Fall Niklas Wie Bad Godesberg auf die Gewalttat reagierte

Im Mai starb der 17-Jährige Niklas P. nach einer Prügelattacke in Bad Godesberg. Das ehemalige Diplomatenviertel rückte in den Fokus, die Polizei geriet in die Kritik. Nun beginnt der Prozess. Was hat sich getan?

Gedenken am Tatort
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Gedenken am Tatort

Von Christian Parth, Bonn


Seit dem Tod von Niklas P. ist das Rondell an der Rheinallee ein stiller Ort. Auch acht Monate nach der Tat stehen auf dem von dunklem Backstein umrandeten Blumenbeet das Holzkreuz mit dem eingravierten Namen, rote Grabkerzen und gerahmte Bilder, die an den 17-Jährigen erinnern.

Hier, in der milden Frühlingsnacht zum 7. Mai 2016, wurde Niklas P. nach einer Zufallsbegegnung geschlagen und getreten, er starb wenige Tage später.

Der Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg im Januar 2017. Isabell kommt beinahe täglich am Tatort vorbei. Häufig hält sie inne. Die Erinnerung soll nicht verblassen. "Früher war das ein Treffpunkt für Jugendliche, jetzt ist hier niemand mehr", sagt die 42-Jährige, die nur ein paar Meter weiter in einem Hotel arbeitet. "Ich denke immer wieder an diesen Jungen und das, was passiert ist. Es ist schockierend."

Ein zermürbender Prozess

Am Freitag beginnt an der Jugendkammer des Bonner Landgerichts der Prozess im Fall Niklas P. Angeklagt sind Walid S. und Roman W., beide 21 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft wirft S. Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor. S. soll Niklas nach einem Wortgefecht zunächst mit einem Fausthieb niedergeschlagen und dem regungslos am Boden liegenden Jugendlichen anschließend gegen den Kopf getreten haben.

W. muss sich wegen vorsätzlicher Körperverletzung verantworten. Er soll damals eine von Niklas' Begleiterinnen geschlagen und dann versucht haben, ebenfalls auf Niklas loszugehen, wovon er aber abgehalten werden konnte. Angesetzt sind 17 Verhandlungstage, bis zu 50 Zeugen könnten gehört werden.

Vor allem für die Angehörigen dürfte es ein zermürbender Prozess werden. Denn Walid S., der im Internet mit seinen Kickbox-Fähigkeiten prahlte, bestreitet die Tat. Trotz widersprüchlicher Aussagen, geplatztem Alibi und einer Jacke mit den Blutspuren des Opfers, die in der Wohnung seiner Mutter gefunden wurde. Roman W. schweigt.

Und dann ist da noch das rechtsmedizinische Gutachten, dessen juristische Bewertung einer der zentralen Streitpunkte sein dürfte. Es hatte ergeben, dass Niklas' Blutgefäße im Kopf vorgeschädigt und an vielen Stellen deutlich dünner gewesen seien als bei einem gesunden Menschen. Demnach hätte schon eine leichte Gewalteinwirkung tödliche Folgen gehabt.

Laut Untersuchung sei nicht nachzuweisen, dass der Fausthieb so hart geführt wurde, dass daraus eine Tötungsabsicht abzuleiten sei. Dasselbe gelte für den Fußtritt, weshalb man davon ausgehen müsse, dass bereits der Schlag ins Gesicht jenen winzigen Riss in einer Arterie verursachte, der schließlich zur tödlichen Einblutung führte.

"Der Tritt spielte eine wesentliche Rolle"

Die Staatsanwaltschaft milderte daraufhin den Tatvorwurf des Totschlags zugunsten des Angeklagten auf Körperverletzung mit Todesfolge. Für Dirk Simon, Anwalt von Niklas' Mutter, die als Nebenklägerin auftreten wird, kaum nachvollziehbar: "Der Tritt spielte eine wesentliche Rolle. Aus unserer Sicht war das Totschlag mit bedingtem Vorsatz."

Das öffentliche Interesse am Prozess ist immens, der Tod des Jugendlichen hat damals viele Menschen gleicherweise gerührt und empört. Schnell erinnerte man sich an Tugce Albayrak aus Offenbach und Dominik Brunner aus München, die ebenfalls in einem Akt sinnloser Gewalt ihr Leben ließen. In der Wahrnehmung war man sich schnell einig: Wieder eine Tat, begangen durch einen jungen Mann, der seine Emotionen und seinen Zorn nicht kontrollieren konnte.

Der Tod von Niklas wurde rasch zum Symbol für die gefühlt zunehmende Empathielosigkeit in dieser Gesellschaft, die ausufernde Gewaltkriminalität und den angeblichen Kollaps multinationaler Strukturen in den urbanen Gebieten.

Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke
SPIEGEL ONLINE

Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke

Wie hat all das Bad Godesberg verändert? Die Bezirksbürgermeisterin empfängt in ihrem Amtssitz, einem schmucken ehemaligen kurfürstlichen Theater, gebaut 1790. "Der Tod von Niklas war der schwärzeste Tag für Bad Godesberg", sagt Simone Stein-Lücke. "Unser ganzer Ort war bewegt, man stand zusammen und hat überall über Niklas und die Tat gesprochen."

Das tödliche Zusammentreffen sei ein tragischer Einzelfall gewesen, der natürlich nicht hätte passieren dürfen. Aber der gewaltsame Tod des Jungen lasse keineswegs den Schluss zu, dass das gesellschaftliche Leben hier vollkommen gestört sei. "Der Tod platzte hinein in eine aufgeheizte bundesdeutsche Debatte über den Flüchtlingsstrom, die Kölner Silvesternacht und die gefühlte Unsicherheit in der Bevölkerung", sagt sie. "Der Migrationshintergrund des mutmaßlichen Täters war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Plötzlich standen wir im Fokus." Walid S. ist gebürtiger Italiener mit marokkanischen Wurzeln.

Gerade die Medien hätten es sich damals sehr einfach gemacht, kritisiert die 47-Jährige. Die Geschichte vom Diplomatenviertel der ehemaligen Bundeshauptstadt zum Bonner Getto habe sich wunderbar erzählen lassen. "Natürlich haben wir hier zu Regierungszeiten gelebt wie in einer Glaskugel, wohlbehütet und beschützt", sagt die hauptberufliche PR-Beraterin. "Früher gab es hier an jeder Ecke Polizeistreifen und Sicherheitsleute. Das hat sich gewandelt. Gesellschaftlich ist Bad Godesberg inzwischen ein Abbild der bundesdeutschen Realität. Dennoch funktioniert das Zusammenleben hier noch immer sehr gut."

"Es hätte überall in Deutschland passieren können"

Mit jedem ihrer Worte kämpft die Bürgermeisterin um das Image ihres Bezirks. Sie erzählt von den vielen Schulen und Internaten, die auch von Prominenten besucht wurden. Sie lobt den florierenden Medizintourismus, dem inzwischen größten Wirtschaftsfaktor des Stadtteiles. Immerhin habe Bad Godesberg nach München die zweithöchste Ärztedichte, sagt Stein-Lücke. Vor allem wohlhabende Araber aus den Emiraten, Bahrain und Katar kommen hierher, um schwerstbehinderte Kinder operieren oder Krebserkrankungen behandeln zu lassen. Viele blieben sogar das ganze Jahr über, auch, "weil sie sich sicher fühlen".

Nur einen Steinwurf vom Bezirksrathaus entfernt befindet sich die Godesberger Polizeiwache. Von kurfürstlichem Prunk ist hier nichts zu sehen. Das Gebäude ist in die Jahre gekommen, es ist das andere Bad Godesberg. In der zweiten Etage sitzt Ralf Rheidt, Leiter der Wache, 39 Dienstjahre, lichtes Haupthaar und mildes Lächeln. Er erinnert sich gut an die Zeit nach Niklas' Tod. "Wir waren unter Druck, in einer Rechtfertigungsrolle. Wir mussten auch viel Kritik einstecken", sagt er.

Die Polizei sei nicht präsent genug, diese Vorwürfe gab es schon länger. Nun, so argumentierten manche, sehe man die Konsequenzen. Rheidt wehrt sich: "Diese Gewalttat war nicht vorhersehbar. Es hätte überall in Deutschland passieren können, auch wenn das keiner gerne hört."

"Die sind jetzt alle brav"

Dass es in Bad Godesberg Probleme gibt, hatte man schon viele Jahre zuvor erkannt und versucht, mit mehr Polizeipräsenz dagegenzuhalten. Jugendliche Banden hielten in "BadGo" die Bürger und Beamten in Atem. Die Rockergang "Black Jackets", die man mit Sondereinheiten erfolgreich bekämpfte. Doch Niklas' Tod sei noch einmal eine Zäsur gewesen. "Die Bürger fühlten sich wieder unsicher. Darauf mussten wir reagieren", sagt Rheidt.

Gemeinsam mit der Stadt rief man einen runden Tisch zur Gewaltprävention ins Leben. Das Ergebnis: Mehr Polizisten, mehr Kontrollen, zwei Jugendkontaktbeamte, eine Hundertschaft, eine Hundestaffel, Streifen zu Fuß und auf dem Rad. Null Toleranz, auch bei kleinsten Vergehen. 25 Euro für das Wegwerfen einer Zigarette, kassiert wird sofort.

Rheidt reicht einen Zettel, eine Art Erfolgsgeschichte in Zahlen: Seit Juni 2016 gab es 83 Interventions- und Präsenzeinsätze. 1894 Personen wurden kontrolliert, 19 Personen festgenommen und 51 Strafanzeigen gestellt. Vor allem die Zahl der Gewaltdelikte ist laut Statistik im Vergleich zum Vorjahr von 202 auf 159 gesunken. Eine Gruppe von Jugendlichen, die zuletzt Ärger gemacht hatte, habe man nun im Griff. Rheidt sagt stolz: "Die sind jetzt alle brav."

An der Stelle, an der Niklas getötet wurde, ließ die Stadt Büsche und Bäume zurückschneiden, um den Ort übersichtlicher zu machen. "Es soll kein Angstraum sein", sagt Bürgermeisterin Stein-Lücke. Einige Bürger hätten vorgeschlagen, einen Gedenkstein am Tatort aufzustellen. "Wir werden das Andenken an Niklas lebendig halten. Das ist unsere Pflicht."

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