Richter im Prozess gegen Harvey Weinstein "Ich erwarte Gehorsam"

Der Prozess gegen Harvey Weinstein soll auch eine Abrechnung mit dem System Hollywood werden - das hoffen jedenfalls manche Opfer. Doch die ersten Tage versprechen ihnen wenig Genugtuung.
Aus New York berichtet Marc Pitzke
Harvey Weinstein verlässt am Dienstagabend das Gericht

Harvey Weinstein verlässt am Dienstagabend das Gericht

Foto: STEPHANIE KEITH/ AFP

Richter James Burke hat sich kaum hingesetzt, da reißt ihm auch schon der Geduldsfaden. "Mr. Weinstein!", bellt er, als er diesen erneut erwischt, wie er heimlich mit dem Handy hantiert. "Wollen Sie wirklich für den Rest Ihres Lebens im Gefängnis landen?" 

Der Gescholtene senkt den Kopf. "Sagen Sie nichts", fährt der Richter fort. "Ich erwarte keine Entschuldigungen. Ich erwarte Gehorsam." 

Richter Burke pocht auf Disziplin in seinem Verhandlungssaal. Keine Störungen, keine Smartphones, keine Chats: Das gilt für alle - Zuschauer, Reporter, Verteidiger, Ankläger, Angeklagter. Selbst wenn der Angeklagte Harvey Weinstein heißt und mal der mächtigste Mann in Hollywood war. 

Es ist erst der zweite Tag des Vergewaltigungsprozesses gegen Weinstein - und schon kracht es. Burke macht klar, dass Weinstein keine VIP-Privilegien mehr genießt. Er, der früher so oft das Kommando führte, hat in Saal 1530 nichts zu sagen. An der Stirnwand steht: "In God We Trust." 

Die neue Rolle fällt Weinstein schwer. Er ist 67 Jahre alt und 1,83 Meter groß, doch er wirkt um Jahrzehnte gealtert - und geschrumpft. Über eine Gehhilfe gekrümmt schlurft er heran, seine Schuhe quietschen auf dem Linoleum. Er ist dürr und blass, wie gepudert. Nichts scheint übrig von dem Mann, der einen früher überwältigen konnte. 

Weinsteins Zustand ist angeblich die Folge eines Autounfalls, doch manche munkeln, das sei nur Show, wie im Film eben. Auf dem Flur gibt er artig ein Handy ab, doch behält zwei weitere Geräte, mit denen er auf der Anklagebank herumfummelt, als habe er Besseres zu tun. Wenn er sich langweile, könne Weinstein gerne "ein Buch mitbringen", schimpft Richter Burke und droht, den Angeklagten wegen Regelverstoßes für den Rest des Prozesses einzusperren

Auch sonst ist dies kein normales Verfahren: Viele Leute sehen es als symbolische Bewährungsprobe, wie justiziabel die #MeToo-Ära ist - und ob die Täter ungeschoren davonkommen. Schon der Auftakt der Verhandlung macht deutlich, wie bizarr und unberechenbar die nächsten Monate werden dürften, hier im 15. Stock des New Yorker Supreme Courts, vier Straßenblocks entfernt von Weinsteins früherer Firmenzentrale. 

"Justitia knöpft sich ein Super-Raubtier vor"

Die Weinstein Company, einst ein erfolgreiches Filmstudio, wurde 2018 zerschlagen - ein Jahr, nachdem mehr als 80 Frauen, darunter Stars wie Angelina Jolie, den Produzenten beschuldigt hatten, sich sexuell an ihnen vergangen zu haben. Viele mutmaßliche Opfer klagen bis heute über psychische Folgen. Auch habe Weinstein Karrieren zerstört, wenn sich jemand verweigert habe. Die Enthüllungen begründeten die #MeToo-Bewegung. Und die Fragen, die diese Bewegung weltweit aufgeworfen hat, werden jetzt in den USA erstmals vor Gericht verhandelt.

Doch der New Yorker Prozess verhandelt nur zwei Fälle: Weinstein ist angeklagt, 2006 eine Frau zum Oralsex gezwungen und 2013 eine Frau in einem Hotelzimmer vergewaltigt zu haben. Die Dutzenden weiteren Vorwürfe sind oft verjährt oder Gegenstand zivilrechtlicher Vergleiche. 

Vor dem Gericht demonstrieren Dutzende Frauen, darunter viele "Weinstein-Überlebende", wie sie sich nennen. "Justitia knöpft sich ein Super-Raubtier vor", ruft die Schauspielerin Rose McGowan. "Die Zeit ist abgelaufen für die Kultur des Schweigens, die Täter wie Weinstein befähigt hat." 

Doch drinnen hat Richter Burke keine Lust, seinen Prozess zu einem gesamtgesellschaftlichen Fanal zu machen, indem er an Weinstein ein Exempel statuiert: "Es wird auch so schon schwer genug, faire und unvoreingenommene Geschworene zu finden." 

Die Auswahl der Geschworenen

Das zeigt bereits deren Auswahl - ein für Europäer befremdliches Prozedere, das den Eröffnungsplädoyers vorausgeht und sich, so formuliert es Burke, in diesem Fall besonders "mühselig" gestaltet. 

500 Kandidaten hat das Gericht dazu vorgeladen. Denn es ist eine Bürgerpflicht, als Geschworener zu dienen - und ein Sport, sich herauszureden: zu alt, zu krank, zu beschäftigt, zu befangen. Gerade Letzteres scheint diesmal ja einfach: Jeder New Yorker hat wohl schon einmal vom Fall Weinstein gehört. "Er ist Stadtgespräch", klagt Arthur Aidala, einer der Anwälte Weinsteins, und raschelt dramatisch mit den Titelseiten der Boulevardblätter des Tages. "Fertig für seine Großaufnahme", schreibt die "New York Post".

"Kein Geschworener kann da unparteiisch sein", ruft Aidala laut, um die Polizeisirenen zu übertönen, die durchs Fenster schallen.

Auswahl der Geschworenen (Zeichnung): Ein wichtiger Schritt im Verfahren

Auswahl der Geschworenen (Zeichnung): Ein wichtiger Schritt im Verfahren

Foto: JANE ROSENBERG / REUTERS

Die ersten 120 Kandidaten rutschen in die Holzbänke. Burke fragt, wer eine Meinung über Weinstein habe. 43 heben die Hand. Andere sagen, sie würden einen Prozessbeteiligten kennen, arbeiteten ganztags oder seien krank. Sie alle werden ausgeschlossen. Die Verbliebenen bekommen 16 Seiten mit 72 Fragen gereicht. Wurden Sie je verhaftet? Waren Sie je Opfer sexueller Gewalt?

Sowohl die Anklagevertretung als auch Weinsteins Anwaltsteam (sein nunmehr drittes) werden von Frauen angeführt. Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon hat Erfahrung mit schlagzeilenträchtigen Fällen: 2017 brachte sie den Mörder des sechsjährigen Etan Patz hinter Gitter - 38 Jahre, nachdem der Junge spurlos aus Soho verschwunden war. Ihre Gegenspielerin ist die Rechtsanwältin Donna Rotunno. Deren Spezialität sind Kreuzverhöre von Frauen. "Jeder Vorwurf ", sagt sie, müsse nach Maßstäben der US-Gesetze hinterfragt werden. 

Rotunno benennt damit eine Kritik an der #MeToo-Bewegung: Diese gehe zu weit, urteile zu schnell, zu pauschal. So behaupten Weinsteins Anwälte, beide in der Anklage zitierten Frauen hätten einvernehmliche Affären mit ihm gehabt. "Ich liebe dich", soll eine der Frauen Weinstein 2017 in einer E-Mail geschrieben haben, vier Jahre nach der mutmaßlichen Tat. Das eine schließe das andere nicht aus, hält die Anklage dagegen. Dazu wollen die Staatsanwälte die Gerichtspsychiaterin Barbara Ziv befragen. Die sagte im Prozess gegen TV-Star Bill Cosby aus, dass Opfer sexueller Gewalt oft erst spät erkennen, was ihnen zugestoßen sei.

Prominenteste Zeugin der Anklage ist die Schauspielerin Annabella Sciorra ("Die Sopranos"). Sie wirft Weinstein vor, sie 1993 vergewaltigt zu haben. Das wäre zwar verjährt, könnte aber ein Verhaltensmuster illustrieren - eine Strategie, die auch im Prozess gegen Cosby Erfolg hatte.

Schlechte Nachrichten gab es für Weinstein schon am ersten Prozesstag - vom anderen Ende des Landes: Auch in Los Angeles wird er wegen Sexualverbrechen angeklagt. Die Verfahren sind offiziell unabhängig, doch personell auf vielen Ebenen verwoben. Schon fürchtet Staatsanwältin Illuzzi-Orbon ein erhöhtes Fluchtrisiko: "Der Angeklagte wird erkennen", prophezeit sie, "dass die Beweise gegen ihn überwältigend sind." 

Zumindest richtet sich Weinstein auf einen langen Prozess ein. Am Dienstag hat er tatsächlich ein Buch mitgebracht. "The Brothers Mankiewicz: Hope, Heartbreak, and Hollywood Classics" heißt das, es hat 480 Seiten und ist eine Biografie der legendären Produzentenbrüder Herman und Joseph Mankiewicz ("Citizen Kane", "Cleopatra").

Harvey Weinstein lebt anscheinend gedanklich weiter in Hollywood, selbst in Saal 1530 des New Yorker Supreme Courts.

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