Prozess gegen mutmaßlichen Hochstapler Kleiner Mann, gern groß

Roland Johannes P. war schon vieles, er soll sich als Prinz, Weltbank-Besitzer, Diplomat, Polizeidirektor und Intimus von Barack Obama ausgegeben haben. Vor dem Landgericht Mosbach geht es jedoch nicht nur um skurrile Hochstapelei, sondern auch um den Vorwurf der Vergewaltigung.

Angeklagter Roland Johannes P.: Wie ist so etwas möglich?
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Angeklagter Roland Johannes P.: Wie ist so etwas möglich?

Von , Mosbach


Als Roland Johannes P., 63, in den großen Saal des Landgerichts Mosbach geführt wird, stützt er sich mit der einen Hand auf eine medizinische Gehhilfe, mit der anderen hält er sich ein Papier vor das Gesicht. Minutenlang duckt sich der etwa 1,70 Meter kleine Mann, als Fotografen ihre Objektive auf ihn richten.

Juristisch gesehen ist P. eine große Nummer. Seit 25 Jahren aktenkundig wegen diverser Betrugsdelikte, drehte er in den Jahren 2011 bis 2013 offenbar so richtig auf. 35 Minuten braucht Staatsanwältin Jana Wolf-Mittmann, um alle Anklagepunkte zu verlesen, allein die Liste aller strafrechtlich relevanten Paragrafen, die P. mutmaßlich verletzte, dauert über zwei Minuten.

Was man da hört? Unfassbar hoch gebaute Lügengebäude: Wie P. 2011 in Hamburg und Delmenhorst Geschäftspartnern versprochen haben soll, sie gegen entsprechende finanzielle Investments an sagenhaft lukrativen Geschäften zu beteiligen und als Geschäftsführer einsetzen zu wollen. Er selbst sei "Besitzer der Weltbank" und Diplomat mit besten Kontakten. Mit Angela Merkel arbeite er zusammen und natürlich mit Barack Obama, der mit seiner Hilfe den amerikanischen Haushalt gerettet habe. "Unermesslich reich" sei er, das Vermögen aber entweder gebunden in Diamanten, oder aber gerade wegen seiner hochrangigen Verbindungen nicht nutzbar.

Einsatz als vermeintlicher Eheberater

Aller möglicher Unsinn quillt da hoch, und doch hat es dieser unscheinbare Mann offenbar geschafft, seinen Geschäftspartnern insgesamt 83.000 Euro abzutricksen. Die Geldübergaben geschahen offenbar stets auf irgendwelchen Parkplätzen - im Nirgendwo von Delmenhorst, im zugigen Charme des Bremer Bahnhofs. Wo auch sonst wickelt der Geldadel der Welt seine Geschäfte ab?

Die Staatsanwältin liest und liest, während P. hingekauert sitzt und mit geschlossenen Augen zuhört. Ab und zu schüttelt er fast unmerklich den Kopf. Soll das heißen: "Ich war das nicht"?

Richter Alexander Ganter, seine Beisitzer und Schöffen verstehen es offenbar so. Sie beobachten P., und mitunter entlockt die endlose Liste der Absurditäten auch ihnen ein flüchtiges Grinsen.

Denn natürlich kann Hochstapelei einen gewissen Charme haben. Kein Verbrecher hat größere Chancen, auf Sympathien zu stoßen, als der Hochstapler. Er wird gern für eine Art cleverer Schelm gehalten, der die Schwächen derjenigen bloßlegt, die ihm auf den Leim gehen. Das provoziert schon mal Gelächter. Der Fall P. zeigt, wie unangebracht das sein kann.

Denn in der zweiten Hälfte der Anklageschrift-Verlesung kippt die Sache ins ganz und gar nicht Lustige.

Nachdem sich P. aus Hamburg absetzte, versuchte er die gleiche Masche offenbar in einer Kleinstadt im Neckar-Odenwald-Kreis. Wieder mit anfänglichem Erfolg, doch diesmal kam dabei laut Anklage nicht genügend Geld für ihn zusammen. Demnach nahm er wahr, dass es zwischen den Eheleuten, die er gerade betrog, leichte Spannungen gab. Und er mehrte diese Spannungen offenbar geschickt als vermeintlicher Eheberater, manipulierte den Ehemann aus dem Haus und sich hinein.

Plante er die Entführung eines Jungen?

P. soll der Frau Gewalt gegen sie und ihren achtjährigen Sohn angedroht haben. Irgendwann soll er dir Drohung wahr gemacht haben: Vergewaltigung lautet der Vorwurf. P. schüttelt still den Kopf.

Es passierte einmal, zweimal, so die Anklage. Er soll die Frau gepackt und gegen eine Wand geschlagen haben, mehrmals. Er soll sie ausgenommen haben, Konto um Konto, zum Schluss ließ er sich offenbar noch ein Auto finanzieren. Tage darauf bekam der Ehemann mit, dass P. "ihm nicht helfen, sondern schaden" wollte. Er warf ihn aus seinem Haus, zog selbst wieder ein.

P. fuhr dann laut Anklage eines Nachts mit dem Auto die Haustür zu Schrott. Der Ehemann stellte schützend sein Auto vor die Tür, P. nahm Anlauf und fuhr auch dort hinein, Schaden insgesamt rund 10.000 Euro.

Man zählt schon nicht mehr mit, die Staatsanwältin liest und liest. P., sagt sie, wurde am Folgetag vom Hausmeister der Grundschule vor der Schule des Sohnes beobachtet. Wie er immer wieder den Standort wechselte, offensichtlich, um den Sohn abzupassen. Immer lief der Motor: Plante P. die Entführung des Jungen?

Der Hausmeister rief den Rektor an, der die Mutter, diese die Polizei: Als die in zwei Streifenwagen kam, um P.'s Personalien festzustellen und eine eventuelle Entführung zu verhindern, floh er. Er rammte einen Streifenwagen, entkam dann, indem er über ein Feld fuhr, in dem der zweite Streifenwagen steckenblieb. Erst später, nachdem er sein Auto geparkt hatte, fanden die Polizisten ihn, versteckt in einer Scheune.

"Das glauben wir Ihnen ja"

Selbst nach seiner Verhaftung versuchte er noch, sich als "Mitglied der Sondereinheit GSG 9" und "Leitender Polizeidirektor mit vier Sternen" aus der Bredouille zu quasseln.

Jetzt, vor Gericht, sagt er gar nichts. Die Verhandlung begann mit gut fünf Stunden Verspätung, weil sich P. krankgemeldet hatte. Auch jetzt fühle er sich nicht wohl, sagt sein Anwalt Heinrich Maul und beantragt Vertagung.

"Dem Angeklagten", befindet Richter Ganter, "geht es gut genug, sich die Polizisten noch anzuhören". Die kurze Ansage heilt P. so weit, dass er das auch schafft.

Die Polizisten sind die einzigen Zeugen an diesem Tag. Sie erzählen von flüchtigen Begegnungen mit einem Mann, der sich mit der Polizei wilde Verfolgungsjagden leistete. Einer berichtet, wie der Angeklagte ihn als "Drecksau" und "Arschloch" beschimpfte.

Nur an diesem einen Punkt will der Angeklagte dann doch etwas sagen: Den Wagen, sagt er, habe er völlig legal gefahren. Das sei seiner, auf seinen Namen angemeldet. Wollte er nur mal klarstellen.

"Wir haben nichts anderes behauptet", sagt der Richter Ganter, "das glauben wir Ihnen ja."

Fünf weitere Verhandlungstage sind angesetzt, um Licht ins Dickicht der Anschuldigungen zu bringen. Man wird sie brauchen.



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