32-Jähriger wegen Drohmails vor Gericht "Viele würden sagen, er ist rechtsextrem"

Unter dem Namen "Nationalsozialistische Offensive" soll André M. Bombendrohungen verschickt haben. Nun sagte seine Cousine vor dem Landgericht aus. Sein mit NS-Flaggen dekoriertes Zimmer bezeichnet sie als "Provokation".
Von Wiebke Ramm
Landgericht Berlin: Bombendrohung zu Prozessbeginn

Landgericht Berlin: Bombendrohung zu Prozessbeginn

Foto: F.Boillot/ imago images/snapshot

"Wie steht Herr M. zu Helene Fischer?", fragt die beisitzende Richterin. "Helene Fischer?" Julia G., 33, wirkt ehrlich überrascht. Sie lacht. "Ich mag Helene Fischer", sagt sie dann. Sie singe gern Karaoke, "da eignet sich Helene Fischer natürlich super". Sie lacht wieder. Dass Helene Fischer durch die "Nationalsozialistische Offensive" per Mail wiederholt massiv und vulgär bedroht wurde, scheint die Zeugin nicht zu wissen.

Die Sängerin "verunreinigt unseren deutschen Volkskern", heißt es in einer Drohmail. In anderen Mails ergeht sich der Autor in sadistischen Gewaltfantasien. Nach Überzeugung der Generalstaatsanwaltschaft hat André M. diese und viele weitere Drohmails geschrieben. Julia G. ist seine Cousine.

Seit April muss sich André M., 32, vor der 10. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin verantworten. Von Dezember 2018 bis April 2019 soll er zahlreiche Drohmails unter anderem an Gerichte, Politikerinnen und Politiker, an Medien, Polizeidienststellen, Rathäuser, Hotels und Einkaufszentren verschickt haben. Die "Nationalsozialistische Offensive" droht darin mit Anschlägen, Mord und Vergewaltigungen von Kindern und kündigt eine "nationalsozialistische Revolution" an.

Cousine berichtet von innigem Verhältnis

Julia G. ist ein Jahr älter als der Angeklagte. Ihre Mütter sind Schwestern. Seit früher Kindheit haben Cousin und Cousine viel Zeit miteinander verbracht. Es sei ein inniges Verhältnis gewesen, sagt die Zeugin am Donnerstag vor Gericht. Erst als sie im Alter von 16 Jahren ihren ersten festen Freund hatte, sei der Kontakt weniger geworden.

"Wir wollen einen Eindruck bekommen, was André M. für ein Mensch ist", sagt der vorsitzende Richter. Julia G. bemüht sich. Sie wirkt offen, selbstbewusst, reflektiert, auch distanziert genug, um vor ihrem Cousin über ihn zu sprechen. Doch je länger die Befragung dauert, umso schwerer scheint es ihr zu fallen, die Fassung zu wahren. Es wirkt, als werde ihr nach und nach bewusst, dass André M.s Eigenheiten möglicherweise doch nicht bloß Marotten, sondern Ausdruck ernsthafter Probleme sind.

"Ich kenne ihn als wirklich hilfsbereiten und liebevollen Menschen", sagt die Zeugin zu Beginn. "Deswegen ist das umso verwirrender, wenn man das jetzt so alles mitkriegt." Sie spricht die Anklagevorwürfe gegen André M. nicht aus.

"Er ist halt ein Sturkopf und ein Klugscheißer"

Julia G., Cousine von André M.

Julia G. berichtet von seinen Schulproblemen. Worin genau sie bestanden haben, kann sie nicht benennen. "Er ist halt ein Sturkopf und ein Klugscheißer", sagt sie und schaut lachend zu ihm. André M. lächelt zurück. Nach der fünften Klasse habe er die Schule abgebrochen, einen Beruf hat er nie gelernt. Sie berichtet von Freunden, die er damals gehabt habe. "Falsche Freunde" seien das gewesen. Genauer wird sie nicht.

Der Richter fragt nach seiner politischen Einstellung. "Viele würden sagen, er ist rechtsextrem", sagt Julia G., "ich sehe das nicht." Wäre es so, dann hätte er doch nicht mit seinem Neffen gespielt, der "Halbtürke" sei, oder Freunde gehabt, die die Zeugin als "Zigeuner" bezeichnet. Dass André M. sein Zimmer über und über mit NS-Devotionalien dekoriert hat, spricht sie von selbst an. "Ja, er hat diese Flaggen. Kriegsflaggen, auch eine Hakenkreuzflagge. Aber ich denke, dass das Provokation ist."

Wen habe er denn provozieren wollen, fragt der Richter. "Alles und jeden", sagt sie. André M. wisse sehr viel über die NS-Zeit. "Aber er hat nie gesagt: Das war eine supertolle Zeit, die wiederkommen soll."

Julia G. hat viele Probleme ihres Cousins mitbekommen

Sie berichtet von seinem Vater, der alkoholkrank, aber mittlerweile trockener Alkoholiker sei. Auch sein Großvater sei Alkoholiker. André M. hingegen trinke gar keinen Alkohol. Sie erzählt, dass er nie eine Beziehung gehabt habe. "Du brauchst keine Freundin, du hast ja mich", habe sie im Scherz zu ihm gesagt.

Wie viel die beiden wirklich miteinander gesprochen haben, bleibt unklar. Julia G. hat viele Probleme ihres Cousins mitbekommen. Sie hat bemerkt, dass er das Haus fast nie verlässt. Sie hat bemerkt, dass er "extrem dünn" ist. Sie hat erfahren, dass er ein Familientreffen nur mit Beruhigungsmitteln ausgehalten habe. Mit ihm über die Hintergründe gesprochen hat sie nicht.

Der Richter fragt nach den Drohmails, ob André M. mal etwas erwähnt habe. Julia G. schüttelt den Kopf. Sie sagt, sie hätte ihn angezeigt, wenn er ihr davon erzählt hätte. Denn sie wisse, wie es sich anfühlt, bedroht zu werden. "Die Angst ist wirklich enorm." Nachdem ihr Cousin vor Jahren im Verdacht stand, in seinem Heimatort einen Bombenanschlag auf ein Apfelfest geplant zu haben, sei die ganze Familie bedroht worden. Scheiben seien eingeschlagen, sie selbst sei verprügelt worden. André M. wurde damals wegen anderer Delikte verurteilt, vom Vorwurf der Verabredung zum Mord wurde er freigesprochen.

"Ja, ich habe Scheiße gebaut", habe er ihr damals gesagt. "Du machst nicht nur dein Leben kaputt, du machst auch unser Leben kaputt", habe sie ihm gesagt. Der Richter will mehr erfahren, Julia G. kann es nicht liefern. "So ins Detail sind wir gar nicht gegangen", sagt sie wieder.

André M. ist in Untersuchungshaft. Er und Julia G. schreiben sich Briefe. Der Richter fragt nach seinen sprachlichen Fähigkeiten. "Seine Grammatik ist nicht gut", sagt sie. Kommata fehlen, "ss" auch. "Aber wortgewandt ist er." Ohne es zu wissen, sagt Julia G. nahezu exakt dasselbe, was am Verhandlungstag zuvor eine Gutachterin des Bundeskriminalamtes (BKA) festgestellt hatte.

André M. bestreitet, Verfasser der Drohmails zu sein

Die BKA-Expertin hat ein linguistisches Gutachten zu der Fragestellung erstellt, ob André M. der Verfasser der Drohmails ist. Als Vergleichsmaterial dienten ihr Mails, die unzweifelhaft von André M. stammen. Sie stellte fest, dass in den Mails jede Menge Kommata fehlen, der Autor sehr oft "das" statt "dass" schreibt und dennoch über einen erstaunlich großen Wortschatz verfügt. Die Gutachterin kam zu dem Ergebnis, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Autorenidentität bestehe. Anders gesagt: Es spricht viel dafür, dass André M. die Drohmails geschrieben hat. Er bestreitet das.

Zum Schluss befragt Psychiaterin Dagny Luther die Zeugin. Sie fragt nach seiner Essstörung, seiner Sozialphobie. Julia G. kann nicht viel dazu sagen. Ihr Cousin war fünf oder sechs Jahre lang in einer psychiatrischen Klinik, sagt Julia G. Die Gutachterin fragt, ob sie den Grund für den Aufenthalt kenne. "Weil er jemand ist, der viel kaputt macht."

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