Prozess in Berlin Der Todesengel im Glaskasten

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2. Teil: "Wir sind doch da, um Leben zu retten"


Zwei Kollegen, darunter Pfleger Gunnar F., die André am Abend des 16. August bei der Übergabe von der Spät- zur Nachtschicht "leichenblass und völlig verändert" vorfanden, erzählte der 32-André S. von seiner Beobachtung. Aber sonst niemandem, keinem Arzt, nicht der Stationsschwester. "Wir sind doch da, um Leben zu retten. Dass da jemand gegensteuert, das kann man sich kaum vorstellen", sagt er. "Und ich war mir ja auch nicht sicher." Erst als er später aus dem Urlaub zurückkehrte und seine Kollegen ihm erzählten, welche Vorwürfe inzwischen im Raum stünden, habe er alles berichtet.

"Warum", fragt Irene B. aus ihrem Glaskasten, "hast du mich nicht selbst auf diesen Verdacht angesprochen?" Irene B. ist aufgestanden, der junge Pfleger André hat sich mit seinem Stuhl zu ihr gedreht. Ihre Frage klingt fast flehend, als glaube sie, wenn ihr Kollege sie nur angesprochen hätte, vielleicht hätte sie noch innehalten können, hätte sie die drei Menschen, denen sie bis zum 2. Oktober 2006 noch eine tödliche Medikamentenüberdosis verabreicht haben soll, nicht umgebracht. Pfleger und Krankenschwester sitzen nur einige Meter voneinander entfernt. "Weil es mir unmöglich vorkam, man hat in solchen Momenten doch absolutes Vertrauen", antwortet André S.

"Absolut unglaublich" hat es auch der zweite Zeuge, Pfleger Gunnar F., gefunden, als sein Kollege ihm von seiner Beobachtung erzählte. Er beschreibt Irene B. als "ausgebrannt" und in letzter Zeit etwas "ruppig und weniger belastbar" im Umgang mit Patienten. Selbst habe er gesehen, wie sie einen Kranken sehr unsanft umgedreht habe, eine Kollegin erzählte ihm sogar von Tätlichkeiten Irene B.s gegenüber Patienten. Einmal habe sie über den Tod eines Patienten schallend gelacht, sagte Gunnar F. "Das war so unangemessen, so merkwürdig." Die Schwester habe sich dann aber entschuldigt.

Charité-Arzt Christoph Richter, der auch als Zeuge vor Gericht erschien, erklärte: Genau wie bei allen anderen Schwestern und Pflegern habe er seine Patienten auch bei Irene B. in guten Händen gewähnt. Nur einmal habe ihr Verhalten Anlass zu Kritik gegeben. Im Jahr 2001 habe Irene B. in einer aussichtslosen Reanimationssituation Anstalten gemacht, das Beatmungsgerät eigenhändig abzuschalten. "Eine eindeutige Kompetenzüberschreitung", sagt Arzt Richter.

"Ein bisschen wunderlich"

"Sie war im Kollegenkreis weniger beliebt, sie war ein bisschen wunderlich", sagt Pfleger Gunnar F. In einem persönlichen Gespräch habe sie ihm einst gesagt, dass sie Sterbehilfe befürworte. "Grundsätzlich hatte sie, wenn es um solche Themen ging, aber eine sehr vernünftige und keine radikale Einstellung." Das Geheimnis des André S. war bei seinem Kollegen Gunnar F. in sicheren Händen: Erst als ihm einige Wochen später ein Arzt in "flapsigem" Ton gesagt habe, bei "Irene ist schon wieder jemand gestorben", hat Gunnar F. ihm das, was André S. ihm anvertraut hatte, mitgeteilt.

Ob er kein schlechtes Gewissen hatte, weil er so lange damit gewartet hat, den Verdacht öffentlich zu machen?, fragt der Richter. "Auf der Station herrscht seit der Verhaftung von Irene B. ein Ausnahmezustand, sehr viele fragen sich, warum sie nicht eher etwas bemerkt haben", sagt Gunnar F. Aber wie er hätten auch andere gedacht: "Das Krankenhaus, das ist doch kein Ort, an dem jemand umgebracht wird."



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