Prozess gegen Krebsärztin Demonstranten fordern Freispruch für "Todesengel"

Handelte sie eigenmächtig oder auf Wunsch der Schwerstkranken? Die Internistin Mechthild Bach steht vor Gericht, weil sie acht ihrer Krebspatienten durch Verabreichung von Schmerz- und Beruhigungsmitteln getötet haben soll. Ihren Unterstützern gilt sie als Heldin.

Hannover - Verkehrte Welt: Als der Krankenpfleger Stefan L., der schwerstkranke Patienten getötet hatte, im Februar 2006 in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts in Kempten geführt wurde, standen da zornige und aufgewühlte Angehörige der Verstorbenen, die nur eines wollten: dass dieser ihrer Auffassung nach eiskalte Massenmörder nie wieder aus dem Gefängnis entlassen werden dürfe.

Zu Beginn des Prozesses gegen die 58 Jahre alte Internistin Dr. Mechthild Bach am heutigen Donnerstag hingegen hielten vor dem Landgericht Hannover Patienten der ehemaligen Krebsärztin Plakate hoch. Sie forderten "Freispruch für Dr. Bach" und einen "Tod in Würde" und sammelten dafür Unterschriften. Dabei soll auch Dr. Bach laut Anklage getötet haben.

Vom 21. Dezember 2001 bis zum 29. Mai 2003, so der Vorwurf, habe sie als langjährige Belegärztin der Paracelsus-Klinik im niedersächsischen Langenhagen für acht Patienten die Verabreichung unangemessen hoher Dosen Morphin angeordnet. Außerdem sollen die angeblich noch keineswegs Sterbenden auf ihre Anweisung hin zum Teil überhöhte Gaben des Beruhigungsmittel Diazepam erhalten haben. Dies soll den Regeln der ärztlichen Kunst widersprochen und zum Tod der zwischen 52 und 96 Jahre alten Patienten geführt haben.

Der Fall ist ungewöhnlich. Statistiken sagen, dass Krankentötungen überwiegend von männlichen Pflegepersonen begangen werden. Berücksichtigt man dabei außerdem, dass in diesen Berufsgruppen der Anteil der Mitarbeiterinnen den der Mitarbeiter weit übersteigt, wird das Missverhältnis noch deutlicher. Töten Ärzte, so sind es wieder die Männer, die als Täter hervortreten. Ärztinnen spielen zumindest nach der Statistik bei diesen Delikten so gut wie keine Rolle.

"Das Gesicht der Angeklagten - nichts, gar nichts lässt sich herauslesen"

Ist Mechthild Bach also ein Ausnahmefall? Wer wie Karl-Heinz Beine, Leitender Arzt der Westfälischen Klinik für Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh, ein Fachmann ersten Ranges also, eine Vielzahl von Krankentötungen seit den siebziger Jahren untersucht hat, dem fällt auf, dass diese Delikte in der Regel mehr mit der Befindlichkeit der Täter denn mit dem tatsächlichen Leiden der Kranken oder Sterbenden zu tun haben.

Die Täter sind fast immer selbst unsichere, einsame Menschen, die im Team als Außenseiter gelten und ihre Defizite mit Allmachtsfantasien kompensieren. Manche seien unfähig, unabänderliche Leidenszustände mitzutragen, so Beine. Sie litten am Leiden anderer und bekämpften ihren eigenen Schmerz, indem sie den Leidenden auslöschten.

Keiner der von Beine zitierten Täter besprach während der Tatzeit seine Handlungen mit Kollegen oder Bezugspersonen. Der letzte aufsehenerregende Fall dieser Art in Deutschland, die sechs Patiententötungen durch die Krankenschwester Irene B. an der Berliner Charité, bestätigte diese Beobachtung.

Mechthild Bach fällt auf einer Anklagebank auf. Sie wirkt äußerst zurückhaltend und verschlossen. Aus ihren blassen Gesichtszügen mit den immer leicht hochgezogenen Augenbrauen lässt sich nichts, aber auch gar nichts herauslesen, außer dass sie sich in einem Gerichtssaal absolut fehl am Platz fühlt.

"Wie hat die Ärztin wohl auf ihre Patienten gewirkt?"

Ihre Verteidiger verlesen Erklärungen über ihren beruflichen Werdegang, ihre vorzüglichen Kenntnisse, ihre aufopfernde Hingabe an die Patienten - und man würde gern ihre Stimme hören, um sich vorstellen zu können, wie sie wohl auf die sterbens- und die weniger kranken Patienten gewirkt hat. Hat sie leise, präzise und beherrscht mit ihnen gesprochen? Oder mit fester Stimme und Empathie im Ton?

Sie habe immer in der "festen Überzeugung von der Zustimmung und dem Einverständnis" ihrer Patienten gehandelt, verliest ein Verteidiger. Er zählt auf, in welchen Ordenskrankenhäusern sie gearbeitet habe und dass sie schon von ihrer Erziehung her "christlich-humanistisch" geprägt worden sei. Und dass sie den Vorwurf, wissentlich den Tod von Kranken in Kauf genommen zu haben, "erschüttert" von sich weise. Es sei immer ihr Anliegen gewesen, "Menschen in allen Lebenslagen zu begleiten und ihnen ein fairer Partner zu sein". Dazu gehöre auch ein würdevolles Sterben.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft geht es bei ihr aber nicht um Sterbehilfe und einen würdigen Tod. Sondern es besteht der Verdacht, dass sie durch falsche Behandlung getötet habe - erst durch ihre schweren Diagnose- und Therapiefehler seien die Patienten in einen lebensbedrohlichen Zustand versetzt worden.

Schon am Vormittag des ersten Verhandlungstages wurde deutlich, dass im Zentrum dieses Verfahrens nicht nur der Disput zwischen dem die Angeklagte heftig kritisierenden Schmerzmediziner Professor Michael Zenz von der Universität Bochum und dem die Angeklagte entlastenden Gutachters Professor Rafael Dudziak, dem ehemaligen Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie der Universität Frankfurt/Main stehen wird. Vielmehr taten sich bereits weitere Felder für das Ringen zwischen Anklage und Verteidigung auf.

Unterstellungen und Mutmaßungen, unwahre Behauptungen

Denn manche Entscheidungen und Anordnungen Frau Bachs entziehen sich offenbar wegen ihrer lückenhaften Dokumentation der Nachprüfbarkeit. Das hat sogar die Verteidigung zugegeben, wenn auch mit der Einschränkung, dass die Sorge um die Kranken bei Frau Bach bisweilen bürokratischen Vorschriften in den Hintergrund hatte treten lassen. Und dass dies nach dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" zu werten sei.

Was Zenz als Gutachter der Staatsanwaltschaft bemängelt - dass in einzelnen Fällen etwa weder Patient noch Angehörige über eine beabsichtigte Beendigung weiterer lebenserhaltender Maßnahmen informiert wurden, dass sie keine Ahnung von individuell abgestimmter Schmerztherapie gehabt habe, sondern gleichsam nach einem Standardprogramm tödliche Medikamentendosen verabreichte - weist die Verteidigung vehement zurück.

Die beiden Verteidiger der Angeklagten, der Hannoveraner Strafrechtler Matthias Waldraff und der Spezialist für Medizinrecht Albrecht-Paul Wegener, lehnten zu Prozessbeginn den Gutachter Zenz denn auch mit harschen Vorwürfen wegen Besorgnis der Befangenheit ab, erfolglos allerdings. Zenz habe mit Unterstellungen und Mutmaßungen, in allen acht angeklagten Fällen einseitig und tendenziös zu Ungunsten ihrer Mandantin gearbeitet. Er habe falsche Sachverhaltsdarstellungen gegeben und Befunde nicht richtig zitiert; er habe Daten manipuliert und unwahre Behauptungen aufgestellt, so die Verteidiger. Der Vorsitzende Richter Bernd Rümke nahm in bewährter Art rasch die Schärfe aus dem Streit: Die Erörterung all dieser Fragen sei der Beweisaufnahme vorbehalten.

Von der Medizinerin zur "Präventologin"

Waldraff hatte zuvor zur Begründung seines Antrages den Fall eines 52 Jahre alten krebskranken Mannes zitiert, der laut Verteidigung "mehr Schmerzen hatte, als er angab". Nach Auffassung der inzwischen ebenfalls verstorbenen Ehefrau dieses Patienten hätte ihr Mann "sich eher die Zunge abgebissen, als zuzugeben, wie es ihm geht"; er habe ihr gegenüber nie über Schmerzen geklagt; Schmerzmittel, die ihm verschrieben worden seien, habe er heimlich eingenommen. Wie krank war er wirklich?

Bei diesem Patienten kam es wenige Stunden vor seinem Tod zu einer Begebenheit, die die Interpretationsbreite deutlich macht: Der Patient sei mit seiner Frau in die Cafeteria der Klinik gegangen, notierte Gutachter Zenz zum Beleg für dessen keineswegs finalen Zustand. Ihr Mann, so die Ehefrau, habe unbedingt in die Cafeteria gewollt, und so habe sie ihn trotz seines elenden Zustandes eben dorthin "geschleppt".

Dr. Bach musste ihre Zulassung als Medizinerin vorläufig abgeben. Ihre Klage dagegen wies das Verwaltungsgericht Hannover ab. Dennoch arbeitet sie im Gesundheitsbereich weiter - statt Krebsbehandlung befasst sie sich nun nach einer Ausbildung als "Präventologin" in Bad Salzdetfurth mit Krebsvorbeugung.

Sterbehilfe ist nur bei stärksten Schmerzen und kurz vor dem Exitus straflos, wenn Schmerzmittel in höchster Dosis verabreicht werden müssen und der Tod dadurch schneller eintritt. Das ist Klinikalltag in Deutschland. Tötung auf Verlangen dagegen ist strafbar. Die Grauzone bei der Schmerzbehandlung Sterbender ist vermutlich groß. Der Patient und seine Angehörigen müssen auf jeden Fall informiert und einverstanden sein. Das hat Frau Bach laut Anklage nur höchst selten gemacht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.