#MeToo-Prozess gegen Harvey Weinstein Die Spur der Gewalt

Dutzende Frauen werfen Harvey Weinstein sexuelle Übergriffe vor. Wegen zweier Fälle muss sich der Ex-Filmproduzent jetzt vor einem New Yorker Gericht verantworten. Weinstein selbst stellt sich als das eigentliche Opfer dar.
Auf der Anklagebank: Ex-Produzent Harvey Weinstein bei einer Vorab-Anhörung in New York

Auf der Anklagebank: Ex-Produzent Harvey Weinstein bei einer Vorab-Anhörung in New York

Foto: Mark Lennihan/ AP/ DPA

Harvey Weinstein ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Bei einem Kautionstermin im Dezember schleppte sich der einst so machtvolle Ex-Filmproduzent mit einer Gehhilfe in den Gerichtssaal. Er war ausgemergelt, blass und kaum mehr wiederzuerkennen.

Weinsteins Zustand sei die Folge eines Autounfalls, sagten seine Rechtsanwälte. Doch dank einer Wirbelsäulenoperation hoffe er, alsbald wieder fit zu sein.

Wie fit, das wird sich an diesem Montag zeigen, wenn vor einem New Yorker Geschworenengericht der Prozess gegen Weinstein beginnt. Der 67-Jährige, dessen spektakulärer Sturz die #MeToo-Ära begründete, ist wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt. Ein Schuldspruch könnte ihn für den Rest seines Lebens ins Gefängnis bringen.

Es ist das bedeutsamste Strafverfahren seit Beginn von #MeToo vor mehr als zwei Jahren. Beide Seiten erhoffen sich davon auch ein (freilich unterschiedliches) Urteil über die gesamte Bewegung.

Ausgemergelter Schatten seiner selbst: Weinstein bei einer Kautionsanhörung im Dezember

Ausgemergelter Schatten seiner selbst: Weinstein bei einer Kautionsanhörung im Dezember

Foto: Mark Lennihan/ AP/ DPA

Die Anklage will ein Zeichen setzen: Der Fall - der ganz Hollywood aufwühlte und zu weltweitem Widerstand gegen sexuelle Übergriffe auf Frauen führte - symbolisiere Gerechtigkeit für alle Opfer sexueller Gewalt, erklärte Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance. Weinsteins Anwältin Donna Rotunno hingegen sieht ihren Mandanten selbst als Opfer einer männerfeindlichen Überreaktion: "Frauen sind verantwortlich für die Entscheidungen, die sie treffen."

Der Weinstein-Skandal begann im Oktober 2017 mit Enthüllungen in der "New York Times" und im "New Yorker". Mehr als 80 Frauen, darunter Stars wie Angelina Jolie, Rose McGowan und Salma Hayek, beschuldigten Weinstein seither, sie sexuell angegriffen zu haben.

Daraus erwuchsen Dutzende Zivilverfahren, die jetzt mit einem Vergleich enden sollen, der Weinstein finanziell begünstigt. Übrig blieb ein einziges Strafverfahren, das nun zur öffentlichen Verhandlung kommt. Es geht um die mutmaßlichen Übergriffe Weinsteins auf zwei Frauen.

Aus der großen Abrechnung wurde eine Abrechnung light.

Abrechnung: Mutmaßliche Weinstein-Opfer Ashley Judd, Annabella Sciorra und Salma Hayek

Abrechnung: Mutmaßliche Weinstein-Opfer Ashley Judd, Annabella Sciorra und Salma Hayek

Foto: LUCAS JACKSON/ REUTERS

Der Anklage zufolge soll Weinstein Mimi Haleyi, eine damalige Angestellte seiner Produktionsfirma, 2006 in seiner New Yorker Wohnung zum Oralverkehr gezwungen haben. Eine zweite, nicht identifizierte Frau, mit der er eine längere Beziehung unterhalten habe, habe er 2013 in einem Hotelzimmer in Manhattan vergewaltigt.

Vier weitere Frauen sollen als Zeuginnen der Anklage auftreten. Die bekannteste ist "Sopranos"-Schauspielerin Annabella Sciorra, die Weinstein beschuldigt, sie 1994 vergewaltigt zu haben. Diese Vorwürfe sind verjährt, könnten aber helfen, ein Verhaltensmuster nachzuweisen.

Weinstein, gegen Kaution vorerst frei, behauptet, alle sexuellen Kontakte seien einvernehmlich gewesen.

"Für die Staatsanwaltschaft wird es sehr, sehr schwierig, diesen Fall zu gewinnen", sagte der Strafverteidiger Jeffery Greco der Zeitschrift "Variety". Viele Geschworene dürften Weinsteins Verhalten zwar missbilligen, aber den Frauen Mitschuld geben. Diese knallharte Strategie deutete auch Anwältin Rotunno im "Wall Street Journal" an: "Geh doch einfach nicht mit aufs Hotelzimmer", wäre ihre eigene Devise gewesen.

Trotzdem entpuppte sich der frühere Hollywood-Mogul Weinstein schon jetzt als schwieriger Mandant, der seine Verteidigung am liebsten selbst inszeniert. So verschliss er bereits zwei Anwaltsteams. Zuletzt warf Starjurist Benjamin Brafman hin, der den Rapper Sean "Diddy" Combs und Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn erfolgreich verteidigt hatte.

Knallharte Strategie: Weinstein-Anwälte Damon Cheronis, Donna Rotunno und Arthur Aidala

Knallharte Strategie: Weinstein-Anwälte Damon Cheronis, Donna Rotunno und Arthur Aidala

Foto: Seth Wenig/AP

Richter James Burke will den Prozess, der zwei Monate dauern könnte, nicht zum Spektakel werden lassen. Er hat strikte Benimmregeln erlassen (keine SMS im Saal), für die rund 250 akkreditierten Reporter wie für die Zuschauer. Der erste Tag dient reinen Formalien, am Dienstag beginnt die Auswahl der Geschworenen aus einem Pool von 500 New Yorkern, danach folgen die Eröffnungsplädoyers.

Ein Medienzirkus scheint aber unvermeidbar. Weinstein war fest verwurzelt in der New Yorker Society aus Medienmachern, Politikern und Anwälten. Bis heute wird er von manchen verteidigt. Als ihn zwei Frauen neulich in einer Bar beschimpften, wurden sie vor die Tür gesetzt.

Prominente Vertreter Hollywoods und der #MeToo-Szene haben sich zum Prozess angesagt. Vor dem Gericht in Lower Manhattan dürfte es zu Kundgebungen kommen. Bei den bisherigen Anhörungen waren unter anderem die Schauspielerinnen Marisa Tomei und Amber Tamblyn dabei, außerdem die Staranwältin Gloria Allred, die mehrere mutmaßliche Weinstein-Opfer vertritt. Allreds Tochter Linda Bloom, ebenfalls eine Anwältin, soll eine Zeitlang für Weinstein gearbeitet haben, wie Reporter Ronan Farrow kürzlich enthüllte.

Weinstein - dessen Filmfirma zerschlagen wurde - beklagt sich unterdessen, dass in Wahrheit er es sei, dem hier Unrecht widerfahre. "Ich fühle mich wie der vergessene Mann", sagte er der "New York Post"  am Krankenbett. Er habe mehr Filme mit und über Frauen produziert als sonstwer und sein Vermögen oft für wohltätige Zwecke verwandt. "Wegen dem, was passiert ist, wurde das alles vernichtet."

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