Zeuge im Prozess gegen Alexander Falk "Oh Scheiße, tut der dir was an?!"

Alexander Falk soll den Mord an einem Rechtsanwalt in Auftrag gegeben haben. Der Jurist überlebte einen Schuss in den Oberschenkel - und sagte nun als Zeuge über sein Verhältnis zum Angeklagten aus.

Angeklagter Falk (r.) am 21. August vor Gericht:
Arne Dedert/DPA

Angeklagter Falk (r.) am 21. August vor Gericht:

Von , Frankfurt am Main


Das mit der Augenhöhe ist so eine Sache. Bei einer Art Antrittsrede am ersten Prozesstag erklärte Alexander Falk, warum er zu Unrecht auf der Anklagebank sitze. Abgesehen davon, dass er nie einen Menschen umbringen lassen würde, habe er gar keinen Grund gehabt, den Frankfurter Rechtsanwalt Wolfgang J. töten zu wollen. Dieser sei nicht mit ihm "auf Augenhöhe".

Als Wolfgang J. um 9.45 Uhr Saal 8 des Landgerichts Frankfurt am Main betritt, hat sich das mit der Augenhöhe erledigt. Der 55-Jährige zieht einen Pilotenkoffer hinter sich her, bleibt neben der Anklagebank stehen und sagt: "Herr Falk." Es klingt nicht nach einem Gruß, mehr wie eine Feststellung. Falk blickt ihn an, die zwölf Monate Untersuchungshaft sieht man ihm an. Wolfgang J. verharrt, dreht sich um und setzt sich auf den Platz, der für die Zeugen vorgesehen ist.

Vor elf Jahren, am 10. September 2008, haben sich die beiden Männer das letzte Mal gesehen. Nun sind sie die Hauptprotagonisten in einem aufsehenerregenden Verfahren: Falk, der Erbe des größten deutschen Stadtplan-Unternehmens, ist angeklagt wegen Anstiftung zum Mord und zur gefährlichen Körperverletzung. Er soll 2009 in einem Hamburger Restaurant einem Mittelsmann einen Umschlag voll Bargeld übergeben und den Mann mit der Tötung des Rechtsanwaltes Wolfgang J. beauftragt haben.

Gezielter Schuss in den Oberschenkel

Am 8. Februar 2010 wurde Wolfgang J. vor seinem Zuhause in Frankfurt-Harheim mit einem gezielten Schuss in den linken Oberschenkel verletzt. Er war gerade auf dem Weg in seine Kanzlei, stand an seinem Auto, als sich ihm ein Unbekannter näherte und auf ihn schoss. So beschreibt es der Jurist vor Gericht. "Ich hörte den Knall. Dann sah ich, dass der Mann eine Pistole in der Hand hält, dann ein Loch in meiner Hose, dann das Blut."

Er habe dann laut geschrien, um die Nachbarschaft aufzuschrecken, sagt Wolfgang J. Der Fremde sei fortgegangen, ruhigen Schrittes. Der Mann habe sich noch einmal umgedreht, so als habe er prüfen wollen, ob alles so gelaufen sei wie geplant. Erst dann habe er seinen Schritt beschleunigt. Die Tat könnte - wie im Milieu üblich - ein Warnschuss gewesen sein oder der Versuch, den Anwalt umzubringen. Für Wolfgang J. war es in jedem Fall ein "sehr professioneller Tatablauf" und ein "sehr kontrolliertes Tatgeschehen", wie er sagt.

Schon im Rettungswagen habe er der Polizei den Hinweis gegeben: "Ich bin Rechtsanwalt, ich führe ein Verfahren gegen Alexander Falk. Das ist ein Hamburger Multimillionär, hören Sie bitte sein Telefon ab. Darüber wird ihm bestimmt Bericht erstattet werden."

Hintergrund ist ein Zivilrechtsstreit im Jahr 2003 um Millionenforderungen des britischen Telekommunikations-Unternehmen Energis gegen Falk, der Ende 2000 seine Firma Ision AG an den Konzern verkauft hatte. Im Verlauf der rechtlichen Auseinandersetzung wurde ein Arrestbefehl gegen Falk in Höhe von 30 Millionen Euro erlassen. Wolfgang J., damals spezialisiert auf Arrestpfändung und -vollstreckung, gehörte damals zum Team einer Frankfurter Großkanzlei, die von der britischen Firma beauftragt worden war. Vor Gericht fasst er ausführlich die Jahre zwischen dem Beginn des Mandats und dem Anschlag zusammen: Wie Falks gesamte Bankkonten, Geschäftsanteile sowie Luxusgüter gepfändet wurden.

Zeuge erinnert sich an "feindselige" Stimmung bei Treffen

Es war ein lukratives, umsatzstarkes Mandat, wie Wolfgang J. sagt. Aber es war auch komplex und bisweilen mit unangenehmen Begegnungen verbunden: So trafen der Rechtsanwalt und Falk am 10. September 2008 beim Gerichtsvollzieher aufeinander. Falk musste eine eidesstaatliche Versicherung abgeben, Wolfgang J. und sein Kollege vertraten die Gläubiger. Die Stimmung damals sei "außerordentlich feindselig" gewesen, erinnert sich Wolfgang J. im Gericht. Als er für einen Moment mit Falk allein im Raum gewesen sei, habe dieser ihn "böse" angeschaut. "Ich fühlte mich zum ersten Mal von Falk bedroht. Ich habe Angst gehabt." Es sei das erste Mal gewesen, dass er gedacht habe: "Oh Scheiße, tut der dir was an?!"

Glaubt man Wolfgang J., war das der Auftakt einer Bedrohungsserie: Er spricht von anonymen Anrufen auf seinem Privatanschluss, einem Einbruchversuch durch das Esszimmerfenster, einem Fremden vor der Haustür und einer eingeschlagenen Haustür mitten in der Nacht.

Schon nach den ersten Anrufen, sagt Wolfgang J., habe er einen Zusammenhang zu seinem Mandat gegen Falk gesehen, der als Multimillionär zeitweise auf Platz 83 der Liste der reichsten Deutschen rangiert hatte. Für ihn sei es offenkundig, dass mit diesen Aktionen, vor allem aber mit dem gezielten Schuss ins Bein, er als der Anwalt geschwächt werden sollte, der sieben Jahre lang federführend gegen Falk agiert habe. Den Schuss habe er als letzte Warnung verstanden und sich aus dem Verfahren zurückgezogen. "Ich traue Herrn Falk eine Anstiftung zum Mord absolut zu!"

Falk sitzt zwischen seinen Verteidigern Björn Gercke und Daniel Wölky, er bestreitet die Vorwürfe. 2008 wurde er wegen versuchten gemeinschaftlichen Betrugs und Bilanzfälschung beim Ision-Verkauf an Energis zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Wolfgang J. erinnert sich gut an den Prozess. Das Gericht habe damals zu Falks Motivation in der Urteilsbegründung geschrieben: Der Angeklagte Falk habe die Tat "aus Geltungssucht und irrationaler Geldgier" begangen.

Er selbst sei in dem Verfahren vor dem Landgericht Hamburg kein willkommener Prozessteilnehmer gewesen, sagt Wolfgang J. "Keiner sprach mit uns." Ob er sich mit Falk, den anderen Angeklagten und deren Vertretern gegrüßt habe, will der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt wissen. "Ich pflege es, die Menschen zu grüßen", sagt Wolfgang J. "Das mache ich sogar mit Herrn Falk."



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