Prozess in Trier Mord im Eifeldorf

Fast 30 Jahre lang galt Lolita Brieger als spurlos verschwunden, dann führte ein Mann die Polizei zu ihrer Leiche. Jetzt steht in Trier der Bauer vor Gericht, der die junge Frau getötet haben soll. Der Prozess wird zu einer Exkursion in die Vergangenheit und die Enge erzkatholischer Eifeldörfer.

dapd

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Trier - Josef K. trägt einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd, seine Krawatte ist kleinkariert. Vor das Gesicht hält sich der stabile Mann mit den ergrauten Schläfen am Dienstagmorgen im Trierer Landgericht einen rosafarbenen Aktenordner, weshalb man ganz deutlich sieht, dass seine Hände gefesselt sind.

Fast 30 Jahre ist es her, dass K. seine schwangere Freundin mit einem Draht erdrosselt haben soll. Laut Anklage verscharrte er die Leiche der Lolita Brieger auf einer Mülldeponie des Eifelörtchens Frauenkron. Er habe sich der 18-Jährigen "entledigen wollen, weil sie vom sozialen Stand her nicht zu seiner Familie passte", sagt Staatsanwalt Eric Samel. Sie sei seiner Ansicht nach "nicht würdig" gewesen, Teil seiner reichen Familie zu werden.

Demnach hatte sich K. einen Tag vor der Tat von seiner Freundin getrennt. Die zierliche Lolita wollte ihn umstimmen und auch ihr Kind behalten. Da brachte er sie um. Er habe "heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen" gehandelt, so der Ankläger. Josef K. wiederum schweigt zu den Vorwürfen: Vor Gericht will er nichts sagen, in den sechs Monaten seit seiner Festnahme hat er nichts gesagt und - soweit bekannt - auch nicht in den Jahrzehnten zuvor.

Enge, abgeschlossene Welt

Frauenkron liegt im äußersten Südwesten Nordrhein-Westfalens und ist auch heute alles andere als eine weltoffene Metropole. Keine 200 Menschen wohnen hier. Doch Anfang der achtziger Jahre, als Lolita Brieger und Josef K. ein Paar waren, muss die Gegend ein sehr enger, in sich abgeschlossener Kosmos gewesen sein, in dem man noch immer nach jahrhundertealten Traditionen und Konventionen lebte.

K., der Sohn eines vermögenden Landwirts, hatte mit der Wahl seiner Freundin offenbar den Zorn seines Vaters heraufbeschworen. Denn eine Braut, so dachten die Eifeler seinerzeit, sollte Vermögen mitbringen und für die harte, selbstlose Arbeit einer Bäuerin charakterlich geeignet sein. "Damals heiratete man von Hektar zu Hektar", sagt Triers Oberstaatsanwalt Ingo Hromada.

Lolita dagegen stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sie galt als nicht standesgemäß. Als "Gesindel" und "Leute, die nix gelernt haben" seien die Briegers damals beschimpft worden, so Ankläger Eric Samel. Musste die junge Frau also sterben, weil sie den Ansprüchen nicht genügen konnte, und weil man in der erzkatholischen Gegend den Skandal eines unehelichen Kindes fürchtete?

Ein Dorf sucht seinen Mörder

Das Verbrechen lastete fast 30 Jahre lang auf der Gemeinde, in der eigentlich jeder jeden kennt - und irgendwann jeder jeden verdächtigte. Die Menschen wollten, "dass der Fall jetzt komplett aufgeklärt wird", sagt Ortsbürgermeister Richard Bistritz. "Damit Ruhe einkehrt." Auch die Mutter des Opfers, inzwischen 80 Jahre alt, scheint erleichtert: "Endlich ist es soweit", sagt Hildegard Brieger.

Lolita habe gerade mal 50 Meter unterhalb seines Hauses, der mutmaßliche Täter etwa 150 Meter oberhalb gelebt, sagt Bürgermeister Bistritz. Und der Mann, der im September 2011 den Fall wieder ins Rollen brachte, wohnte zeitweise genau gegenüber. Dieser Herr, er ist der wohl wichtigste Zeuge des Verfahrens, führte die Ermittler schließlich zu der ehemaligen Mülldeponie des Ortes, wo er 29 Jahre zuvor gemeinsam mit Josef K. die Leiche verscharrt haben will.

Zwei Wochen lang gruben die Ermittler auf dem Gelände, dann wurden sie tatsächlich fündig: Eingeschlagen in eine grüne Plane entdeckten sie die sterblichen Überreste eines Menschen. Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab später, dass es sich um Lolita Briegers Leiche handelte.

In Frauenkron kann man dennoch nicht glauben, dass der Landwirt Josef K. ein Mörder sein soll: "Er ist nie negativ aufgefallen und überall geschätzt", sagt der Bürgermeister. "Wenn es so sein sollte, dass er es war, dann werden die Menschen im Umkreis von 30 Kilometern sehr enttäuscht von ihm sein."

"Unschuldig im Sinne der Anklage"

Am Dienstagmorgen dauert es keine drei Minuten, bis im Landgericht die Anklage verlesen ist. Dann vertagt sich die Kammer. Während K. schweigt, deutet jedoch Verteidiger Heinz Neuhaus an, dass sein Mandant "unschuldig im Sinne der Anklage" ist - er spricht von "Totschlag". Ein solches Delikt aber wäre inzwischen verjährt, und eine Verurteilung wegen Mordes könnte sehr schwierig werden.

"Selbst wenn es nicht dazu kommt, war die Arbeit wichtig", sagt Triers Leitender Oberstaatsanwalt Jürgen Brauer. Denn nur so hätten nun zumindest die Angehörigen des Opfers ihre Tochter und Schwester beerdigen können. Der Familie indes scheint es nicht nur um Gewissheit, sondern auch um Gerechtigkeit zu gehen.

Lolita Briegers älteste Schwester, die den ersten Verhandlungstag im Publikum verfolgt, mag sich nicht vorstellen, dass Josef K. als freier Mann das Gericht verlassen könnte: "Ich hoffe, er bekommt seine Strafe", sagt sie sichtlich aufgewühlt. All die Jahre habe man ihn im Verdacht gehabt, den Nachbarn, den Bekannten, nun sitze er wirklich dort auf der Anklagebank.

Und alles ist plötzlich wieder so nahe.

Mit Material von dpa und dapd



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