Prozess Bestatterinnen sollen Trauernde mit Billigsärgen betrogen haben

Sie sollen Tote vor der Feuerbestattung aus teuren Särgen in Billigmodelle umgebetet und dann die Preisdifferenz eingestrichen haben: Zwei Frauen aus dem niedersächsischen Wilhemshaven stehen deshalb jetzt wegen gewerbsmäßigen Betrugs vor Gericht.


Wilhelmshaven - Die beiden Bestatterinnen müssen sich seit dem heutigen Donnerstag vor dem Amtsgericht Wilhelmshaven verantworten. Laut Anklage ließen die 52 Jahre alte Mutter und ihre 40 Jahre alte Stieftochter Leichen nach der Trauerfeier in günstigere Särge legen und erst dann verbrennen. Den Hinterbliebenen sollen die Frauen jedoch die gekauften Luxusstücke in Rechnung gestellt haben.

Betrug beim Bestatter: "Sargbeilagen" wieder herausgenommen
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Betrug beim Bestatter: "Sargbeilagen" wieder herausgenommen

Verhandelt werden 23 Fälle aus den Jahren 2006 und 2007, die sich in zwei Bestattungsunternehmen in Wilhelmshaven abgespielt haben sollen. Der Schaden beträgt je Fall mehrere hundert Euro. Die Angeklagten schwiegen beim Prozessauftakt zum Vorwurf des gewerbsmäßigen Betrugs. Ihre Anwälte erklärten aber, die Vorwürfe seien unwahr.

Die teuren Särge seien Ausstellungsstücke gewesen und danach erneut benutzt worden, sagte ein Ex-Mitarbeiter vor Gericht. Er habe die Toten auf Anweisung der beiden Frauen in billige, unbehandelte Holzsärge ohne Griffe umgebettet. Selbst die Sargwäsche - der Stoff, mit dem der Sarg ausgeschlagen ist - habe er aus den Särgen nehmen müssen, damit sie wiederverwendet werden konnten, schilderte der Zeuge.

Sei einmal kein "Billig-Verbrenner" auf Lager gewesen, sei ein abgenutztes oder preiswerteres Ausstellungsstück für die betreffende Feuerbestattung genommen worden.

Unter Tränen berichtete der 37-Jährige, er habe sich sehr schlecht gefühlt, wenn sich die Angehörigen bei ihm für die schöne Dekoration des Sargs bei der Trauerfeier bedankt hätten. Schließlich habe er genau gewusst, dass er für die Verbrennung alle bereits bezahlten "Sargbeigaben" werde wieder wegnehmen müssen. Trotzdem habe er mitgemacht. "Ich hatte Angst, meinen Arbeitsplatz zu verlieren."

Bei der Polizei hatte er Anfang dieses Jahres noch ausgesagt, er erinnere sich genau an die Namen der betroffenen Toten. Vor Gericht konnte er das nicht mehr. Ähnlich war es bei zwei weiteren Mitarbeitern, die für ihre Erinnerungslücken oder abweichenden Angaben beide einen Schlaganfall als Begründung angaben.

Es sei zwar zu Umbettungen gekommen, erklärten sie. Wie viele Fälle es gewesen seien, könnten sie aber heute nicht mehr genau sagen. "Die Zeugen wirkten verunsichert und nicht glaubwürdig", erklärte Verteidiger Gerhard Bornhorst. Nähere Angaben wollte er zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens noch nicht machen.

Obwohl es sich um Feuerbestattungen handelte, war der mutmaßliche systematische Sargtausch ans Licht gekommen, nachdem sich ein Mitarbeiter an die Polizei gewandt hatte.

Ob auch der Inhaber der beiden betroffenen Bestattungsunternehmen von den mutmaßlichen Umbettungen wusste, hatte die Staatsanwaltschaft nicht nachweisen können. Die angeklagte 52-Jährige und ihre ebenfalls angeklagte 40-jährige Stieftochter zählten den Ermittlern zufolge auch zur Geschäftsleitung.

Das Gericht will die Polizisten, die die Zeugen Anfang des Jahres befragten, nun für den 8. Dezember laden. Dabei soll geklärt werden, wie es zu den Aussagen bei den früheren Vernehmungen kam und welchen Eindruck die Beamten dabei von den Männern hatten. Noch am selben Tag könnten nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Plädoyers gehalten werden.

kfi/AFP/dpa



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