"Prepper"-Prozessauftakt in Schwerin Leichensäcke und Löschkalk

In Schwerin steht ein früheres SEK-Mitglied vor Gericht: Der Polizeibeamte soll illegal Waffen und Munition gehortet haben - für "Tag X".
Von Wiebke Ramm
Prozessauftakt in Schwerin: Der Angeklagte, ein ehemaliges SEK-Mitglied, zwischen seinen Verteidigern

Prozessauftakt in Schwerin: Der Angeklagte, ein ehemaliges SEK-Mitglied, zwischen seinen Verteidigern

Foto: Bernd Wüstneck/ DPA

Es soll alles ganz harmlos gewesen sein. Die Leichensäcke hätten bloß zum Schutz ihrer Schlafsäcke gedient, der Löschkalk zum Bau von Latrinen. Von Tötungen und Massengräber ist nicht die Rede. Die vielen Waffen und Tausende Schuss Munition seien ausschließlich für ihn selbst gewesen. "Für niemand anderen. Auch für keine Gruppe."

Glaubt man der Einlassung von Marko G., dann ist seine Leidenschaft für Waffen einfach ein wenig außer Kontrolle geraten. Die Anklagevorwürfe räumt der Mann gleich am ersten Verhandlungstag ein. Vermutungen, er sei rechtsextrem, weist er zurück.

"Sie sind Polizeibeamter?"

Freundlich lächelnd betritt der Angeklagte am Morgen den Saal 8 des Landgerichts Schwerin. Sehr aufrecht sitzt er wenig später auf der Anklagebank. "Sie sind Polizeibeamter?", fragt der Vorsitzende Richter. "Korrekt", sagt Marko G. Der 49-Jährige ist ausgebildeter Scharfschütze. Seit 2004 gehörte er zum Spezialeinsatzkommando (SEK) des Landeskriminalamts Mecklenburg-Vorpommern. Seit Dienstag muss er sich vor der 4. Großen Strafkammer verantworten. Er soll gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Waffengesetz und das Sprengstoffgesetz verstoßen haben.

Die Staatsanwältin verliest die Anklage.

Demnach trat der Elitepolizist Ende 2015 der Chatgruppe "Nord" bei. Die Gruppe soll zu einem bundesweiten Netzwerk gehören, dessen Mitglieder sich auf den Krisenfall vorbereiten. Marko G. soll zur sogenannten Prepper-Szene gehören. Der Begriff geht auf das englische Verb "to prepare", vorbereiten, zurück. Viele Prepper sind harmlos. Es gibt allerdings auch Rechtsextreme, die die Sorge vor einem Zusammenbruch aller Ordnung teilen. Sie sehen Deutschland in absehbarer Zeit im Chaos versinken, durch Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen oder Krieg. Im Januar 2016 soll Marko G. zwei andere Chatgruppen gegründet haben: "Nordkreuz" und Nord.com.

Mehr als 50.000 Schuss Munition

Mindestens 40 Mitglieder soll Marko G. angeworben haben. Er soll ihnen mitgeteilt haben, "dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland unter anderem aufgrund ihrer praktizierten Flüchtlingspolitik ihr Gewaltmonopol verlieren werde und das Land in eine schwere gesellschaftliche Krise geraten könnte". Um sich auf diesen "Tag X" vorzubereiten, soll Marko G. unter anderem Schießtreffen organisiert haben. Und nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war er dafür zuständig, für die Gruppe Munition und Waffen zu besorgen.

Im August 2017 fanden die Ermittler zahlreiche Waffen und exakt 23.814 Schuss Munition bei ihm. Marko G. durfte Waffen und Munition besitzen. Allerdings keine, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen.

Im Juni 2019 wurden die Ermittler wieder fündig. Diesmal fanden sie Waffen, Sprengkörper und 31.469 Schuss Munition. Die Ermittler haben so viel Munition gefunden, dass die Staatsanwältin knapp eine Stunde braucht, um alles aufzuzählen. Ein Teil davon soll unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen.

Uzi mit Schalldämpfer

Der Verteidiger von Marko G. verliest im Namen des Angeklagten eine Erklärung. In dieser räumt G. ein, Waffen und Munition besessen zu haben, die er nicht hätte besitzen dürfen. Er räumt auch ein, dass er 2009 oder 2010 auf dem Parkplatz einer Waffenbörse in Kassel eine Maschinenpistole, eine Uzi mit Schalldämpfer, von einem unbekannten Mann für 500 Euro gekauft habe. Er habe gedacht, die Waffe stamme vom Balkan. Laut Anklage wurde sie Ende 1993 der Bundeswehr in Brandenburg gestohlen.

"Leider siegte meine Faszination für Waffen", lässt G. seinen Anwalt vortragen. Dass der Kauf eine "ausgesprochen blöde Idee" war, sei ihm erst später aufgefallen. Er habe die Uzi durch eine Ausnahmegenehmigung des Bundeskriminalamts legalisieren wollen. Doch im Keller des Hauses seiner Schwiegereltern habe er sie irgendwann vergessen. Er habe sie nie benutzen wollen. Ähnlich harmlos klingende Erklärungen hat er für weitere Funde der Ermittler.

Waffennarr mit Sammelleidenschaft

Marko G. zeichnet von sich das Bild eines Waffennarrs mit Sammelleidenschaft. Als SEK-Beamter habe er mit Waffen umgehen können. "Deswegen habe ich die Vorschriften irgendwann nicht mehr so ernst genommen." Er lässt vortragen: "Meinem Selbstbild nach war ich einer der Guten." Und Vorschriften dienten doch dazu, die Bösen einzuschränken. Heute sehe er sein Tun selbstkritisch und bereue es.

In ihren Chatgruppen hätten die Mitglieder über "Bedrohungsszenarien für die innere Sicherheit diskutiert" und sich "Strategien für das Überleben in der Wildnis" überlegt. Es ist der Moment, in dem er den Löschkalk und die Leichensäcke erwähnt. Zu angeblichen Todeslisten sagt er in seiner Erklärung nichts.

"Eines aber waren weder ich noch meine Mitstreiter: politisch"

Die Bundesanwaltschaft ermittelt seit zwei Jahren gegen zwei Mitglieder seiner Gruppen wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Sie sollen den befürchteten Krisenfall "als Chance gesehen haben, Vertreter des politisch linken Spektrums festzusetzen und mit ihren Waffen zu töten". Dafür hätten sie eine Liste mit Namen angelegt. Marko G. wird in jenem Verfahren lediglich als Zeuge geführt.

Sein Verteidiger zitiert trotzdem aus einem Schreiben des LKA, wonach von "Feindes- oder gar Todeslisten" nicht die Rede sein könne. Das LKA habe im Sommer 2019 festgestellt: "Eine Gefährdung der dort genannten Personen, Institutionen und Organisationen ist nach Einschätzung des Bundeskriminalamtes aktuell auszuschließen."

Der Richter hatte gleich zu Beginn betont, dass es in diesem Prozess ausschließlich um den illegalen Besitz und die unsachgemäße Lagerung von Waffen und Munition gehe. Gegenstand der Anklage sei nicht die Frage der politischen Ausrichtung von Marko G.

Über seinen Verteidiger äußert er sich dennoch dazu. Er habe sich in Krisenszenarien hineingesteigert. "Wir waren sicherlich übervorsichtig", erklärt Marko G. "Eines aber waren weder ich noch meine Mitstreiter: politisch." Er stehe fest auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Er sei ein kritischer, wertkonservativer Mensch. Extremistische Tendenzen seien ihm fremd.