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Prozess in Köln Mutmaßliche Schleuser wollen selbst Flüchtlinge sein

Zwei syrische Brüder stehen in Köln wegen Menschenschmuggels vor Gericht. Die Männer sollen für den Tod von mindestens acht Menschen im Mittelmeer verantwortlich sein. Doch sie wollen selbst Flüchtlinge sein.
Die Anwälte der mutmaßlicher Schleuser in Köln

Die Anwälte der mutmaßlicher Schleuser in Köln

Foto: Oliver Berg/ dpa
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Skrupellose Schleuser oder zu Unrecht verdächtigte Flüchtlinge? Das Landgericht Köln verhandelt seit Montag den Fall zweier junger Syrer, die laut Staatsanwaltschaft Mitschuld am Tod von mindestens acht Flüchtlingen im Mittelmeer tragen. Der Anklage zufolge stehen die Brüder Fouad und Ahmad G. in enger Verbindung zu einer kurdischen Schleusergruppe. Die Schleuser sollen irakischen Flüchtlingen zugesagt haben, sie für 2500 Dollar pro Person mit einer Jacht vom türkischen Bodrum auf die griechische Insel Kos zu bringen. Die Brüder im Alter von 18 und 20 Jahren wiesen die Vorwürfe durch ihre Verteidiger zurück.

Vor der Flucht in der Nacht zum 17. November 2015 stellten die mutmaßlichen Schleuser den Flüchtlingen laut Anklage nur ein Schlauchboot zur Verfügung. Außerdem verboten sie demnach den Flüchtlingen, Schwimmwesten anzulegen - angeblich, weil deren Signalfarben die Gefahr eines Auffliegens der Fluchtaktion erhöht hätte.

Die Schleuser, darunter angeblich das syrische Brüderpaar, hätten die Flüchtlinge unter Androhung von Gewalt gezwungen, das seeuntüchtige Schlauchboot zu besteigen. Das überladene Boot mit 17 Menschen an Bord kenterte dann vor der griechischen Insel Kos, mindestens acht Flüchtlinge ertranken.

Mutmaßliche Schleuser wollen selbst per Boot nach Kos geflohen sein

Dieses Flüchtlingsdrama sei "für die Angeklagten vorhersehbar" gewesen, betonte der Anklagevertreter vor der Kölner Strafkammer. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft stützen sich wesentlich auf die Aussage eines Familienvaters aus dem Irak, der auf der Flucht nach Griechenland bei der Tragödie vor Kos seine Ehefrau, seine Tochter und einen seiner beiden Söhne verloren hatte. Er soll den Angeklagten bereits kurz nach dem Unglück vorgeworfen haben, für den Tod seiner Angehörigen verantwortlich zu sein.

Die Verteidiger warfen den Vorwurf der Beteiligung ihrer Mandanten an der Schleusung in der Tatnacht zurück. Die Angeklagten seien in einer der folgenden Nächte selbst als Flüchtlinge unter schwierigsten Bedingungen mit einem Boot nach Kos übergesetzt. Auch dieses Boot sei völlig überlastet gewesen und beinahe gekentert, sagte Fouad G.s Anwalt.

Von Griechenland aus machten sich die angeklagten Syrer dann auf den Weg nach Deutschland. Bis zum vergangenen Frühjahr lebten sie in einer Flüchtlingsunterkunft im Kölner Stadtteil Ostheim. Offenbar durch puren Zufall begegneten sie dann in Köln dem irakischen Familienvater, der die Brüder bereits auf Kos beschuldigt hatte und sie nun bei den deutschen Behörden anzeigte.

Im Zuge der folgenden Ermittlungen wurde das Brüderpaar am 24. März festgenommen und saß bis zum 3. Mai in Untersuchungshaft. Seither befinden sich die jungen Syrer wieder auf freiem Fuß. Bei einem Schuldspruch könnte dem Älteren der beiden eine Haftstrafe zwischen drei und 15 Jahren drohen. Der zur Tatzeit 17-jährige zweite Angeklagte müsste mit bis zu zehn Jahren Jugendstrafe rechnen.

apr/AFP

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