Proteste zum Nato-Gipfel Randalierer in Straßburg wüten weit weg von den Mächtigen

Gewalt hier, Duldsamkeit dort: Mit einem beispiellosen Aufgebot hat die Polizei versucht, Randale beim Nato-Gipfel zu verhindern - gelungen ist das nur auf der deutschen Seite. In Straßburg brannten Häuser, Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten - und trafen eines der ärmsten Viertel der Stadt.

Aus Straßburg und Kehl berichten Malte Göbel und


Kehl/Straßburg - Erst ist es nur ein bisschen Rauch, der sich über der Europabrücke kräuselt. Aber die Wölkchen werden mit jeder Minute dichter und dunkler. Dann sind die ersten Flammen zu sehen, die schließlich meterhoch aus dem alten Grenzhaus auf der französischen Seite des Rheins lodern.

Ein mächtiges Bild - und der Kontrapunkt zur ersten Impression des Tages.

Da hatten sich auf der Fußgängerbrücke Passerelle, nur ein paar hundert Meter den Rhein hinab, die Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten zum symbolischen Handschlag getroffen. Nicolas Sarkozy, der sein Land gerade wieder in die Vollmitgliedschaft der Militärallianz führt, kam von der französischen Seite spaziert, Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel mit den restlichen Staatsmännern von Kehl aus. Die Sonne, Merkel und Sarkozy strahlten um die Wette, natürlich lächelte US-Präsident Barack Obama wieder mal am freundlichsten.

Ein paar Stunden später bestimmen die militanten Nato-Gegner das Bild am Rhein: Das Abbrennen des ehemaligen Zollgebäudes wird für sie zum symbolischen Triumph - ein Gebäude der Staatsmacht brennt.

Längst sollten die Passerelle und die Europabrücke da schon wieder für die Öffentlichkeit begeh- und befahrbar sein. Doch stattdessen geht schon am frühen Nachmittag nichts mehr über den Rhein: Wegen der Randalierer auf der französischen Seite beziehen gegen ein Uhr mehrere Wasserwerfer der deutschen Polizei sowie einige hundert Beamte auf der Europabrücke Position, auch die Passerelle wird wieder dichtgemacht. An die 30 Polizeiboote patrouillieren auf dem Wasser.

Ärgerlich ist das vor allem für die Nato-Gegner auf der deutschen Seite. Es sind gut 6000 - Alte und Junge, Ausgeflippte und Arrivierte -, die sich auf einem Parkplatz im Zentrum Kehls treffen, um gegen den Gipfel des Militärbündnisses zu protestieren. "Die Nato baden gehen lassen" lautet ein Motto: passend dazu der blau-weiße Bademantel eines Gipfelgegners. Aber ihr ursprüngliches Ziel, über die Europabrücke nach Straßburg zu ziehen, wird ihnen nun verwehrt. Zu verdanken haben sie es dem gewalttätigen Teil der Demonstranten auf französischer Seite.

"Was haben die im Kopf?"

Schon den Morgen über ist es dort immer wieder zu Scharmützeln mit der Polizei gekommen. Am Ende brennt nicht nur das Zollgebäude - auch die ehemalige Geldwechselstube, ein Hotel und eine Apotheke stehen in Flammen.

Als die Feuerwehr endlich eintrifft, sind es gerade einmal zwei Löschwagen. Anwohner und schockierte Demonstrationsteilnehmer mit Regenbogen-Friedenstüchern helfen beim Ausrollen der Schläuche. Auch Feuerwehrzüge aus Kehl und Freiburg rücken an, können aber nicht mehr viel retten. Die Anwohner sind entsetzt. "Was sind das für Leute, die hier alles anzünden? Was haben die im Kopf?" Eine etwa 50-jährige Straßburgerin ruft es fassungslos in die Mikrofone des französischen Fernsehens. Später wird sogar von Waffenfunden bei Teilnehmern der Demonstration berichtet.

In Kehl ist der Demonstrationszug inzwischen an der Europabrücke gegenüber des Bahnhofs zum Halt gekommen. "Grossman Group welcomes Angie, Sarko, Obama ..." ist über das Gebäude auf einem orangefarbenen Plakat geschrieben. Rund um die Demonstranten machen die Polizeireihen dicht.

Stundenlang harren sie so aus, auch Vermittlungsversuche des Grünen-Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele mit den Einsatzkräften helfen nicht weiter: Nein, die Polizei lässt den Zug nicht nach Straßburg. Zu sehr fürchtet man, dass sich die Militanten unter die friedlichen Kehler Demonstranten mischen und auf die andere Seite zurückkommen würden.

Der Schwarze Block tobt

Ein junger Mann mit Dreitagebart und schwarzer Wollmütze lässt sich die Laune nicht verderben. Er singt: "Das kann noch lange gehen." Ungehalten ist dagegen ein älterer Herr. "Wir sollten hier endlich unsere Abschlusskundgebung machen und die Sache dann beenden", sagt er. Die Sicherheitskräfte zeigen sich angesichts der Duldsamkeit der Gipfelgegner jedenfalls beeindruckt. "Man muss den Leuten schon ein Kompliment machen", sagt Polizeisprecher Michael Aschenbrenner.

Kein Stein fliegt, nur ab und an ein paar böse Worte gegen die Staatsmacht.

Auf der anderen Seite des Rheins geht es da schon wieder rund: Auf dem Weg in die Innenstadt kommen die rund zehntausend Protestierer nur bis zur Brücke über den Petit Rhin, einem Flussarm in Straßburg: Die Polizei blockiert. Als sich herumspricht, dass die Demonstration es nicht bis ins Zentrum schaffen wird, macht sich Frustration breit. Und bei einigen Wut. Kurz darauf setzt die wenig zimperliche französische Polizei erneut Tränengas- und Schockgranaten ein. Der sogenannte Schwarze Block tobt sich daraufhin an einer Bushaltestelle und einem Postgebäude aus. Es ist eines der ärmsten Viertel Straßburgs, in dem sie nun randalieren.

Wieder setzt sich der Zug in Bewegung, diesmal ist an einem Bahnübergang Schluss. Keine gute Idee der Polizei, Die Demonstration an dieser Stelle zu stoppen: Hier finden die Vermummten Steine en masse, zu Dutzenden gehen diese auf die Polizei nieder, auch ein Molotow-Cocktail.

Die Gendarmen antworten erneut mit Tränengas- und Schockgranaten. Das knallt so laut, dass es auch am Kehler Rheinufer gut zu hören ist. Der deutsche Protest am Bahnhof hat sich da schon aufgelöst. "Der Sonderzug fährt spätestens um 18.30 Uhr", lässt die Polizei über ihren Lautsprecherwagen durchsagen.

Während ihre Beamten schon wieder die Barrieren abbauen, rufen sich die Spitzen der Polizei zum Gewinner der vergangenen Tage aus: "Es hat sich gezeigt, dass die starke Polizeipräsenz, unser entschiedenes Vorgehen sowie die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen berechtigt waren", sagt Einsatzleiter Bernhard Rotzinger. Und Baden-Württembergs Polizeipräsident Erwin Hetger stellt fest, dass es auf deutscher Seite "keinen Nato-Stress" gab.

Auf der anderen Seite dafür umso mehr.



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