Private Sicherheitsfirmen Experten setzen Schmierfett zur Piratenabwehr ein

Die Gefahr ist ihr Kapital: Immer öfter heuern Reeder gegen die Piratenüberfälle am Horn private Sicherheitsfirmen an. Deren Methoden, sich gegen die Seeräuber zu wehren, sind mitunter filmreif.

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Hamburg - Peter Hopkins ist solide, grundsolide könnte man sagen. Wirtschaftsstudium, Beratertätigkeit für große internationale Unternehmen, dann acht Jahre bei der britischen Armee. Ein abenteuerlicher Lebenslauf sieht anders aus. Seit einem Jahr verbringt der Brite Hopkins, verheiratet mit einer Deutschen, aber immer mehr Zeit mit Dingen, die eigentlich nicht sein Metier waren: mit der Bekämpfung von Piraten.

"DRUM Resources", die Firma des 44-Jährigen mit Hauptsitz in London, kümmert sich um das Risikomanagement (Collateral Management) ihrer Kunden im allgemeinen - und in jüngster Zeit immer häufiger auch um die Sicherung von Warentransporten auf dem Wasser. "Wir sorgen dafür, dass die Waren unserer Kunden sicher ihr Ziel erreichen", sagt Hopkins SPIEGEL ONLINE.

Diese Ziele liegen häufig in Afrika, manchmal auch auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder in Asien. Immer öfter haben die Firmen an Hopkins die Bitte herangetragen, ihre Waren auf dem immer gefährlicher werdenden Weg durch den Golf von Aden zu sichern. "Im vergangenen halben Jahr haben sich Anfragen dieser Art verzehnfacht", sagt Hopkins, der eine fast akzentfreie Mischung aus Deutsch und Englisch spricht.

Hopkins reagierte - und entdeckte eine lukrative Marktlücke. Seine Männer bieten den Schiffen auf der gefährlichen Route Geleitschutz, sind Leibwächter für riesige Frachter. Die Reeder nehmen diese Dienstleistungen in Anspruch, da sie aus ihrer Sicht eine sinnvolle und im Vergleich kostengünstige Möglichkeit darstellen, die Angriffe von Piraten abzuwehren.

"Unsere Leute wissen, was sie tun"

Sind diese erst einmal auf ein Schiff gelangt, ist der wirtschaftliche Schaden für die Reeder immens: zu möglichen Lösegeldzahlungen kommen Schäden am Schiff; so lange ein Frachter festsitzt, kostet er Geld, verdient aber keines. Die Ausfälle betragen pro Tag mehrere zehntausend Euro.

Dagegen sind die Dienste, die Hopkins mit seinen Kollegen organisiert, beinahe günstig. Teams von vier bis acht Leuten schickt er per Flugzeug von London nach Kairo und von dort nach Port Said, wo sie auf die Schiffe gelangen. Meist bleiben Hopkins' Männer bis Salala in Oman an Bord, manchmal auch bis zur kenianischen Hafenstadt Mombasa, insgesamt fünf bis neun Tage. Dann fliegen sie entweder nach Großbritannien - oder begleiten ein Schiff auf seiner Route zurück durch den Golf.

Für eine Begleitung durch vier Männer muss ein Reeder pro Tag 6000 bis 7000 Euro bezahlen, hinzu kommen die Kosten für Anreise und Ausrüstung. Was genau Hopkins unter Ausrüstung versteht, lässt er offen. Seine Männer sind bewaffnet, so viel steht fest. Schwer bewaffnet seien sie aber nicht, versichert der Geschäftsmann.

Die Männer, die bei Hopkins anheuern, sind alle jenseits der 40, und sie alle haben früher in leitenden Funktionen bei den Royal Marines gearbeitet. "Unsere Leute wissen, was sie tun", antwortet Hopkins knapp, wenn man ihn fragt, wie groß die Gefahr für die Männer sei. "Natürlich besteht auch eine Gefahr. Aber all unsere Leute sind versichert."

Mit Stacheldraht und Schmierfett gegen Piraten

Im Vordergrund steht die Zusammenarbeit mit den Besatzungsmitgliedern und deren Schulung. Auf dem Schiff wird ihnen beigebracht, wie sie sich zu verhalten haben, falls der Ernstfall eintreten sollte und Piraten auf das Schiff gelangen. "Zuerst machen wir uns an die sogenannten 'lock down procedures', an das Abriegeln des Schiffes."

Türen werden verrammelt, Verstecke für die Crew ausgelotet. "Es soll nicht dazu kommen, dass ein Pirat auf Deck auf ein Besatzungsmitglied stößt und ihm sofort eine Waffe an den Kopf hält. Dann sind auch die anderen an Bord in Gefahr. Die Mannschaft muss Zeit gewinnen, um einen Notruf abzusetzen." Sind Marineeinheiten in der Nähe rechtzeitig informiert, kann allein der Einsatz von Hubschraubern einen Übergriff der Piraten verhindern.

Hopkins' Leute sind vor allem bemüht, zu verhindern, dass die Piraten überhaupt auf die Schiffe gelangen. Ihre Methoden erinnern dabei mitunter ein wenig an die Streiche, mit denen "Kevin allein zu Haus" sich gegen die Einbrecher wehrte.

Stacheldraht wird an Deck verteilt, auf Treppen und an Seiten wird Schmierfett verstrichen, damit die Piraten bei einem versuchten Übergriff gar nicht erst Fuß fassen können und ihre Enterhaken keinen Halt finden.

Für die direkte Abwehr gehören Schallkanonen zu ihrer Ausrüstung, die dazu führen, dass das Trommelfell der mutmaßlichen Angreifer platzt, sofern sie zu nah kommen.

Letzte Maßnahme: Notwehr

Um die Angreifer vom Schiff fernzuhalten, haben die sogenannten "Transit Teams" auch Tonbandaufnahmen im Gepäck. In allen nur denkbaren Stammessprachen und auf Arabisch warnen sie die Angreifer, sich dem Schiff zu nähern. "Kommen Sie nicht näher! Das Schiff ist geschützt!", warnt eine Stimme über Megaphon.

Bislang mit Erfolg: Hopkins lässt in diesen Tagen mindestens zwei Schiffe in der Woche begleiten. An Anfragen mangelt es nicht.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

Kommen die Boote der Piraten doch zu nah, führen die Kapitäne ein "Anti Boarding"-Manöver durch: Sie fahren zickzack, beschleunigen, versuchen möglichst hohe Wellen zu erzeugen, um einen Angriff zu vereiteln.

Sollten all diese Maßnahmen nicht greifen, könnten die Teams von Waffen Gebrauch machen - im Zweifel wäre das Notwehr, weil durch den Angriff der Piraten eine Gefahr für Leib und Leben entsteht. Meist aber reichen die Drohung und der vorbeugende Schutz des Schiffes aus, damit sich die Piraten eine leichtere Beute suchen.

"Unser Ziel ist es, den Handel zu stabilisieren. Denn er muss weitergehen - auch wenn er immer gefährlicher wird. Wenn die Unternehmen nicht mehr exportieren könnten, hätten sie ein großes Problem. Vor allem in Zeiten der Finanzkrise." Hopkins geht aber davon aus, dass sich die Lage am Horn von Afrika in den kommenden Monaten verändern wird, dass der Boom, den er derzeit erlebt, abebbt.

"Ich denke, dass auf internationaler Ebene etwas passieren wird. Langfristig werden im Golf von Aden mehr Marineschiffe stationiert werden. Das Vorgehen der Piraten ist in der jüngsten Zeit so dreist geworden, dass die Staaten etwas unternehmen müssen."

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Robert B., 18.11.2008
1. Kriegsschiffe
Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
dcl 18.11.2008
2.
---Zitat--- Die US-Marine erklärte, die meisten Attacken der vergangenen Monate hätten durch "Sicherheitsteams an Bord" abgewehrt werden können. ---Zitatende--- Genau. Diese Sicherheitsteams werden natürlich von internationalen Sicherheitsunternehmen wie Blackwater o.ä. gestellt, in welchen die Spezialisten der US Navy nach ihrer militärischen Karriere ihr Brot verdienen. Handelsschiffe sind weder auf Verteidigung noch auf Angriff gebaut und bei zwei Millionen Barrel Öl möchte ich mir den Beschuss mit sog. reaktiven Panzerbüchsen (Panzerfaust) nicht vorstellen. Sicherheitsteams führen zur Eskalation auf den Handelsschiffen. Wozu gibt es bitte Kriegsschiffe? Die sind genau für solche Operationen gebaut worden und sind personell auf kriegerische Maßnahmen eingestellt. Dieses Rumgeeiere, auch von Seiten der Bundesmarine, ist zum heulen. Haben die Jungs Angst, dass ihre teuren Spielzeuge Kratzer bekommen könnten?
Interessierter0815 18.11.2008
3.
Zitat von sysopDie Kaperung des Super-Tankers weit vor der Küste Somalias zeigt: Das Problem der Piraterie wird für die internationale Seefahrt immer bedrohlicher. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um den Seehandel wieder sicher zu machen?
Die Welt am techn. Fortschritt teilnehmen lassen? Erst klauen wir die Rohstoffe der Länder und dann flennen wir noch, das sie sich wehren.
yato, 18.11.2008
4. Da war die Realität wieder mal schneller als Hollywood
Zitat von Robert B.Die gleichen Massnahmen wie seit 5 Jahrhunderten. Kriegsschiffe auf Piratenjagd schicken. Sehr viel sinnvoller als der Afganistaneinsatz der BW.
scheint ja nicht sehr viel gebracht zu haben seit 5 jahrhunderten, oder hatten piraten in der weltgeschichte schon jemals so einen dicken fisch an der angel? mit der zivilisierung hat das übrigens wohl doch nicht so gut geklappt - sind wir jetzt eigentlich wieder im mittelalter? ...man mag sich gar nicht vorstellen was mit so einem riesentanker voll öl alles möglich wäre, wenn die piraten durchdrehen...
TranceData, 18.11.2008
5.
Piraten wurden früher von der Marine versenkt. Also: Back to the roots...
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