Prozess in Görlitz Mordmotiv Trabi

Steffen S. soll seine Ex-Freundin Yvonne beim Liebesspiel getötet haben, das Landgericht Görlitz verurteilte den 23-Jährigen wegen Mordes. Das Motiv des gelernten Schreiners: Er soll es auf den Trabi der jungen Frau abgesehen haben. Geschichte einer verhängnisvollen Beziehung.

Steffen S. vor Gericht: Schmächtig, unscheinbar, unbelastet - und maskiert
dapd

Steffen S. vor Gericht: Schmächtig, unscheinbar, unbelastet - und maskiert

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Hamburg - Der Trabant steht angeblich in einer abgelegenen Garage, eingestaubt und zugestellt: Er ist erdbeerrot angestrichen und übersät von kleinen, aufgemalten sonnengelben Flecken. Die Außenspiegel und Teile der Felgen leuchten in Zitronengelb. Yvonne nannte ihn "Pünktchen". Er ist noch etwa 500 Euro wert, für den nächsten TÜV müsste er einige Hürden nehmen.

Steffen S. hatte es auf dieses Auto abgesehen. Davon ist das Landgericht Görlitz überzeugt. Er wollte den Wagen demnach seiner Ex-Freundin abkaufen, doch als der Deal platzte, tötete er sie. Die Schwurgerichtskammer verurteilte den 23-Jährigen am Freitag wegen Mordes zu einer lebenslangen Haft. Er habe aus Habgier und Heimtücke gehandelt.

Es ist das vorläufige Ende einer verhängnisvollen Liebesbeziehung zwischen dem gelernten Schreiner und der 20 Jahre alten Yvonne aus Neugersdorf, einem 6000-Einwohner-Ort im Landkreis Görlitz an der Grenze zu Tschechien. Die beiden lernten sich kennen, wurden ein Paar, trennten sich, versuchten einen Neuanfang, gingen erneut auseinander. Eine On-and-off-Beziehung, bei der selbst die engsten Freunde nicht immer auf dem aktuellen Stand waren, wie der Status gerade ist.

Was blieb, war die körperliche Zuneigung. So schilderte es eine Freundin im Zeugenstand vor Gericht.

Laut Staatsanwaltschaft soll Steffen S. seine Ex-Freundin damit auch am 20. August 2009 gegen 14.30 Uhr in seine Wohnung im ostsächsischen Rosenbach gelockt haben. Zuvor hatten die beiden vereinbart, dass er ihren Trabi kauft. Yvonne aber zog das Angebot kurz darauf zurück. Während des Liebesspiels, als die 20-Jährige auf dem Bauch lag, soll er deshalb ihren Kopf in ein Kissen gedrückt haben, bis sie erstickte.

Die junge Frau habe nicht mit dem Angriff von hinten gerechnet, erklärte Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu vor Gericht. Steffen S. habe ihren wehrlosen Zustand ausgenutzt. Der Angeklagte habe seine Ex-Freundin heimtückisch und aus Habgier ermordet, weil er unbedingt in den Besitz ihres Autos kommen wollte, so Matthieu in seinem Plädoyer am Freitag.

Keine Trauer, kein Entsetzen

Die Kammer unter dem Vorsitz von Uwe Böcker sah es ebenso. Yvonne sei völlig arglos gewesen, habe keinen Angriff vermutet und sei zudem ihrem Ex-Freund körperlich wesentlich unterlegen gewesen.

Ihre Leiche betonierte Steffen S. laut Anklage größtenteils in ein Fass ein, was er in einem See mitten in einem nahegelegenen Steinbruch versenkte. Den Kaufvertrag soll er gefälscht, die Unterschrift seiner Freundin selbst eingetragen haben.

Drei Tage später fanden Spaziergänger Yvonnes Leiche. Keine 24 Stunden später saß Steffen S. zur ersten Vernehmung bei der Polizei, schnell galt er als Tatverdächtiger. Mit Hilfe von Zeugen ließ sich für die Ermittler in kürzester Zeit rekonstruieren, dass der 23-Jährige der letzte gewesen sein muss, der die junge Frau lebend gesehen hatte.

Steffen S. behauptete, erst hätten er und Yvonne den Kauf abgewickelt, dann gemeinsam den Geschlechtsverkehr vollzogen. Anschließend sei Yvonne davongefahren. Doch die Ermittler waren von Anfang an skeptisch - auch weil der Verdächtige weder das geringste Entsetzen noch Trauer zeigte.

Der Schreiner sprach in der Vernehmung schließlich von einem tödlichen Unfall beim Liebesspiel. Er und seine ehemalige Freundin hätten sado-masochistische Vorlieben ausgelebt. Dabei habe die 20-Jährige auf dem Rücken gelegen, einen Kabelbinder um den Hals, Handschellen an den Handgelenken, die über ihrem Kopf fixiert gewesen seien.

Weil es an der Wohnungstür geklingelt habe, habe er Yvonne einen Moment allein gelassen. Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, sei sie tot gewesen - stranguliert durch den Kabelbinder. Die Spurenlage passte nicht, die Ermittler glaubten ihm nicht. Am 25. August erließ die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den 23-Jährigen wegen Totschlags. Steffen S. kam in Untersuchungshaft.

Mehrere Tatversionen

Ende Dezember korrigierte Steffen S. seine Aussage. Der Unfall habe sich anders ereignet. Seine Ex-Freundin habe auf dem Rücken gelegen, die Hände gefesselt. Er habe auf ihr gelegen, das Gesicht zu ihren Füßen. Seine Füße wiederum in der Nähe ihres Gesichts.

Er habe ihr ein Kissen auf das Gesicht gelegt - um durch die Dunkelheit den Lustgewinn zu steigern. Dieses habe er mit seinen Füßen festgehalten. In der Erregung müsse er wohl zu fest gedrückt haben. Mithilfe einer Puppe veranschaulichte er die angebliche Tatversion.

Die Ermittler hatten erhebliche Zweifel, aber keine Beweise. Steffen S. kam auf freien Fuß - trotz der eindeutigen Hinweise, dass er es gewesen sein muss, der die Leiche seiner Ex-Freundin, deren Opel Corsa sowie die persönlichen Dinge entsorgt und den Kaufvertrag des Trabis gefälscht hatte.

Die Ermittlungen gingen weiter, ein Experte hielt die Schilderung des Schreiners für nicht realisierbar. Zwei Beamte - mit ähnlicher Statur wie Steffen S. und Yvonne - stellten die Tat nach und fanden heraus: Egal, wie die Position des Mannes gewesen sein soll, die Frau hatte immer die Möglichkeit, sich aus seinen Fängen zu befreien, trotz Handschellen.

Steffen S. konnte also gar nicht die Füße seiner Ex-Freundin geküsst und gleichzeitig mit seinen eigenen das Kissen so fest gedrückt haben, dass die 20-Jährige darunter erstickte. Das bestätigte auch ein rechtsmedizinisches Gutachten. Steffen S. kam wieder in Untersuchungshaft.

Schmächtig, unscheinbar, unbelastet

Während der Prozesstage versteckte Steffen S. sein Gesicht unter einer Motorradmaske, die blauen Augen senkte er meist nach unten. Erst wenn die Kammer den Saal betrat und die Fotografen den Raum verlassen mussten, zeigte er seine kurzen Haare, die Wangen glatt rasiert. Er wirkte unscheinbar. Und so lebte Steffen S. auch bisher: unauffällig und angepasst.

Tötet so einer, um an einen Trabant zu kommen?

Steffen S., ein schmächtiger Kerl, leide an Minderwertigkeitskomplexen und einer "völligen Überschätzung seiner Person", sagt ein Prozessbeteiligter. Er habe sich in seinem Umfeld gern als Frauenheld geriert, eine Einschätzung fern jeglicher Realität.

Auf den Trabant, so stellte sich im Verfahren heraus, war der Schreiner mehr als fixiert: Freunden erzählte er vor dem geplanten Kauf, er wolle den Wagen in eine Art Mausoleum packen, in einer gläsernen Garage zur Schau stellen. "Der war ganz versessen auf das Ding", berichtet ein Nachbar. Oft habe er von derartigen Plänen gesprochen, mehrere Varianten ausgemalt. "Fahren wollte er den nie."

Auch die Schwurgerichtskammer sah es als erwiesen an, dass Steffen S. den Trabant in einer Halle ausstellen und nachts beleuchten wollte.

Tötete Steffen S. aus einem Fetisch heraus?

Mitangeklagt war auch Martin T. aus Löbau, einer Kleinstadt in der sächsischen Oberlausitz. Der 22-Jährige soll den Opel Corsa, mit dem Yvonne zu dem Treffen mit Steffen S. gekommen war, in ein Waldstück an der A 4 gefahren haben. Dort habe ihn Steffen S. aufgepickt. Während der Rückfahrt soll Martin T. dann Yvonnes Kleidung, Schmuck und andere persönliche Sachen aus dem Fenster geworfen haben. Die 500 Euro, die die junge Frau am gleichen Tag von ihrem Konto abgehoben hatte, teilte er sich mit seinem Kumpel.

Kein Wort vor Gericht

Martin T.s Verteidiger Ulf Israel aus Dresden plädierte am Freitag auf Freispruch. Sein Mandant habe Steffen S. nur geholfen, weil dieser ihn bedroht habe. Bereits in der Vergangenheit soll Steffen S. seinen Freund während eines Streits bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt haben.

Die Kammer folgte dieser Argumentation. Weil Martin T. aber nach Auffassung des Gerichts geholfen habe, bei besonderer Schwere der Tat den Wagen zu entsorgen, wurde der 22-Jährige zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Martin T. habe der Tod Yvonnes sehr zugesetzt, sagte Verteidiger Israel. Während der Verhandlung habe er grundsätzlich vermieden, zur Begutachten von Fotos, die ihren Leichnam zeigen, wie üblich an den Richtertisch zu treten.

Wie Rechtsanwalt Israel plädierte auch der Verteidiger von Steffen S. am Freitag auf Freispruch: Die Mordmerkmale Habgier und Heimtücke seien nicht erfüllt. Für den Tod der Frau durch Ersticken mit einem Kissen gebe es keine Beweise. Außerdem gebe es Indizien dafür, dass die Frau den Trabant doch verkaufen wollte. Der Verteidiger stellte am Freitag vor seinem Plädoyer den Antrag für ein neues medizinisches Gutachten, um den Erstickungstod der Frau neu untersuchen zu lassen. Das Gericht lehnte ab.

Steffen S. verweigerte das Schlusswort. Damit habe er den ganzen Prozess über keinen einzigen Satz gesagt, merkte Richter Böcker in der Urteilsbegründung an.



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Seite 1
Blubb1234 10.06.2011
1. Ähem...
..im Text heißt es "Es ist das vorläufige Ende einer verhängnisvollen Liebesbeziehung" Also für mich klingt das eher endgültig.
geroi.truda 10.06.2011
2.
Warum wird der Mann wie ein wildes Tier an einer Kette und mit komischer Vermummung abgebildet? Könnte man sich da nicht - im Interesse der Menschenwürde - das Bild einfach 'mal sparen?
s.s.t. 10.06.2011
3. ...
Zitat von geroi.trudaWarum wird der Mann wie ein wildes Tier an einer Kette und mit komischer Vermummung abgebildet? Könnte man sich da nicht - im Interesse der Menschenwürde - das Bild einfach 'mal sparen?
Da er nicht erkennbar ist, bleibt seine Würde weitestgehend gewahrt. Ob das Foto geschmackvoll ist oder nicht, darüber kann man sich in wie allen Fällen des Geschmacks streiten.
nebenjobber 10.06.2011
4. Hä?
Zitat von geroi.trudaWarum wird der Mann wie ein wildes Tier an einer Kette und mit komischer Vermummung abgebildet? Könnte man sich da nicht - im Interesse der Menschenwürde - das Bild einfach 'mal sparen?
waum das so ist weiß ich zwar auch nicht, warum Sie aber von seiner Menschenwürde fabulieren, entschließt sich mir gänzlich.... Folterung etc ist sicher völlig unangebracht, aber vermummt und in Handschellen, warum auch immer, reichen nicht , seine Menschenwürde ins Spiel zu bringen
Kniefall 10.06.2011
5. Mord
Zitat von geroi.trudaWarum wird der Mann wie ein wildes Tier an einer Kette und mit komischer Vermummung abgebildet? Könnte man sich da nicht - im Interesse der Menschenwürde - das Bild einfach 'mal sparen?
Sie haben den Artikel schon gelesen, oder? Es geht um Mord aus niederen Motiven. Und das ist das erste, was Ihnen dazu einfällt?
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