Prozess gegen Berliner Arzt »Schon Missverständnisse sind in dem Bereich sehr problematisch«

Hat ein Berliner HIV-Spezialist mehrere seiner Patienten missbraucht? Ein Zeuge von der Ärztekammer erinnert sich vor Gericht an frühe Alarmsignale.
Von Wiebke Ramm
Amtsgericht Tiergarten in Berlin

Amtsgericht Tiergarten in Berlin

Foto: Taylan Gökalp / picture alliance/dpa

Der Jurist der Ärztekammer Berlin erinnert sich noch gut an das Telefonat Ende Mai 2013. »Es war ein anstrengendes, krasses Gespräch«, sagt er am Donnerstag als Zeuge vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten. Der Anrufer bezichtigte den Berliner Arzt Heiko J., in einer Untersuchungssituation sexuell übergriffig geworden zu sein. Heiko J. ist Spezialist für die Behandlung von Geschlechtskrankheiten.

Der Mann habe am Telefon berichtet, dass der Arzt mit mehreren Fingern in seinen Anus eingedrungen sei, er habe seine Prostata stimuliert und zugleich mit der anderen Hand seinen Penis massiert. Der Patient sei aufgefordert worden zu masturbieren, was er getan habe. Der Patient habe ejakuliert. Das Sperma habe der Arzt für weitere Untersuchungen genutzt. »Die Schilderung fand ich krass«, sagt der Zeuge von der Ärztekammer. Der Anrufer habe ihm auch gesagt, dass es weitere betroffene Patienten gebe.

Wenige Tage später, Anfang Juni 2013, meldeten sich drei weitere Männer. Einer von ihnen habe von »eher verbal unangemessenem Verhalten« berichtet. Der Arzt habe ihn »Schätzchen« genannt und ihm Komplimente gemacht, »schöner Penis und solche Geschichten«, sagt der Jurist.

Die Ärztekammer leitete ein berufsrechtliches Untersuchungsverfahren gegen Heiko J. ein. Es habe kurz vor dem Abschluss gestanden, als das strafrechtliche Ermittlungsverfahren der Staatsanwalt begann, sagt der Zeuge. Seither ruht das Verfahren der Ärztekammer. Von den vier Patienten, die damals die Ärztekammer anriefen, sind drei nun Nebenkläger im Strafprozess gegen Heiko J. Zwei von ihnen haben vor Gericht bereits ausgesagt .

Es gab eine Vorgeschichte

Der Namen Heiko J. war dem Mitarbeiter der Ärztekammer damals bereits geläufig. Denn es gab »eine Vorgeschichte«, wie es der Zeuge formuliert. Bereits im Herbst 2012 hatte er von Vorwürfen des sexuellen Übergriffs gegen den Arzt erfahren.

Eine Mitarbeiterin des Zentrums für sexuelle Gesundheit und der Geschäftsführer eines Wohnprojekts für queere Jugendliche und junge Erwachsene hatten sich damals an die Ärztekammer gewandt. Das Zentrum für sexuelle Gesundheit bietet Beratung zum Thema sexuell übertragbare Infektionen an. Das Angebot richtet sich vorrangig an Menschen ohne Krankenversicherung und an Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter.

Die Mitarbeiterin und der Geschäftsführer sagten dem Zeugen, dass ihnen »mehrere Personen«, darunter auch Minderjährige, von Übergriffen in Untersuchungssituationen berichtet hätten. Sie hätten sich ohne ersichtlichen Grund ausziehen sollen und seien dann an den Genitalien berührt worden. So schildert es der Jurist vor Gericht.

Die Vorwürfe seien nicht weiter konkretisiert worden. Auch Namen der vermeintlich Betroffenen hätten die Mitarbeiterin und der Geschäftsführer nicht nennen wollen. Die Bewohner des Wohnprojekts hätten bereits zuvor sexuelle Gewalt erfahren, habe der Geschäftsführer gesagt. Um sie zu schützen, habe er ihnen keine Aussage zumuten wollen.

»Äußerst bedenklich«

Der Jurist erinnert sich noch, dass die Mitarbeiterin des Zentrums für sexuelle Gesundheit ihm sagte, dass sie die Vorwürfe für glaubhaft halte. Denn sie habe sich ihrerseits an eine Sitzung eines Gremiums erinnert, an der auch Heiko J. teilgenommen habe. Es sei um sexuelle Verhältnisse zwischen Praxis-Mitarbeitern und Patienten gegangen. »Dr. J. fände es gar nicht schlimm«, habe die Frau den Kommentar von Heiko J. wiedergegeben. Er habe auch manchmal etwas mit Patienten, soll er nach Angaben der Frau damals gesagt haben. »Wir haben das schon für äußerst bedenklich gehalten«, sagt der Mitarbeiter der Ärztekammer vor Gericht. Doch auf Basis der spärlichen Informationen habe die Ärztekammer nicht tätig werden können.

Die Ärztekammer habe Heiko J. im Dezember 2012 über die Hinweise informiert, sagt der Zeuge. Der Arzt habe »betroffen und schockiert« auf die Vorwürfe reagiert und sie bestritten. Etwa ein halbes Jahr später – Ende Mai, Anfang Juni 2013 – erhielt der Zeuge dann die Anrufe der vier Patienten. Und die Ärztekammer leitete ihr Untersuchungsverfahren ein.

Der Zeuge sagt, die Ärztekammer habe damals beabsichtigt, »zur Gefahrenabwehr« eine sogenannte Verpflichtungsverfügung gegen Heiko J. zu erlassen, dass er Patienten nur noch in Anwesenheit Dritter untersuchen und behandeln dürfe. Dazu sei es dann aber nicht gekommen. Denn Heiko J. gab im November 2013 über seine damalige Anwältin selbst eine entsprechende Erklärung ab, dass er »ab sofort« nicht mehr allein Untersuchungen und Behandlungen durchführe.

Heiko J. weist die Vorwürfe zurück

Vor Gericht wird Heiko J. von zwei Anwälten und einer Anwältin verteidigt. Die Anklagevorwürfe bestreitet er. Angeklagt sind fünf Fälle des sexuellen Missbrauchs in den Jahren 2011, 2012 und 2013. Die Verteidigung sagt, Heiko J. habe keinen Patienten missbraucht. Alle Handgriffe seien medizinisch, nicht sexuell motiviert gewesen. Bei den Patienten sei es möglicherweise zu »Missverständnissen« gekommen.

Zum Thema Missverständnisse äußert sich auch der Ärztekammer-Zeuge an diesem Donnerstag vor Gericht. »Schon Missverständnisse sind in dem Bereich sehr problematisch«, sagt er. Zur gewissenhaften Berufsausübung gehöre die Aufklärung. Patienten müssten jeden Schritt des Arztes nachvollziehen und zum Beispiel auch verstehen können, warum sie sich entkleiden sollen. Ein Arzt habe sich so zu verhalten, dass Missverständnisse gar nicht erst entstehen.

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