Priestermord in Türkei Der mysteriöse Tod des Don Santoro

Mit zwei Schüssen in den Rücken wurde der katholische Priester Andrea Santoro in seiner Kirche im türkischen Trabzon niedergestreckt. Wurde er ein Opfer religiöser Fanatiker - oder brutaler Menschenhändler? Die Polizei ermittelt in beide Richtungen.


Hamburg - Die Ermittler sind sich der Brisanz des Falles bewusst: Mit Hochdruck suchen die türkischen Behörden nach dem Mörder des katholischen Geistlichen Andrea Santoro. Der 60-Jährige war gestern wenige Stunden nach der Sonntagsmesse in der Santa-Maria-Kirche der Schwarzmeerstadt Trabzon erschossen worden. Zwei Kugeln trafen ihn in den Rücken und durchschlugen Herz und Leber, so die Ermittler.

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Türkei: Tod eines Priesters

Zwei Augenzeugen, eine Italienerin und ein Türke, sind der Polizei zufolge in der Lage, den etwa 17-jährigen mutmaßlichen Todesschützen zu identifizieren. Aus italienischen Diplomatenkreisen wurde heute bekannt, dass es eine Video-Aufzeichnung des Täters geben soll. Die Aufnahmen seien von der Kamera eines unweit der Kirche gelegenen Juweliergeschäfts gemacht worden. "Der Mörder hat ein Gesicht", verkündet die römische Zeitung "La Repubblica" auf ihrer Internetseite. Von dem Täter fehlt dennoch jede Spur.

Die türkische Polizei ermittelt in zwei Richtungen: Es könnte sich um einen Einzeltäter handeln, einen religiösen Fanatiker, der ohne Anbindung an eine extremistische Gruppierung tötete, hieß es. Andererseits gilt es als ebenso wahrscheinlich, dass der Mord im Zusammenhang mit dem Kampf Santoros gegen den organisierten Menschenhandel steht. Seit zwei Jahren engagierte sich der katholische Priester für Frauen, die aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden.

"Er hat seinem Angreifer nicht ins Gesicht gesehen"

Ein Abgesandter von Papst Benedikt XVI., Monsignor Antonio Lucibello, sprach dem Mailänder "Corriere della Sera" zufolge mit der Augenzeugin Loredana P. Die italienische Mitarbeiterin des Priesters erklärte, Santoro sei getötet worden, "als er in der ersten Reihe der Kirche kniete und betete". "Er hat seinem Angreifer nicht ins Gesicht gesehen", sagte Lucibello. Die Frau habe bestätigt, dass der mutmaßliche Mörder "Allahu Akbar" gerufen habe, bevor er aus dem Gotteshaus flüchtete.

"Einen Priester zu töten, noch dazu an einem Ort des Gebetes, ist inakzeptabel, und wir verurteilen dies aufs Schärfste", erklärte der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan. Gerade nach den jüngsten Entwicklungen in Dänemark und Frankreich sei dies ausgesprochen "entmutigend". "Ob der Mord mit den antiislamischen Karikaturen in Zusammenhang steht, wird sich herausstellen, wenn der Schuldige gefunden wurde", erklärte Trabzons Gouverneur Hussein Yavuzdemir knapp.

Der Gouverneur sagte Journalisten, es habe in der Vergangenheit bereits Drohungen gegen Santoro gegeben, weil dieser angeblich missionarisch tätig gewesen sei. Offensive christliche Mission wird in der Türkei als Versuch der gesellschaftlichen Spaltung gewertet und gilt in weiten Teilen der Bevölkerung als verwerflich. Vor allem Nationalisten reagieren geradezu paranoid auf tatsächliche oder vermeintliche christliche Bekehrer. Begründet wird dies mit Erfahrungen aus der Endphase des Osmanischen Reiches, als auswärtige Mächte angeblich einheimische Christen für die Zerschlagung des Reiches instrumentalisierten.

Besonders in Trabzon hat dieses Geschichtsverständnis viele Anhänger, weil die Stadt vor rund 500 Jahren die Hauptstadt des unabhängigen Reiches der Pontus-Griechen war. Nationalistische Verschwörungstheoretiker, von denen es in der Stadt wimmelt, warnen vor der "christlichen Gefahr", weil die Griechen angeblich ihren Staat dort wieder errichten wollen.

Papst Benedikt XVI. äußerte sich bestürzt über den Mord an Santoro. Er hofft gleichwohl, dass das "vergossene Blut" in Zukunft dazu beitragen könne, eine "authentische Brüderlichkeit unter den Völkern" aufzubauen.

Der apostolische Vikar von Anatolien, Monsignor Luigi Padovese, war noch gestern nach Trabzon gekommen. Er sagte, Santoros Arbeit mit Prostituierten könne ein Motiv für den Anschlag gewesen sein. Er schloss aber nicht aus, dass der Täter aus religiösem Fanatismus gehandelt haben könnte.

Jetzt hat auch die Staatsanwaltschaft in Rom Ermittlungen eingeleitet. Mit dem Fall wurde Staatsanwalt Italo Ormanni betraut. Da der Priester in der Basilika San Giovanni begraben werden wird, geht man zurzeit davon aus, dass die Leiche zuvor auch von italienischen Experten obduziert wird.

Das Blut der Märtyrer

Der "Corriere della Sera" zitiert einen ehemaligen Studienkollegen des Getöteten, Vincenzo Paglia, der von einem "Martyrium im Dialog zwischen den Religionen" spricht. Santoro, 1945 in Priverno in der Region Latium geboren, war bereits als Elfjähriger ins Seminar eingetreten - unmittelbar nach dem Tod seines Vaters Gaetano. "Brücke" und "Fenster" zum Islam zu sein, sei ihm seit frühester Jugend ein Bedürfnis gewesen, schreibt der "Corriere". 1970 wurde Santoro in Rom zum Priester geweiht, wo er später die Pfarrgemeinde "Gesù di Nazareth" an der Peripherie der Hauptstadt leitete. Hier kämpfte er acht Jahre lang mit der Verwaltung, um ein Grundstück für den Bau einer Kirche zu bekommen. 1988 baute er diese mit Hilfe von Spenden auf.

Im Jahr 2000 ging er auf eigenen Wunsch in die Türkei, die er als "heiliges Land" betrachtete, "weil hier die Apostel gewesen sind und das Blut der Märtyrer vergossen wurde", so die Zeitung.

Erst am 22. Januar hatte Santoro auf einer Konferenz seine Vision dargelegt, "der Verständigung und dem Austausch zwischen entfernten Welten, dem Islam, dem Judentum und den christlichen Kirchen, einen Weg zu bahnen". Er gründete die Vereinigung "Ein Fenster in den Nahen Osten".

Zweimal in der Woche öffnete der Priester seine Kirche für muslimische Gläubige. "Mein Bruder war ein Missionar im wahrsten Sinne des Wortes", erklärte Maddalena Santoro, die jüngste Schwester des Priesters, dem "Corriere": "Er wollte zeigen, dass die Religionen sich gleichen: Die Christen beten zu der einen Zeit, die Muslime zu einer anderen. Aber ein Zusammentreffen ist möglich."

Santoro sei nicht eingeschüchtert gewesen, wenn die Jungen des Viertels in die Kirche gerannt kamen und "auf den Boden spuckten" oder abends ein Stein oder eine mit Wasser gefüllte Flasche gegen seine Haustür geworfen wurde, beschreibt der "Corriere" den Alltag des Geistlichen. "Es sind gute Leute", soll er Besuchern gesagt haben. "Hier zu leben ist schwierig, aber es ist Evangelium."

In einem Brief an Glaubensbrüder, der im Februar vergangenen Jahres auf der Internetseite des römischen Vikariats veröffentlicht wurde, schrieb der Missionar: "Der Nahe Osten hat seine dunklen Seiten, seine oft tragischen Probleme und seine Leerstellen. Deshalb ist es notwendig, dass das Evangelium, das von dort gekommen ist, neu gesät wird."

Annette Langer



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