters oder die Ermordung mehrerer Menschen durch eine Tat sein. Wird die besonders schwere Schuld festgestellt, muss die Strafvollstreckungskammer nach 15 Jahren die weitere Mindesthaftdauer festlegen. Auch in diesem Fall kommt der Verurteilte erst dann frei, wenn er nicht mehr als gefährlich gilt - vorausgesetzt, er selbst will freikommen.

Sicherungsverwahrung

Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Gericht neben einer Freiheitsstrafe anschließende Sicherungsverwahrung anordnen. Sie kommt sowohl bei lebenslangem als auch bei kürzerem Freiheitsentzug in Betracht. Dies dient allein dem Schutz der Allgemeinheit vor gefährlichen Tätern. Sicherungsverwahrte müssen getrennt von den Gefangenen untergebracht werden. Sie haben bessere Alltagsbedingungen und werden intensiv betreut. Es wird regelmäßig geprüft, ob die Unterbringung noch erforderlich ist.

Die Anordnung der Sicherungsverwahrung neben einer lebenslangen Freiheitsstrafe wirkt eigentlich überflüssig. Denn solange der Täter gefährlich ist, muss er im Gefängnis bleiben. Und ist er nicht mehr gefährlich, kommt er nicht in Sicherungsverwahrung, sondern nach frühestens 15 Jahren auf Bewährung frei. Die Entscheidung ist trotzdem nicht sinnlos: Dem Täter muss dann schon im Gefängnis eine umfassende therapeutische Betreuung angeboten werden. Außerdem kann er nach seiner möglichen Entlassung länger und intensiver überwacht werden.

Sonderfall bei Heranwachsenden

Wer bei einer Straftat schon volljährig, aber noch nicht 21 Jahre alt war, muss sich als sogenannter Heranwachsender in einem Jugendstrafverfahren verantworten. Stellt das Gericht fest, dass der Täter in seiner Entwicklung einem Jugendlichen gleichstand, kann es höchstens zehn Jahre Jugendstrafe verhängen, bei einem Mord und besonders schwerer Schuld bis zu 15 Jahre. Wenn die Richter keine Reifeverzögerung sehen, wenden sie normales Erwachsenenstrafrecht an. Selbst dann dürfen sie den Täter bei Mord statt zu lebenslanger Freiheitsstrafe zu zehn bis fünfzehn Jahren verurteilen. Sicherungsverwahrung darf bei Heranwachsenden nicht neben der Strafe angeordnet werden, das Gericht darf sich diese lediglich "vorbehalten". Die eigentliche Entscheidung wird dann erst kurz vor Ende des Strafvollzugs getroffen.

Auch Matthias Lammel, der als Sachverständiger im ersten Verfahren ein forensisch-psychiatrisches Gutachten über Silvio S. erstellte, kann vor Gericht zu einem Hang keine Auskunft geben. Silvio S. habe innerhalb eines engen zeitlichen Rahmens zwei ähnliche Taten begangen, die aber "forensisch keine Vorgeschichte haben", sagt Lammel. Daraus könne er keine fortbestehende Gefährlichkeit schlussfolgern, die einen Hang begründe. Zumal sich Silvio S. in den Gesprächen mit ihm auch nicht zu seinen Motiven geäußert habe.

Das hat Silvio S. noch immer nicht getan. Im September vergangenen Jahres hat Silvio S. mit einem Motivationsprogramm in der Sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Brandenburg begonnen, eine Art Vorbereitung auf weitere therapeutische Maßnahmen. Silvio S. sehe seinen Behandlungsbedarf, meint der Anstaltspsychologe. Über die Morde an den beiden Jungen habe er bislang ebenso wenig wie über seine Motivation gesprochen.

Das verwundert nicht, folgt man Lammels Ausführungen vor Gericht. Wie vor drei Jahren fasst der psychiatrische Sachverständige noch einmal das Leben des Silvio S. zusammen, bis er zum zweifachen Mörder wurde. Silvio S. hat es ihm vor dem ersten Prozess selbst geschildert.

Silvio S. - ein Außenseiter

Es mag ein behütetes Leben gewesen sein im 85-Seelen-Dorf Kaltenborn, umsorgt von Mutter und Großmutter. Und gleichzeitig ein einsames, ohne Freunde, ausgegrenzt von Mitschülern, die ihn verlachten und ausnutzten. Sein einziger Freund: ein anderer Außenseiter, der nach der Grundschule aufs Gymnasium kam. Wieder war Silvio S. alleine und fühlte sich auch so.

Auf die Frage des Gutachters nach positiven Erlebnissen, sagte Silvio S.: "Weiß ich jetzt auch nicht, was ich sagen soll." Sein Traum vom Kfz-Mechaniker scheiterte an seinen Zensuren, zwei Ausbildungen zum Koch beendeten die Arbeitgeber nach wenigen Tagen: Silvio S. sei zu lahm, zu dumm. So fasst es Silvio S. zusammen.

Nach einer abgeschlossenen Lehre zum Fliesenleger schlug er sich vier Jahre lang mit Gelegenheitsjobs und Praktika durch, schließlich finanzierte ihm das Arbeitsamt eine Umschulung zum Wachmann. Bis zu seiner Inhaftierung arbeitete Silvio S. sieben Jahre lang als Wachmann, nur nachts, von 19 bis 6 Uhr. Auf eigenen Wunsch, weil er zu schüchtern war, zu scheu, zu verklemmt, um Kollegen oder Kunden zu begegnen. Er kontrollierte Firmengelände, fuhr bis zu 200 Kilometer in einer Nacht. Immer alleine.

Am Tag lungerte er im oberen Stockwerk seines Elternhauses herum, ohne Internet, aber mit DVD-Player; manchmal lieh er sich Pornofilme. Auch als Erwachsener blieb er der Außenseiter; der, der noch nie eine Freundin hatte, aber sich so sehr eine wünschte. Er habe Angst gehabt, sagt Psychiater Lammel, jemanden anzusprechen; nie wäre er ins Bordell gegangen.

"Ein hochgradig gehemmter Mensch"

Der Vorsitzende Richter Klaus Feldmann hakt nach: Ob Lammel dabeibleibe, dass bei Silvio S. keine psychosexuelle Störung vorliege? Wieder ploppen Bilder aus dem ersten Verfahren auf: Das selbstgedrehte Video, wie sich Silvio S. sexuell an einer Puppe vergeht, die so groß ist wie ein fünf Jahre altes Kind; die Zettel, auf denen notiert war "Kind besoffen machen".

Lammel bleibt dabei. Silvio S. sei" ein hochgradig gehemmter Mensch". Es könne schlichtweg so sein, dass er sich Kinder als Opfer gewählt habe, weil es schlichtweg komplizierter sei, Erwachsene zu entführen und zu vergewaltigen.

Silvio S. folgt Lammels Ausführungen aufmerksam. Er wisse, dass eine Sicherungsverwahrung ihm eines Tages ein therapeutisch individuelleres Programm beschere, sagt der Anstaltspsychologe. Gleichzeitig fürchte er sich davor, dass das Landgericht Potsdam ihn dazu verurteile.

Der Gefängnisalltag des Silvio S., den der Psychologe schildert, könnte dessen körperlichen Verfall erklären: In fünf verschiedenen Haftanstalten war Silvio S. seit seiner Festnahme untergebracht. Oft bestand die Gefahr der Selbst- und Fremdverletzung. Silvio S. wurde von Mitgefangenen angegriffen und angefeindet. Wieder ist er der Außenseiter.

Am kommenden Freitag will die 5. Große Strafkammer die Verhandlung fortsetzen.



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