Gutachter im Prozess gegen Berliner Frauenärzte Ein Leben für ein Leben

Ein Kind wurde entbunden, der Zwilling danach im Mutterleib getötet: Eine Ärztin und ein Arzt müssen sich deshalb wegen Totschlags vor Gericht verantworten. Nun ordnete ein Gutachter den Fall ein.

Das Kriminalgericht Moabit in Berlin: "All das lässt mir keine Ruhe"
Jens Kalaene/ DPA

Das Kriminalgericht Moabit in Berlin: "All das lässt mir keine Ruhe"

Von Wiebke Ramm


Sie wollten das Beste für den einen Zwilling - jetzt stehen sie wegen Totschlags des anderen Zwillings vor dem Landgericht Berlin.

Oberärztin Babett R. und der damalige Chefarzt Professor Klaus V. nahmen im Juli 2010 in einer Berliner Klinik für Geburtsmedizin bei einer 27-jährigen Frau einen Kaiserschnitt vor. Ein Mädchen brachten die Ärzte gesund zur Welt.

Bei der Zwillingsschwester jedoch war früh eine massive Hirnschädigung festgestellt worden. Mit Einverständnis der Eltern injizierten die Ärzte dem Zwilling noch im Mutterleib Kaliumchlorid. Das Herz hörte auf zu schlagen. Ein Gutachter äußerte nun vor Gericht Verständnis für das Handeln der Ärzte. Ihr Vorgehen sei für den gesunden Zwilling mit den wenigsten Risiken verbunden gewesen.

"Auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden"

Es war eine Hochrisikoschwangerschaft. Die Föten hatten sich im Mutterleib einen Mutterkuchen geteilt. "Diese Kinder sind auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden", sagt Gutachter Peter Kozlowski, Pränatal-Mediziner aus Düsseldorf, am dritten Verhandlungstag. "Die gemeinsame Plazenta ist das Problem."

Es kam zu Komplikationen. Die Verbindungen zwischen den Zwillingen habe zu einer ungleichen Nährstoffversorgung geführt. Der gesunde Fötus geriet in Gefahr. Ärzte hatten versucht, die Verbindungen der Zwillinge durch eine Laserbehandlung zu trennen. Der Zustand schien sich zu normalisieren, doch dann entdeckten sie massive Hirnauffälligkeiten bei dem einen Zwilling. Nach ärztlicher Beratung entschieden sich die Eltern für einen sogenannten selektiven Fetozid. Das heißt, der kranke Zwilling sollte getötet werden, um das Risiko einer Schädigung auch des gesunden Zwillings zu minimieren.

Jede Behandlung des kranken Fötus gefährdet den gesunden Fötus

Gutachter Kozlowski referiert aus der Fachliteratur, welche Eingriffe möglich sind, wenn es wie in diesem Fall zu Komplikationen kommt. Und er macht deutlich, dass jede Behandlung des kranken Fötus den gesunden Fötus gefährdet.

Aus medizinischer Sicht sei die Gefahr für den gesunden Fötus am geringsten, wenn die Tötung des kranken Fötus so spät wie möglich im Verlauf der Schwangerschaft und "sehr zeitnah zur Geburt" geschieht. "Wenn der Eingriff wegen rechtlicher Risikovermeidung früher erfolgt, verlagern wir das Risiko eindeutig auf die Mutter und das gesunde Kind."

Spätabtreibung - oder Totschlag?

Nach Paragraf 218a Strafgesetzbuch ist die Tötung eines Fötus unter bestimmten Voraussetzungen noch bis kurz vor der Entbindung erlaubt. Ein solcher Eingriff muss medizinisch angezeigt sein, um die Schwangere vor Belastungen zu bewahren, die für sie als unzumutbar erachtet werden.

Sobald aber die Gebärmutter eröffnet ist oder die Eröffnungswehen begonnen haben, gilt der Fötus nach Ansicht von Strafrechtlern als Mensch. Seine Tötung ist dann keine unter Umständen erlaubte sogenannte Spätabtreibung mehr - sondern ein Verbrechen: Totschlag.

Rechtlich scheint der Fall ziemlich einfach zu sein.

Medizinisch und ethisch ist er es nicht.

Keine Berichte in der Fachliteratur

Ein Beisitzender Richter fragt, ob sich in der Fachliteratur auch Berichte über das Vorgehen finden, wie es die beiden Angeklagten gewählt haben.

"Ich habe darüber keine Literatur gefunden", sagt der Gutachter.

Die Staatsanwältin hakt nach. Obwohl es das risikoärmste Vorgehen sei, existiere darüber keine Literatur? "Warum nicht?"

Kozlowski möchte keine Antwort geben. "Das gehört nicht hierher", sagt er.

"Doch", sagt die Staatsanwältin.

"Weil wir uns in einer rechtlich nicht eindeutig definierten Zone befinden", sagt Kozlowski, "deshalb."

"Kann man es auch so formulieren, dass es rechtlich nicht zulässig ist?"

"Nein", sagt der Mediziner, "nicht aus meiner Sicht."

"All das lässt mir keine Ruhe"

Gut sechs Jahren dauerte es von der ersten anonymen Anzeige bis zum Beginn der Hauptverhandlung vor der 32. Strafkammer. Das gesunde Mädchen, das damals per Kaiserschnitt auf die Welt kam, ist heute neun Jahre alt.

Schertz verliest die anonyme Anzeige, die erst drei Jahre nach dem Tod des Zwillings erstattet wurde.

Die Anzeige erreichte die Polizei im Juli 2013 über deren Internetportal. "Ich bin Mitarbeiter der Geburtsklinik", heißt es darin. Aus Angst um seinen Arbeitsplatz wolle er anonym bleiben. Seiner Anzeige fügte er den Bericht zur Operation im Juli 2010 bei, als erst der eine Zwillinge per Kaiserschnitt gesund entbunden und dann der andere Zwilling getötet wurde.

Er könne derartige Eingriffe "nicht mehr länger ertragen", schreibt der Mitarbeiter. "Es sind lebensfähige Kinder, die hier getötet werden." Weiter schreibt er: "All das lässt mir keine Ruhe. Ich kann und möchte nicht länger stiller Mitwisser sein." Er bittet die Staatsanwaltschaft zu prüfen, ob die Klinik gegen Gesetze verstößt.

Jetzt geht alles ganz schnell

Nach der Anzeige passierte zunächst wenig.

Erst im Mai 2014 nahm die Staatsanwaltschaft nach einer erneuten Anzeige die Ermittlungen wieder auf. Sie beauftragte einen medizinischen Sachverständigen. Dessen Gutachten lag im März 2015 vor. Erst ein gutes Jahr später, im Sommer 2016, erhob die Staatsanwaltschaft Anklage.

Wegen Überlastung der Strafkammer kam es zu weiteren Verzögerungen. Schließlich schied der erste Gutachter aus dem Verfahren aus. Die genauen Umstände nennt der Richter an diesem Tag nicht. Der Düsseldorfer Experte, Professor Kozlowski, wurde mit einem neuen Gutachten beauftragt. Ende 2018 lag es vor. Es dauerte weitere zehn Monate, bis im Oktober 2019 schließlich der Prozess begann.

Schnelles Urteil erwartet

"Für den Fall", sagt der Vorsitzende Richter Matthias Schertz und wiederholt: "Nur für den Fall eines Schuldspruches müssen wir darüber nachdenken, wie sich die lange Verfahrensdauer auf die Strafzumessung auswirkt." Schertz will nicht, dass seine Worte als Vor-Urteil verstanden werden. Aber seine Worte sind ein deutlicher Hinweis.

Nun soll alles ganz schnell gehen.

Nächsten Dienstag, am vierten Verhandlungstag, sollen Staatsanwaltschaft und Verteidigung plädieren. Und schon am fünften Prozesstag könnte das Urteil fallen.



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