Prozess gegen Ex-Chef des Weißen Rings in Lübeck "Er wollte mich ständig küssen"

Der frühere Chef des Opferhilfevereins Weißer Ring in Lübeck ist wegen Exhibitionismus angeklagt. Zwei weitere Frauen werfen dem 74-Jährigen übergriffiges Verhalten vor - wie schon andere zuvor.

Angeklagter Hardt vor Gericht (Archiv): Er soll sich vor einer Frau entblößt haben
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Angeklagter Hardt vor Gericht (Archiv): Er soll sich vor einer Frau entblößt haben

Von Wiebke Ramm, Lübeck


Der Staatsanwaltschaft geht es um ein Verhaltensmuster von Detlef Hardt. Sie will darlegen, dass der frühere Chef des Weißen Rings in Lübeck "zu sexuell motivierten Grenzüberschreitungen" neigt. Oder wie es der Verteidiger an diesem Montag vor dem Amtsgericht Lübeck formuliert: "Die Staatsanwaltschaft möchte unter Beweis stellen, dass mein Mandant nicht in der Lage ist, Grenzen einzuhalten."

Daran gibt es nach acht Verhandlungstagen in der Tat wenig Zweifel. Auf Antrag von Staatsanwältin Magdalena Salska werden an diesem Montag zwei Frauen gehört, die dem heute 74-jährigen Angeklagten übergriffiges Verhalten vorwerfen. Mehrere andere Frauen hatten bereits Ähnliches berichtet. Staatsanwältin Salska will mit den Aussagen der Zeuginnen die Glaubhaftigkeit der Angaben der Nebenklägerin stützen.

Aussage gegen Aussage

Doch die Frage ist: Was sagt das möglicherweise übergriffige Verhalten von Detlef Hardt gegenüber all den Frauen darüber aus, was im April 2016 zwischen Hardt und der Nebenklägerin Dora M. passiert ist? Verteidiger Oliver Dedow formuliert es so: "Ich weiß nicht, wie man damit eine exhibitionistische Handlung unter Beweis stellen will." Nur wegen dieses Vorwurfs ist Hardt angeklagt. Dora M. sagt, Hardt habe in einer Beratungssituation in seinem Büro seinen Penis aus der Hose geholt und sie aufgefordert, ihn anzufassen. Detlef Hardt sagt, das habe er nicht getan. Zeugen gibt es nicht. Aussage steht gegen Aussage. Keine der Frauen, die an diesem oder einem früheren Verhandlungstag gehört wurden, waren damals dabei.

Zum Beispiel die erste Belastungszeugin an diesem Tag. Die Frau legt ein psychiatrisches Attest vor, wonach ihr die Konfrontation mit dem Angeklagten und eine Aussage vor der Öffentlichkeit gesundheitlichen Schaden zufügen könne. Die Zeugin sei in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden und traumatisiert. Richterin Andrea Schulz schickt die Zuhörer und Medienvertreter vor die Tür, Hardt verlässt freiwillig den Saal. Hinterher fasst die Richterin die Aussage der Zeugin zusammen.

Demnach hatte sich die Zeugin 2010 oder 2011 erstmals an den Weißen Ring in Lübeck gewandt, weil sie als Missbrauchsopfer Hilfe suchte, um einen Antrag auf Opferentschädigung zu stellen. Detlef Hardt nahm sich ihrer an. Wie fast alle Zeuginnen berichtet auch diese Frau, dass er zunächst sehr hilfreich gewesen sei. Als sie erwähnte, sie würde gerne einmal reiten, habe er ihr den Besuch auf einem Reiterhof ermöglicht. Und er hat den Besuch nicht nur organisiert, er hat sie in seinem Auto auch hingefahren. Während der Fahrt habe er ihr Komplimente über ihr Aussehen gemacht, sie nach ihrem Privatleben ausgefragt und schließlich seine Hand auf die Innenseite ihres Oberschenkels gelegt. Sie habe den Vorfall hinterher beim Frauennotruf gemeldet. Dort sei ihr von einer Anzeige abgeraten worden. In den Folgejahren schrieb sie an Medien, Verbände, Vereine, "um Herrn Hardt zu stoppen". In einem ihrer Schreiben, aus dem die Verteidigung zitiert, heißt es: "Die Hilfe des Weißen Rings ist an Bedingungen geknüpft, die pervers und grausam sind." Sie wollte Opfer sexueller Gewalt vor dem Weißen Ring warnen.

Zurückweisung ignoriert?

Die nächste Zeugin ist 54 Jahre alt und Sachbearbeiterin beim Weißen Ring, in der Geschäftsstelle des Landesverbands Schleswig-Holstein in Rendsburg. Vor drei Jahren starb ihr Ehemann. Zwei Monate später lud Hardt sie in Schwerin ins Theater ein, wo sie wegen eines Wochenendseminars war. Sie habe es komisch gefunden, aber auf den Rat ihrer Kollegen, dass es doch eine schöne Ablenkung sei, eingewilligt. Wieder soll Hardt anzügliche Bemerkungen gemacht. Wie schon andere Frauen soll er auch sie gefragt haben, ob er ihre Brüste berühren dürfe. Wieder soll er Zurückweisung wiederholt ignoriert haben.

"Er wollte mich ständig küssen", sagt die Zeugin. Sie habe ihm gesagt, sie habe kein Interesse an ihm, ihr Mann sei gerade gestorben und er, Hardt, könne vom Alter her ihr Vater sein. Immer wieder habe sie versucht, ihn fernzuhalten. Sie habe ihn auch an seine Frau und seine Familie erinnert. Doch Hardt habe nicht lockergelassen. Einen Kuss habe sie sich irgendwann aufdrängen lassen, "weil ich dachte, dann lässt er dich endlich in Ruhe".

Wütender Anruf

Am nächsten Tag habe sie einer Kollegin davon erzählt. Diese habe Hardt wutentbrannt angerufen. Er habe sich dann entschuldigt. "Aber seine Version klang ganz anders." Sie sagt auch: "Ich weiß jetzt, wie schutzlos sich Opfer fühlen. Herr Hardt hat meine Situation schamlos ausgenutzt. Ich spüre einfach nur Wut."

"Hatten Sie das Gefühl, dass er irgendwann einmal verstanden hat, dass er bei Ihnen zu weit gegangen ist?", fragt Staatsanwältin Salska. "Nein", sagt die Zeugin: "Das hat ihn gar nicht interessiert."

Auch die Staatsanwaltschaft sieht in Hardts Verhalten in diesem Fall keine strafrechtliche Relevanz, aber ein Verhaltensmuster. In diesem Fall hätte Hardt auch keine besonders sensible Beratungssituation mit einem Missbrauchsopfer ausgenutzt. In diesem Fall hätte er eine Frau bedrängt, die um ihren Ehemann trauert.

Verteidiger Dedow moniert regelmäßig, die Zeuginnen könnten nichts zur Wahrheitsfindung im angeklagten Fall beitragen. Er selbst beantragt im Gegenzug, Zeugen anzuhören, die die Nebenklägerin in einem fragwürdigen Licht erscheinen lassen. So berichtet eine weitere Zeugin an diesem Montag auf Antrag der Verteidigung, dass Dora M. ihr 12.000 Euro schulde. Die Zeugin war die Vermieterin von Dora M. Die Nebenklägerin soll über Monate die Miete nicht gezahlt, schließlich mit ihren Kindern Hals über Kopf ausgezogen und die Wohnung renovierungsbedürftig zurückgelassen haben. Mit dem Anklagevorwurf gegen Hardt hat allerdings auch das nur am Rande zu tun.

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