Prozess gegen Conrad Murray Narkose-Experte macht Leibarzt für Jacksons Tod verantwortlich

Conrad Murray trägt Schuld am Tod von Michael Jackson - das hat ein Anästhesist im Prozess gegen den Leibarzt des Sängers ausgesagt. Die Behauptung der Verteidigung, Jackson habe sich eine Überdosis des Narkosemittel Propofol selbst verabreicht, sei "verrückt".

Zeuge Shafer: Behauptungen der Verteidigung "verrückt"
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Zeuge Shafer: Behauptungen der Verteidigung "verrückt"


Los Angeles - Ein Narkose-Experte hat im Prozess gegen Michael Jacksons Leibarzt Conrad Murray ausgesagt, der Mediziner sei direkt für den Tod des Sängers verantwortlich. Als "einziges Szenario" für die tödliche Überdosis mit dem Narkosemittel Propofol gebe es nur die Erklärung, dass Murray seinem Patienten eine große Menge intravenös verabreicht habe, sagte der renommierte Anästhesist Steven Shafer vor den Geschworenen in Los Angeles.

An drei Tagen im Zeugenstand erläuterte Shafer mit Hilfe von Tropfständern, Diagrammen und Infusionsbeuteln seine Ausführungen. Er hielt Murray zahlreiche gravierende Fehler im Umgang mit Propofol vor. Jackson stand laut Shafer in den Stunden vor seinem Tod so stark unter dem Einfluss von Medikamenten, dass er nicht in der Lage gewesen sei, sich selbst die Überdosis Propofol zu verabreichen, an der er starb. Shafer hatte bereits am Mittwoch ausgesagt, Murray habe sich insgesamt 17 "ungeheuerlicher Verstöße" gegen die ärztlichen Pflegestandards schuldig gemacht.

Die Aussage von Murrays Verteidigung, der Sänger habe sich das Medikament selbst verabreicht, sei "verrückt". "Er kann sich keine Injektion geben, wenn er schläft", sagte Shafer. Die Restmenge an Medikamenten in Jacksons Körper weise darauf hin, dass Murray dem Sänger deutlich höhere Dosen an Beruhigungsmitteln gegeben habe, als der Arzt gegenüber der Polizei angab.

Nach Darstellung der Verteidigung verließ Murray Jackson nur für zwei Minuten. In dieser Zeit könnte der Sänger sich per Spritze zusätzliches Propofol verabreicht haben - für Shafer ein unglaubwürdiges Szenario: "Leute wachen nicht einfach aus der Narkose auf, um auf Biegen und Brechen eine Spritze zu nehmen und sich etwas intravenös zu verabreichen", sagte er.

Verteidigung will 15 Zeugen befragen

Shafer wies zudem die Behauptung zurück, Jackson könnte sich durch Einnahme von acht Tabletten des Beruhigungsmittels Lorazepam getötet haben. In Jacksons Magen habe man nur eine geringe Menge des Mittels gefunden.

Shafer, Professor an der berühmten Columbia Universität, war der 33. und wohl letzte Zeuge, den die Staatsanwaltschaft seit Prozessbeginn Ende September befragt hatte. Am Freitag soll die Verteidigung mit ihrer Präsentation beginnen. Nach US-Medienberichten wollen Murrays Anwälte rund 15 Personen als Zeugen befragen. Darunter ist auch ein Narkose-Experte, der einst eng mit Shafer zusammenarbeitete.

Die Strategie der Verteidigung gibt noch Rätsel auf. Vor wenigen Tagen überraschten Murrays Anwälte mit einer radikalen Kehrtwende: Sie räumten ein, dass Jackson durch heimliches Trinken von Propofol nicht sterben konnte. Das hätten neue Studien gezeigt. Das Narkosemittel wird Patienten normalerweise direkt in die Vene geleitet.

Die Verteidigung dürfte es gegen das Aufgebot von 33 Zeugen der Anklage schwer haben. Glaubt man den Aussagen der Rettungssanitäter, Notärzte, Leibwächter, Jacksons Hausangestellten und Freundinnen des Arztes, so hat Murray seinen Patienten am Narkosetropf aus den Augen gelassen und telefoniert, dann in heller Panik eine mögliche Wiederbelebung verpatzt, Spuren vertuscht und erst viel zu spät den Notarzt gerufen.

Jackson war am 25. Juni 2009 nach dem Befund der Gerichtsmediziner an einer Überdosis Propofol im Mix mit anderen Beruhigungsmitteln gestorben. Der wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Arzt hatte im Polizeiverhör gesagt, er habe Jackson nur eine kleine, harmlose Menge gespritzt. Der 58-Jährige nahm Shafers Ausführungen äußerlich meist regungslos zur Kenntnis. Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihm bis zu vier Jahre Haft.

ulz/dpa/AP

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