Prozess in Großbritannien Schlafwandler erwürgte Ehefrau

Ein bizarr anmutender Kriminalfall wird vor einem britischen Gericht verhandelt. Brian Thomas, ein chronischer Schlafwandler, erwürgte des Nachts, geplagt von Alpträumen, seine Ehefrau - angeblich ohne zu merken, was er tat. Selbst die Staatsanwaltschaft hält ihn für unschuldig.

Von Malte Steinhoff


Hamburg - Der Brite Brian Thomas muss sich seit Dienstag vor einem Gericht in Wales verantworten. Er soll im Schlaf seine Ehefrau getötet haben. Der Vorfall ereignete sich im Juli letzten Jahres im Westen von Wales. Dort hatten Thomas und seine Frau Christine, 57, ihren Sommerurlaub verbracht.

Der Polizei gab der 58-Jährige laut der britischen "Times" kurz nach der Tat Folgendes zu Protokoll: Mit einem Wohnmobil seien seine Frau und er übers Land gefahren. Abends habe man auf dem Parkplatz einer Kneipe Halt gemacht, um dort zu übernachten. Eine Horde Halbstarker sei jedoch derart laut gewesen, dass das Paar nicht in den Schlaf gefunden habe. Deshalb habe man schließlich einen anderen Parkplatz aufgesucht. Am frühen Morgen sei er dann neben dem leblosen Körper seiner Frau aufgewacht.

Sofort habe er den Notruf gewählt. Das Gespräch wurde aufgezeichnet: "Ich glaube, ich habe meine Frau getötet", ist Thomas der "Times" zufolge darauf zu vernehmen. "Oh mein Gott! Ich dachte, jemand habe bei uns eingebrochen. Ich habe mit diesen Kerlen gekämpft, aber es war Christine. Ich muss geträumt haben oder so." Mit "diesen Kerlen" meinte Thomas offenbar die Jugendlichen vor dem Pub. "Was habe ich getan?", so Thomas auf dem Mitschnitt weiter, "was habe ich getan? Könnten Sie bitte jemanden vorbeischicken?"

Staatsanwalt plädiert auf "nicht schuldig"

Seit Dienstag wird der Fall vor dem Swansea Crown Court verhandelt. Vor dem Prozessauftakt bescheinigten Mediziner Brian Thomas eine Schlafstörung. Der Angeklagte habe auch in der Tatnacht darunter gelitten und deshalb unbewusst gehandelt.

"Ein solcher Vorfall kommt zwar sehr selten vor, ist aber durchaus möglich", sagte Geert Mayer, Vorsitzender der Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, SPIEGEL ONLINE. "Einige Schlafwandler können enorme Kräfte aufbringen, ohne dabei aufzuwachen."

Die Staatsanwaltschaft akzeptierte das Gutachten der Ärzte und kündigte an, weder auf Mord noch auf Totschlag plädieren zu wollen. Staatsanwalt Paul Thomas sprach von einem "höchst ungewöhnlichen" Fall. Der Angeklagte habe zum Tatzeitpunkt geschlafen, sein Verstand habe "keine Kontrolle über das gehabt, was sein Körper tat". Die Staatsanwaltschaft plädiere deshalb auf "nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit".

Deutsche Staatsanwälte hätten in diesem Fall wahrscheinlich ähnlich entschieden. "In Deutschland wäre es bei einem vergleichbaren Fall vermutlich ebenfalls nicht zu einer Anklage wegen Mordes beziehungsweise Totschlags gekommen", sagte Florian Jeßberger, Professor für Internationales Strafrecht und Strafrechtsvergleichung an der Humboldt-Universität in Berlin, SPIEGEL ONLINE. "Personen, die sich im Schlaf bewegen, nehmen keine Handlung im juristischen Sinne vor. Ihr Verhalten ist nicht von ihrem Willen getragen."

Das gelte aber nicht in allen Fällen, so Jeßberger. "Etwa wenn der Täter weiß, dass er im Schlaf zu Aggressionen neigt, es aber unterlässt, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Dann wäre eine Strafbarkeit wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen vorstellbar."

"Nicht geistesgestört im herkömmlichen Sinne"

Thomas' Verteidigerin Elwen Evans sagte vor Gericht, ihr Mandant sei neben seiner Schlafstörung auch an Parkinson erkrankt. Im Urlaub habe er auf seine Medikamente verzichtet, um seine "sexuelle Leistung" nicht zu gefährden. Die Schlafstörung, unter der Thomas seit seiner Kindheit leide, sei "ein Teil von ihm" und könne nicht geheilt werden.

Der Angeklagte sei "nicht geistesgestört im herkömmlichen Sinne", sondern habe in der besagten Nacht wegen der lauten Jugendlichen unter einem "beträchtlichen Stress" gestanden, sagte Evans.

Sollte Thomas von der Jury als "nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit" befunden werden, droht ihm die Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Die Verteidigung will das verhindern und fordert einen Freispruch. Der Prozess wird fortgesetzt.

Mit Material von AFP



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.