ARD-Doku über Profiler Mord am Esstisch

Wieso ließ der Täter die Frau am Leben? Was ist "Übertöten" eines Menschen? Eine ARD-Dokumentation stellt sechs Männer und Frauen vor, die Vergewaltiger und Serienmörder jagen. Und zeigt, wie sie das Grauen ihres Berufes ertragen.

Gérard N. Labuschagne (l.) aus Johannesburg: Mit 80 Serienmördern beschäftigt
SWR

Gérard N. Labuschagne (l.) aus Johannesburg: Mit 80 Serienmördern beschäftigt

Von Wiebke Ramm


Eine Felsenküste in Finnland. Helinä Häkkänen-Nyholm und ihr Mann angeln. "Das Meer verschlingt alle Geheimnisse, sagt man, aber das stimmt nicht immer", sagt Helinä Häkkänen-Nyholm und beginnt zu plaudern. Sie hatte einmal einen Fall, da wollte ein Mann eine Leiche im Meer verstecken. Er wickelte die Tote in einen Teppich, beschwerte sie mit Gewichten und versenkte sie im Wasser. "Wegen der Gasbildung stieg die Leiche aber ziemlich schnell wieder auf." Was einer Rechtspsychologin eben so einfällt, wenn sie aufs Meer blickt.

Helinä Häkkänen-Nyholm ist forensische Psychologin in Finnland. "Sind Sie ein bisschen so wie Jodie Foster in ,Schweigen der Lämmer'?", fragt der Taxifahrer. Häkkänen-Nyholm lächelt. Sie sagt: "Das ist nur ein Film, die Realität ist was ganz anderes."

"Das Schweigen der Lämmer" ist allerdings ein Film, in dem sich Roger L. Depue und Robert R. Hazelwood durchaus wiedererkennen. Die pensionierten FBI-Profiler standen dem Autoren Thomas Harris in den Achtzigerjahren für seinen Roman, der die Vorlage des Films war, beratend zur Seite. Mit einer eigenen Firma versuchen sie heute noch immer, ungeklärte Fälle zu lösen. Die Jagd nach den Mördern lässt die alten Männer nicht los.

Sechs Profiler, forensische Psychologen und Psychiater hat Barbara Eder für ihren Dokumentarfilm "Blick in den Abgrund - Profiler im Angesicht des Bösen" porträtiert. Die Experten rekonstruieren Tatverläufe, suchen Motive, erstellen Persönlichkeitsprofile.

Eder ist von Österreich, wo sie lebt, nach Finnland, in die USA, nach Südafrika und Deutschland gereist. Nicht Serienmörder stehen im Mittelpunkt ihres Films, sondern die Männer und Frauen, die sie finden wollen. Was macht das mit einem Menschen, wenn er sich Tag für Tag mit dem Grauenhaftesten befasst, was ein Mensch anderen Menschen antun kann?

Eine Pistole trägt er immer bei sich

Roger Depue stand 21 Jahre im Dienst des FBI
SWR

Roger Depue stand 21 Jahre im Dienst des FBI

Roger L. Depue, der ehemalige FBI-Profiler, hat sein Haus zu einer Festung ausgebaut. Eine Pistole trägt er immer bei sich. Er sagt, jeder sollte einen Hund haben, sollte Fenster und Türen geschlossen halten, vor allem Frauen.

Die blutrünstigen Geschichten verderben den Experten längst nicht mehr den Appetit. Der deutsche Stephan Harbort berichtet seiner Frau am heimischen Esstisch von einer Reise nach Berlin. Er versteht einfach nicht, wieso der Täter sein letztes Opfer am Leben ließ, obwohl er der Frau so viel Persönliches verriet.

Gérard N. Labuschagne, Profiler aus Johannesburg, spricht in einem Restaurant vom "Übertöten" eines Menschen und der persönlichen Beziehung zwischen Täter und Opfer, für die die massiven Gesichtsverletzungen sprächen.

Labuschagne hat sich mit rund 80 Serienmördern und 200 Vergewaltigungsserien befasst, er schult andere in der Suche nach Mördern. Nicht jeder erträgt die Fotos der menschlichen Überreste, die er - auch dem Fernsehzuschauer - präsentiert. Nicht jeder ist für diesen Job geschaffen, da sind sich alle einig. Manchen fehle es einfach an der notwendigen Distanz.

Helen Morrison aus Chicago: Was macht einen Menschen zum Killer?
SWR

Helen Morrison aus Chicago: Was macht einen Menschen zum Killer?

Helen Morrison, forensische Psychiaterin aus Chicago, befasst sich seit 40 Jahren mit Serienmördern. Ihre Distanz scheint fast zu groß. Sie scheint in den Tätern nur noch Forschungsobjekte zu sehen. Sie ist davon überzeugt, dass es ein "Killergen" gibt, das die Serienmörder beeinflusst. Sie will in deren Gehirnen Elektroden einpflanzen, nach Anomalien suchen - und ist frustriert, dass sie die Erlaubnis nicht bekommt.

Selbst ihr Ehemann, Neurochirurg, lehnt Operationen an Gefangenen ab. "Warum?", fragt Helen Morrison. "Weil es Experimente an Menschen wären", antwortet er.

In Morissons Waschkeller liegt in Formaldehyd das Hirn eines gestorbenen Serienmörders. "Sein Gehirn war also völlig normal, obwohl er all das getan hat?", fragt ihr Sohn, über die Reste des Organs gebeugt. Ja, sagt seine Mutter: "Es gab keine Auffälligkeiten, wir haben nie etwas gefunden." "Unheimlich", sagt der Sohn.

Es ist vielleicht diese Erkenntnis, die die Profiler nicht loslässt: Auch die furchtbarsten Verbrecher sind Menschen wie wir. Helinä Häkkänen-Nyholm sagt es so: "Freude und Glück hat man bei dieser Arbeit selten. Manchmal fühlt man sich klein bei der Frage nach dem Warum."

Profilerin Häkkänen-Nyholm: "Freude und Glück hat man bei dieser Arbeit selten"
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Profilerin Häkkänen-Nyholm: "Freude und Glück hat man bei dieser Arbeit selten"


"Blick in den Abgrund - Profiler im Angesicht des Bösen", Dienstag, 14. Juli, 22.45 Uhr, ARD



insgesamt 8 Beiträge
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steffen.ganzmann 14.07.2015
1. Ich liebäugelte eine Zeit lang mit der Rechtsmedizin.
Aber meine Nase meinte entschlossen "NEIN" ...
cherrypicker 14.07.2015
2. Altbekannt
Ja, es gibt ein Killergen und wir tragen es ALLE in uns. Der Mensch ist ein Jäger und daher in der Lage zu töten. Von der prinzipiellen Tötungsbereitschaft bis zum Töten eines Menschen ist es nur ein kleiner Schritt. In Spezialeiheiten werden Menschen diese Hemmungen z.B. systematisch abtrainiert. Die Milgram-Experimente haben zudem gezeigt, dass sich rund zwei Drittel der Menschen so manipulieren lassen, dass sie bereit sind, anderen massive Schäden zuzufügen, wenn sie selbst nicht die Verantwortung dafür übernehmen müssen. Unter Gruppendruck ist diese Bereitschaft sogar noch größer, sie wächst auf über 90%, wie man von "Spezialeinheiten" der Nazis weiß, denen es freigestellt war, ob sie an Massenerschießungen aktiv teilnehmen wollten oder nicht. Die Quote der "Verweigerer" (die dadurch im übrigen keine Nachteile hatten) lag selten bei mehr als 5%. Warum es dann nicht mehr Serienmörder gibt? Weil die meisten Menschen genug Kompensationsmechanismen entwickelt haben und nicht völlig empathieunfähig sind. Erst wenn jemand schwer traumatisiert ist und alle Kompensationsmechanismen versagen, tritt die Bestie zu Tage. Und doch schlummert sie in jedem von uns. Jeden Tag. Serienmörder erinnern uns an das, was wir alle sein könnten, wenn wir nicht aufpassen.
conillet 14.07.2015
3. Grammatik
"dem Autoren" ist falsches Deutsch.
steffen.ganzmann 14.07.2015
4. Ja und nein
Zitat von cherrypickerJa, es gibt ein Killergen und wir tragen es ALLE in uns. Der Mensch ist ein Jäger und daher in der Lage zu töten. Von der prinzipiellen Tötungsbereitschaft bis zum Töten eines Menschen ist es nur ein kleiner Schritt. In Spezialeiheiten werden Menschen diese Hemmungen z.B. systematisch abtrainiert. Die Milgram-Experimente haben zudem gezeigt, dass sich rund zwei Drittel der Menschen so manipulieren lassen, dass sie bereit sind, anderen massive Schäden zuzufügen, wenn sie selbst nicht die Verantwortung dafür übernehmen müssen. Unter Gruppendruck ist diese Bereitschaft sogar noch größer, sie wächst auf über 90%, wie man von "Spezialeinheiten" der Nazis weiß, denen es freigestellt war, ob sie an Massenerschießungen aktiv teilnehmen wollten oder nicht. Die Quote der "Verweigerer" (die dadurch im übrigen keine Nachteile hatten) lag selten bei mehr als 5%. Warum es dann nicht mehr Serienmörder gibt? Weil die meisten Menschen genug Kompensationsmechanismen entwickelt haben und nicht völlig empathieunfähig sind. Erst wenn jemand schwer traumatisiert ist und alle Kompensationsmechanismen versagen, tritt die Bestie zu Tage. Und doch schlummert sie in jedem von uns. Jeden Tag. Serienmörder erinnern uns an das, was wir alle sein könnten, wenn wir nicht aufpassen.
Im Prinzip haben sie völlig recht. Aber ich besitze seit ca. 34 Jahren U.S. Army-Pistole (Wir bekamen sie für 'nen Appel und'n Ei, weil auf Berettas umgerüstet wurde.) und hatte auch ordentllich viele Traumata. Dennoch kam ich noch nicht mal auf die Idee, Amok zu laufen. Ist aber auch mit einem 7-Schuss-Magazin beinahe unmöglich ...
merkur08 14.07.2015
5. Ich hab mir gestern auf youtube den reale Hintergund...
von Hannibal Lecter reingezogen. Holla die Waldfee. Nix für schwache Nerven. War ein litauischer Adliger, dem die Russen als Kind am Ende des 2. Weltkrieges mitsamt seiner Schwester gefangen nahmen. Die Schwester haben sie aus Nahrungsmangel gekocht und auch an ihn verfüttert. Und danach? Na ja. Heute würde man sagen unglückliche Kindheit..................
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