Prozess gegen Safia S. "Ich werde die Ungläubigen überraschen"

Safia S. stieß am Hauptbahnhof Hannover einem Bundespolizisten ein Messer in den Hals, der Beamte überlebte. Jetzt steht die 16-Jährige vor Gericht. Ist sie eine Terroristin? Handelte sie im Auftrag des IS?

Tatort im Hauptbahnhof Hannover
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Tatort im Hauptbahnhof Hannover

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Safia S., ein Mädchen aus Hannover, wollte eine Märtyrerin sein. Eine Frau, die sich für ihre Gesinnung, ihren Glauben opfert und den Tod auf sich nimmt. Zuvor aber wollte sie noch eine Heldin sein. Davon sind zumindest die Ermittler überzeugt.

Ab Donnerstag muss sich Safia S. vor dem Oberlandesgericht Celle verantworten. Sie ist angeklagt wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Unterstützung der ausländischen terroristischen Vereinigung "Islamischer Staat" (IS). Seit dem 27. Februar sitzt sie in Untersuchungshaft.

Einen Tag zuvor betrat Safia S., damals noch 15 Jahre alt, nach Ansicht des Generalbundesanwalts den Hauptbahnhof Hannover und hielt Ausschau nach einem Opfer. Sie fand es in einem Bundespolizisten, der mit einem Kollegen Streife lief. Der Mann trug eine schuss- und stichsichere Schutzweste, Safia S. trug ein Kopftuch. In ihrer Umhängetasche: ein Gemüsemesser mit einer sechs Zentimeter langen Klinge und ein Steakmesser mit einer fünfzehn Zentimeter langen Klinge.

Safia S. soll die Beamten provoziert haben, bis sie auf sie zukamen und eine Personenkontrolle durchführen wollten. Einer der Polizisten bat sie um ihren Ausweis, sie reichte ihm ein Schülerticket für den Nahverkehr und stach ihm mit dem Gemüsemesser in den Hals. Der Generalbundesanwalt ist sicher, dass das Mädchen den Mann töten, ihm seine Dienstwaffe entziehen und weitere Menschen erschießen wollte. Safia S. selbst habe mit ihrem Tod gerechnet, dem von ihr angestrebten "Märtyrertod", heißt es in der Anklageschrift.

Gefestigte fundamentalistische und militante Einstellung

Ihr Verteidiger Mutlu Günal sagt SPIEGEL ONLINE: "Es gibt keinen terroristischen Hintergrund in diesem Verfahren. Die Behauptungen des Generalbundesanwalts beruhen einzig und allein auf den dilettantisch geführten Ermittlungen."

Mit Safia S. steht eine Salafistin vor Gericht, die sich nach Überzeugung der Ermittler früh radikalisiert hat: ein strenggläubiges Mädchen, das die deutsche und die marokkanische Staatsangehörigkeit besitzt; ein Mädchen mit einer gefestigten fundamentalistischen und militanten Einstellung zum Islam, geprägt von den Lehren des bekannten Salafistenpredigers Pierre Vogel, den sie bei öffentlichen Auftritten begleitete, mit dem sie Koranverse zitierte. Damals war Safia S. neun Jahre alt.

Es gibt Videos von solchen Auftritten, entstanden zwischen 2008 und 2010. In einem feiert Pierre Vogel das Kind als "Nachwuchs in Deutschland", in einem anderen verspricht Safia S., einen Niqab, einen Vollschleier, zu tragen, wenn sie 18 Jahre alt ist.

Safia S. hat zwei Brüder und sechs Halbgeschwister, ihre Eltern trennten sich vor ihrer Geburt. Sie wuchs bei der Mutter auf. Zuletzt besuchte sie ein Gymnasium, sie spricht Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch.

Ende Januar, einen Monat vor der Tat am Hannoveraner Hauptbahnhof, reiste Safia S. nach Istanbul. Laut Ermittlern wollte sie sich von der Türkei aus nach Syrien durchschlagen, um sich dem IS anzuschließen. Anhänger der Terrororganisation aber sollen sie aufgefordert haben, zurück nach Deutschland zu gehen, um dort eine Gewalttat zu begehen, die für Aufsehen sorgt.

"Die Ungläubigen überraschen"

Auf der Anklagebank sitzt auch Mohamad K., ein 20-Jähriger aus Hannover. Ihm soll Safia S. von der Türkei aus per Chat geschrieben haben, dass sie in Deutschland mit der Erlaubnis Gottes eine Tat als Märtyrerin verüben wolle. Weil Mohamad K. nicht zur Polizei ging, muss auch er sich vor Gericht verantworten. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte er sich noch kurz vor dem Prozess abgesetzt, war jedoch in Griechenland gefasst und anschließend ausgeliefert worden. Mutmaßlich wollte sich K. nach Syrien absetzen.

Auf Safias Handy stellten die Ermittler zudem Fotos sicher, die Enthauptungsszenen aus IS-Videos zeigen, Kampfszenen des IS, brennende Fahnen Israels und der USA, IS-Kämpfer mit IS-Flaggen. Die Ermittler sind überzeugt, dass sich Safia S. spätestens seit November vergangenen Jahres mit den Gewalttaten des IS und Terroranschlägen der Organisation außerhalb des bekannten Kampfgebietes identifizierte.

Safia S. reiste Anfang des Jahres nach vier Tagen von Istanbul zurück nach Deutschland, begleitet von ihrer Mutter, die ihr nachgeflogen war. Die 16-Jährige selbst sagte in einer Vernehmung, sie interessiere sich nicht für den IS. Sie habe auf den Polizeibeamten eingestochen, weil sie sich über die islamfeindliche Berichterstattung in den Medien geärgert habe. Aufgrund ihres Alters wird ein Großteil der Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Einer Bekannten schrieb Safia vor der Attacke am Hauptbahnhof: "Ich werde die Ungläubigen überraschen, wenn du verstehst, was ich meine." Und sie setzte hinzu: "You know popcorn, it blows up."


Zusammengefasst: Am Donnerstag beginnt in Celle der Prozess gegen Safia S. Die 16-Jährige hatte am Hauptbahnhof Hannover einen Bundespolizisten mit einem Messer schwer verletzt. Nach Ansicht des Generalbundesanwalts identifizierte sich S. mit dem "Islamischen Staat", die Attacke war demnach ein Terrorakt. Der Anwalt der Angeklagten verneint einen terroristischen Hintergrund.

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