Tödliche Schüsse auf einen Räuber "Wir wollten nur das Geld"

Ein Rentner erschießt einen jungen Räuber auf der Flucht - Totschlag oder Notwehr? Diese Frage beschäftigt nach jahrelanger Verzögerung jetzt das Landgericht Stade. Den Angeklagten schütteln Weinkrämpfe, ein Zeuge leidet unter Erinnerungslücken.

Angeklagter Ernst B. (rechts, am 23. April): Fataler Schuss eines Jägers
DPA

Angeklagter Ernst B. (rechts, am 23. April): Fataler Schuss eines Jägers

Von , Stade


Stade - "Verkaufen Sie uns doch nicht für dumm!", hallt es durch den Verhandlungssaal des Stader Landgerichts. Der Zeuge solle endlich mit der Wahrheit rausrücken, fordert einer der Anwälte. Dann wird auch der 26-Jährige laut: "Ich kann doch nichts sagen, was ich nicht weiß!", beide fallen sich gegenseitig ins Wort.

Immer wieder wird an diesem Vormittag deutlich, wie emotional der Fall ist, den die Strafkammer zu verhandeln hat. Schon innerhalb der ersten Minuten beginnt der Angeklagte Ernst B. im Sitzungssaal zu weinen. Der 80-Jährige erschoss am Abend des 13. Dezember 2010 den 16-Jährigen Labinot S. Die Frage ist nun: Muss er dafür verurteilt werden?

Der Angeklagte, ein ehemaliger Bestatter aus dem niedersächsischen Sittensen, wurde an jenem Dezemberabend von fünf jungen Männern in seinem Wohnhaus überfallen. Als er die Villa verließ, um seinen Hund zu füttern, zerrten sie den Mann, der erst kurz zuvor am Knie operiert wurde, zurück ins Haus und setzten den damals 77-Jährigen auf einen Stuhl. Zwei hielten ihn dort fest, die anderen suchten nach Beute. Doch dann ging plötzlich der Alarm los, die Bande floh. Ernst B., ein Jäger, griff nach einer geladenen Waffe und schoss hinterher. Eine Kugel traf den jüngsten der Gruppe tödlich, sie zerfetzte die Halsschlagader. Er verblutete unweit der Terrassentür.

"Wir wollten ihm nichts tun"

Nun sitzt Ernst B. hinter seinem Anwalt im Landgericht, sein Körper ist fast völlig zusammengesackt und wird von Weinkrämpfen geschüttelt. Wenige Meter von ihm entfernt nimmt die Mutter des Getöteten Platz, auch sie bricht immer wieder in Tränen aus. Die Familie von Labinot S. war in den Neunzigerjahren während des Krieges aus dem albanischen Kosovo geflohen. Der Junge hatte gerade seinen Hauptschulabschluss gemacht und war auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Der Polizei war er schon aufgefallen, Prügeleien, zu schnelle Fahrten mit dem Mofa. Seine Angehörigen haben in der Nähe des Tatorts eine Gedenkstätte für den 16-Jährigen errichtet.

Der Angeklagte blickt an diesem Verhandlungstag nur ein Mal kurz auf. Mit hochgezogenen Augenbrauen mustert er den 26-jährigen Zeugen kurz, es ist einer der Räuber. "Wenn ich gewusst hätte, dass so etwas passiert, dass wir im Knast landen und einer stirbt, dann hätten wir die Sache doch sein lassen", sagt der junge Mann. "Wir wollten ihm nichts tun. Das haben wir ihm auch gesagt. Wir wollten nur das Geld."

Zusammen mit seinen Komplizen aus der Nacht hatte er sich wenige Tage nach der Tat bei der Polizei gestellt. Ein Gericht verurteilte die Männer wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzung. Drei Jahre und neun Monate lautete der Richterspruch für den 26-Jährigen.

Schwer gezeichnet

Nun geht es nicht mehr um ihn, es ist Ernst B., der sich vor Gericht verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen den Rentner 2011 zunächst eingestellt, weil sie damals von Notwehr ausging. Dagegen hatte die Familie des Getöteten Beschwerde eingelegt. Alle Zeugen wurden nochmals vernommen, Spuren neu abgeglichen. Schließlich kamen die Ermittler zu dem Schluss, dass eine Notwehrsituation "objektiv und subjektiv fraglich" sei und erhob Anklage. Das Landgericht Stade lehnte allerdings die Eröffnung einer Hauptverhandlung ab. Die Angehörigen legten erneut Widerspruch ein, ehe das Oberlandesgericht Celle schließlich entschied: Es muss verhandelt werden.

Doch schon beim ersten Verhandlungstag im April zeigte sich der Angeklagte schwer gezeichnet. Seine Anwälte beantragten deshalb die Aussetzung des Prozesses aus gesundheitlichen Gründen. Ein Gutachter entschied schließlich, dass Ernst B. eingeschränkt verhandlungsfähig sei. Vier Stunden pro Verhandlungstag könnten ihm zugemutet werden. So trifft er nun im Gerichtssaal auf die Familie des Getöteten und die Komplizen aus der Tatnacht. Auch befreundete Jäger und seine ehemalige Geliebte sind als Zeugen geladen.

Für die Richter geht es um die Frage, ob der Rentner aus Notwehr handelte und deshalb freizusprechen ist oder ob er wegen Totschlags verurteilt werden muss. Vieles ist daher wichtig: Hatte Ernst B. nach dem tödlichen Schuss auf den 16-Jährigen weiter geschossen? Hatte der Angeklagte selbst einen Schuss gehört, musste er also damit rechnen, dass auch auf ihn gefeuert wurde? Hatten die Räuber eine Pistole bei sich, oder lag die Waffe während des Überfalls im Handschuhfach des Autos?

Hatten die Räuber den Überfall genau geplant?

Der 26-jährige Zeuge will sich an kaum etwas erinnern können, den Verteidiger bringt das in Rage. Erst berichtet der Zeuge von weiteren Schüssen, dann ist er sich nicht mehr sicher. Maskierungen? Habe es nicht wirklich gegeben. Auch an einen genauen Plan könne er sich nicht erinnern, die "Chaotentruppe" habe vorher nichts festgelegt.

Ein ehemaliger Mitangeklagter hatte am vorherigen Prozesstag hingegen von einer "Planungsphase" gesprochen und dass sogar geregelt worden sei, wer die Vorhänge zuziehen solle. Die zweite Zeugin dieses Verhandlungstages weigert sich gleich ganz, die Fragen der Kammer zu beantworten.

Die zähe Befragung zeigt, wie schwer es für die Richter werden dürfte, zu einer zweifelsfreien Bewertung der Sachlage zu gelangen. Einen Gewinner wird es am Ende ohnehin nicht geben; eine Familie hat den geliebten Sohn, Neffen, Cousin verloren, und ein 80-Jähriger, der früher als psychisch stabil galt, ist für den Rest seines Lebens gezeichnet. Das Urteil wird in einigen Monaten erwartet.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.