Prozess Die Rote Zora und ihre Schande

Sie waren jung und abenteuerlustig und wollten eine andere Gesellschaft herbeibomben: die Mitglieder der Terrororganisation "Rote Zora". In Berlin muss sich nun eine ehemalige Aktivistin nach fast 20 Jahren im Untergrund für zwei Anschlagsversuche verantworten.

Von Uta Falck


Im Eingang des Berliner Kammergerichts geht es zu wie bei einem Klassentreffen: Zwei Dutzend Menschen, die sich hier die Hände schütteln, haben sich jahrelang nicht mehr gesehen. Sie erkennen sich wieder, trotz grauer Haare und tieferer Falten und kramen lang nicht mehr benutzte Vornamen aus dem Gedächtnis. Im Gerichtssaal winken sie dann der Angeklagten Adrienne Gerhäuser zu.

Berliner Kammergerichtssaal: Spatz in der Hand
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Berliner Kammergerichtssaal: Spatz in der Hand

Die schmale Frau mit dem blassen Gesicht, das vom kurzen, ergrauten Haar und großen, silbernen Kreolen dominiert wird, grüßt zurück. Die 58-Jährige wirkt entspannt und plaudert in den wenigen Minuten, ehe Jürgen Warnatsch, der Vorsitzende Richter des 1. Strafsenats, die Sitzung eröffnet, mit ihrer Verteidigerin Edith Lunnebach.

Die Angeklagte hat nicht viel zu befürchten, denn obwohl sie sich wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung "Rote Zora" und der Beteiligung an zwei versuchten Sprengstoffanschlägen vor Berlins oberstem Gericht verantworten muss, wird die Strafe milde sein. Zwei Jahre Freiheitsentzug zur Bewährung gegen ein glaubhaftes Geständnis, so haben es Gericht, Bundesanwaltschaft und Verteidigung bereits im November 2006 verabredet.

Unter dieser Bedingung gaben Adrienne Agathe Gerhäuser und ihr gleichaltriger Lebensgefährte Thomas Kram ihr Leben in der Illegalität auf. Sie stellten sich am 4. Dezember 2006 in Begleitung ihrer Anwälte bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Noch am selben Tag wurde der seit Juni 1998 gegen sie ausgestellte Haftbefehl außer Kraft gesetzt. Gleich zu Beginn des Prozesses sagt Richter Warnatsch: "Der Senat sieht keinen Grund, von dieser Zusage abzuweichen."

Die Pädagogin Adrienne Gerhäuser engagierte sich in den achtziger Jahren in der Frauenbewegung. "Dort habe ich Frauen kennen gelernt, die der 'Roten Zora' nahe standen", trägt Verteidigerin Lunnebeck für ihre Mandantin vor. Ja, Gerhäuser habe sich von Oktober 1986 bis April 1987 als Mitglied der "Roten Zora" betätigt und sei an zwei versuchten Sprengstoffanschlägen beteiligt gewesen. Zum einem am 17. Oktober 1986 auf das Gentechnische Institut in Berlin-Dahlem und zum anderen am 21. Juni 1987 auf ein Verwaltungsgebäude des Bekleidungskonzerns Adler in der Nähe von Aschaffenburg. Für beide Sprengsätze habe sie jeweils einen Wecker der Marke Emes Sonochron als Zündzeitverzögerer gekauft.

So kurz kann ein glaubhaftes Geständnis sein: Es umfasst exakt den von der Bundesanwaltschaft nachgewiesenen Kauf von zwei Weckern und negiert die Möglichkeit, dass Gerhäuser, die sich von 1982 bis 1984 auf Kosten des Arbeitsamtes Essen zur Funkelektronikerin umschulen ließ, auch für den Bau der Sprengsätze verantwortlich sein könnte.



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