Prozess gegen Abou-Chaker in Berlin Das Rätsel um den schwarzen Mercedes

Der Prozess gegen Arafat Abou-Chaker in Berlin wird immer verwirrender. Eine neue Spur führt laut Bushido und seinem Anwalt zu einem ganz anderen Fall: den mutmaßlichen Juwelenräubern von Dresden.
Bushido am 17. August 2020 im Gerichtssaal in Berlin: Bedroht und beleidigt?

Bushido am 17. August 2020 im Gerichtssaal in Berlin: Bedroht und beleidigt?

Foto: Pool / Getty Images

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Die Überraschung, die Bushidos Anwalt für diesen Prozesstag angekündigt hat, handelt von einem Auto, einem schwarzen Mercedes GLS 350d. Ein SUV mit Clangeschichte, wie sich an diesem Montag vor dem Landgericht Berlin herausstellt.

Mit dem Auto soll Bushido am 18. Januar 2018 von seiner Villa in Kleinmachnow zum Treffen mit Arafat Abou-Chaker nach Berlin-Treptow gefahren sein. Nach Aussage von Bushido soll an jenem Tag ein Streit mit Abou-Chaker eskaliert sein. Der Rapper wollte sich geschäftlich von dem Clanchef trennen, Abou-Chaker wollte Bushido nicht ohne Weiteres gehen lassen. Abou-Chaker soll Bushido bedroht, beleidigt und mit einer Plastikflasche und einem Stuhl attackiert haben. Abou-Chaker muss sich deswegen unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten.

Mit demselben Mercedes sollen gut zweieinhalb Jahre später Mitglieder einer anderen Großfamilie in Prag unterwegs gewesen sein. Drei junge Männer des Rammo-Clans wurden im September 2020 in dem Auto von der Polizei angehalten. Derzeit müssen sich die drei in Dresden vor Gericht verantwortet, ihnen wird vorgeworfen, am Einbruch ins Grüne Gewölbe beteiligt gewesen zu sein.

Ein Sachverständiger soll die Aufnahme prüfen

Der Prozess gegen Mitglieder des Abou-Chaker-Clans in Berlin hat mit dem Prozess gegen Mitglieder des Rammo-Clans in Dresden nicht viel zu tun. Wäre da nicht der Mercedes und eine heimliche Audioaufnahme.

Im Berliner Prozess bestreitet Arafat Abou-Chaker, dass ein Streit mit Bushido im Januar 2018 eskaliert sei. Die Verteidigung will Bushidos Aussage mit einer Handyaufnahme widerlegen, die einen Mitschnitt jenes Treffen enthalten soll. Abou-Chakers Anwalt hat die Datei vor rund zwei Wochen, eineinhalb Jahre nach Prozessbeginn, dem Gericht übergeben. Kurz zuvor hatte der »Stern« die Existenz einer solchen Aufnahme publik gemacht. Seither wird darüber gestritten, was darauf zu hören ist.

Die einen meinen, die Aufnahme entlarve Bushido als Lügner. Die anderen zweifeln die Authentizität, Vollständigkeit oder Aussagekraft der Aufnahme an. Das Gericht will die Audiodatei nun von einem technischen Sachverständigen des Fraunhofer-Instituts prüfen lassen.

»Unendliche Aneinanderreihung von Konjunktiven«

Vor eineinhalb Wochen hatte Bushidos Anwalt Steffen Tzschoppe noch angekündigt, sich die plötzlich aufgetauchte Tonaufnahme gar nicht anhören zu wollen: »Es ist egal, was da drauf ist.« Das Gericht musste Tzschoppe damals jäh unterbrechen, weil es einer Schöffin nicht gut ging. An diesem Montag nun berichtetet Tzschoppe, dass er und Bushido sich die Audiodatei sehr wohl sehr oft und sehr genau angehört haben. Dass die Aufzeichnung ein vollständiger und authentischer Mitschnitt des Treffens ist, bestreiten sie nach wie vor.

Tzschoppe redet sich in Rage. Er führt allerlei Indizien an, warum die Aufnahme seiner Ansicht nach manipuliert sei. Er versucht, die Aufnahme auseinanderzunehmen, noch bevor das Gericht sie als Beweismittel eingeführt hat und alle Verfahrensbeteiligten sie offiziell kennen. Abou-Chakers Verteidiger wird es irgendwann zu bunt. Der Nebenklagevertreter nehme die Beweisaufnahme vorweg, weswegen dessen Ausführungen unzulässig seien, moniert Verteidiger Hansgeorg Birkhoff. Tzschoppes Stellungnahme nennt er »eine unendliche Aneinanderreihung von Konjunktiven, mehr nicht.«

Bushido sitzt auch an diesem Tag neben seinem Anwalt, zumeist schweigend. Er und sein Anwalt hoffen, dass der Mercedes ihnen hilft, Zweifel an der Echtheit der Aufnahme zu säen. Bushido hatte vor Gericht ausgesagt, das Treffen habe rund viereinhalb Stunden gedauert. Die Aufnahme ist jedoch nur knapp zwei Stunden lang. Bushidos Hoffnung ist, dass die GPS-Daten des Autos verraten, wie lange es damals in Berlin-Treptow parkte. Das Problem: Bushido nutzt den Mercedes längst nicht mehr.

Vor Gericht berichtet Tzschoppe von seiner Suche nach dem Auto. Was er herausfand, überraschte ihn wohl ähnlich wie die Staatsanwaltschaft. Denn die Spur des Autos führte zum Rammo-Clan.

Laut Tzschoppe hatte Bushido das Auto 2018 von einem Mann mit dem Künstlernamen DJ Gan-G gemietet. Dieser hatte Bushido einst als DJ auf dessen Tourneen begleitet. DJ Gan-G ließ Anwalt Tzschoppe wissen, dass nach Bushido die damalige Freundin von Ashraf Rammo das Auto genutzt habe. Im Herbst 2020 habe Rammo es seinen Neffen für eine Reise in die Türkei überlassen. Tzschoppe sagt, der Mercedes sei dann am 17. September 2020 um 1.07 Uhr in Prag von der Polizei angehalten worden.

Die Juwelen sind nach wie vor verschwunden

Nach SPIEGEL-Informationen saßen in dem Auto Ashraf Rammos Neffen Bashir und Abdul Majed Rammo sowie Rabieh Remo, ein entfernterer Verwandter. Alle drei sind Angeklagte im Dresdner Prozess um den Einbruch ins Grüne Gewölbe. Bei dem Einbruch in den frühen Morgenstunden des 25. November 2019 wurden Juwelen im Millionenwert gestohlen. Sie sind nach wie vor verschwunden. Möglicherweise interessiert sich deshalb auch die Staatsanwaltschaft Dresden für die Datensätze aus dem Mercedes, mit dem Bushido im Januar 2018 zum Treffen mit Abou-Chaker fuhr.

Nach Auskunft der Berliner Staatsanwaltschaft befinden sich sämtliche Datensätze aus dem Mercedes seit Langem bei der Staatsanwaltschaft Dresden. Ob darunter auch Daten von Januar 2018 sind, soll das Landeskriminalamt Berlin nun in Dresden herausfinden.

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