Prozess in Wuppertal Die Oma, der Kaffee und das Heroin

Wollte sie ihrem süchtigen Sohn helfen? Ging es ihr um das schnelle Geld? In Wuppertal steht die 85-jährige Hannelore M. wegen zahlreicher Drogengeschäfte vor Gericht. Die Rentnerin aus Solingen könnte Deutschlands älteste Dealerin sein.

Hannelore M. mit ihrer Anwältin Isabell Schemmel: Ein bürgerliches Leben
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Hannelore M. mit ihrer Anwältin Isabell Schemmel: Ein bürgerliches Leben

Von Simone Utler


Hamburg - Hannelore M. führte ein Leben, das man als bürgerlich bezeichnen kann: Sie lebte in einem kleinen Mehrfamilienhaus im Solinger Stadtteil Merscheid, einer unauffälligen Nachbarschaft. Sie arbeitete als Angestellte bei der Stadtverwaltung, zog ihre zwei Söhne alleine groß. Hannelore M. galt als unbescholtene Bürgerin, die noch nicht einmal bei Rot über die Straße ging.

Dann schmuggelte sie Drogen.

Nun steht die kleine zierliche Frau mit den kurzen grauen Haaren, inzwischen 85 Jahre alt, vor dem Landgericht Wuppertal - als Deutschlands wahrscheinlich älteste Dealerin. "Drogenoma" nennen sie die Medien.

Die Staatsanwaltschaft wirft M. vor, seit März 2008 Drogen aus den Niederlanden nach Deutschland gebracht und damit gehandelt zu haben. Laut Anklage holte die Rentnerin Heroin und Kokain in Kaffeepaketen verpackt aus Rotterdam, nutzte ihre Wohnung als Drogen- und Geldlager. An mindestens einen Mann soll M. auch selber Drogen ausgegeben haben. Die 85-Jährige hat die Vorwürfe im Prinzip gestanden, wenn auch nicht in der Vielzahl der ihr vorgeworfenen Fälle.

Wie kam es dazu?

"Sie wollte ihrem Sohn helfen", sagt Isabell Schemmel, die Verteidigerin der Angeklagten. Thomas M., 50, ebenfalls wegen Drogenhandels vor Gericht, ist seit 30 Jahren abhängig, hat rund 20 Vorstrafen und hängt seinem Anwalt zufolge noch immer an der Nadel. "Er ist das schwarze Schaf der Familie. Der andere Sohn geht einem ganz normalen Beruf nach", so Schemmel zu SPIEGEL ONLINE.

Thomas M. war das ewige Problemkind und vielleicht gerade deshalb auch der Lieblingssohn, dem seine Mutter bedingungslos half. Seit Jahren habe Hannelore M. von seiner Drogensucht gewusst und stets versucht, ihm zu helfen, erklärt deren Verteidigerin. Immer wieder habe er um Geld gebettelt. Mal gab sie ihm welches, mal verweigerte sie es in der Hoffnung, dass er vielleicht doch von den Drogen loskommt.

Eine alte Dame in einem alten Auto

Irgendwann hat sich Hannelore M. offenbar in den Drogensumpf hineinziehen lassen. Vor rund zwei Jahren soll Thomas M. um eine Gefälligkeit der eher praktischen Art gebeten haben. "Er sagte, er wisse nicht mehr, wie es weitergehen solle, und dass sie ihm helfen müsse", sagt Anwältin Schemmel.

Um den totalen Absturz ihres Sohns zu verhindern, soll die betagte Dame schließlich nach Kräften geholfen haben, die Drogensucht zu finanzieren - und dafür mehrfach nach Rotterdam gefahren sein.

Der 14-seitigen Anklageschrift zufolge reservierte der Sohn für sich und seine Mutter Zimmer im "Grand Hotel Central". Hannelore M. reiste mit ihrem alten Kleinwagen an, traf ihren Sohn und nahm von ihm Päckchen entgegen, die sie dann über die Grenze brachte. "Dabei handelte es sich um Kaffeepakete, in denen mindestens 200 Gramm Drogen enthalten waren", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Wolf-Tilman Baumert, SPIEGEL ONLINE.

Ihr unverdächtiges Äußeres war dabei nützlich: Eine alte Dame in einem alten Auto - unauffälliger geht es kaum.

Zurück in Solingen verwahrte Hannelore M. die Lieferung laut Anklage dann bei sich im Haus, bis ihr Sohn sie abholen kam. Irgendwann soll auch der Enkel Björn, 25, ebenfalls drogenabhängig und polizeibekannt, in den Familienbetrieb eingestiegen sein und Fahrten übernommen haben. Seine Oma soll weiterhin das Heroin und das Geld aus dem Verkauf des Stoffs in ihrem Haus versteckt haben.

"Aktiv am Drogenhandel beteiligt"

Die Verteidigerin von Hannelore M. zeichnet das Bild einer Frau, die ihren Sohn so sehr liebt, dass sie für alles tut - sogar wenn sie dafür kriminell werden muss.

Finanzielle Gewinne habe die 85-Jährige bei den Geschäften keine gemacht, lediglich den Sprit bezahlt bekommen, sagt die Anwältin.

Ganz so unschuldig ist die Rentnerin nach Ansicht der Staatsanwaltschaft aber doch nicht: "Nach unserer Überzeugung war sie aktiv am Drogenhandel beteiligt", sagt Baumert. Hannelore M. habe zweifellos eine nicht unerhebliche Drogenmenge bewegt. "Und die anderen haben sicher nicht nur zu ihr gesagt, hier hast du einen Koffer, bring den mal nach Deutschland", so der Oberstaatsanwalt. Auch seien im Haus von M. bei ihrer Festnahme rund 370 Gramm Streckmittel, ein halbes Gramm Heroin und ein Tresor voller Betäubungsmittelzubehör gefunden worden.

"Das war eine in der Familie organisierte Drogenhändlergruppe, die Aktionen waren gut geplant, professionell organisiert", so Baumert. Möglicherweise sei das Motiv von Hannelore M. gewesen, ihren Verwandten zu helfen, Drogen zu bekommen, aber: "Es wurde auch eine nicht unerhebliche Menge Geld aus den ganzen Geschäften gezogen." Insgesamt liege der Betrag bei mehreren zehntausend Euro.

Allein auf zwei Konten von Hannelore M. lägen 9700 beziehungsweise 6500 Euro, die jeweils in Beträgen von 100 bis 1000 Euro bar eingezahlt worden seien. "Das sind die klassischen Summen, die man aus Drogengeschäften erzielt", so der Oberstaatsanwalt.

Außerdem zog M. laut Baumert einen weiteren persönlichen Vorteil aus dem Geschäft: Ein Süchtiger soll direkt von ihr mit Heroin versorgt worden sein - und arbeitete im Gegenzug bei ihr in Haus und Garten. Er mähte den Rasen, grub die Beete um, schnitt Äste - und bekam dafür Stoff für den nächsten Schuss.

Heroin im Wert von 70.000 Euro und eine Drogenküche

Aufgeflogen ist der Ring nach einem Tipp: Ein von der Polizei gefasster Dealer verriet die Bande für eine Strafmilderung. Die in der Folge gegründete Sonderkommission "Rente" ermittelte mehrere Monate, bis sie genügend Beweise zusammengetragen hatte. Am 4. August 2009 stürmten Beamte die Wohnungen der Tatverdächtigen und fanden unter anderem rund drei Kilogramm Heroin im Wert von 70.000 Euro, etwas Kokain, zwei Schusswaffen und eine Drogenküche.

Die meisten Beweismittel - darunter rund 900 Gramm Heroin, cirka 200 Gramm Amphetamine, Verpackungsmaterialien, Schweißgeräte und Digitalwaagen - wurden bei Michael H. gefunden, der nun zusammen mit Familie M. vor Gericht steht. Außerdem besaß der 29-Jährige eine Armbrust und vier Elektroschocker - "die typische Schutzbewaffnung für den Fall, dass es bei Rauschgiftdeals Probleme gibt", erklärt Anklagevertreter Baumert. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft kommt H. eine entscheidende Rolle zu.

Ursprünglich hatte das Verfahren gegen H., Hannelore M., Sohn Thomas, Enkel Björn und dessen Freundin, die wegen Beihilfe angeklagt ist, in der vergangenen Woche beginnen sollen. Noch vor Verlesung der Anklage wurde der Prozess jedoch vertagt, weil sich der an einen Rollstuhl gefesselte H. krankgemeldet hatte und nicht erschienen war. Das Landgericht beschloss, ihn künftig auf einer Liege von der Polizei in den Gerichtssaal bringen zu lassen.

Insgesamt wirft die Staatsanwaltschaft den fünf Angeklagten vor, bei etwa 35 Kurierfahrten jeweils Drogenmengen zwischen 200 und 500 Gramm transportiert zu haben - zusammen mehr als elf Kilogramm.

Hannelore M. verbrachte nach der Festnahme im vergangenen August einige Stunden in Polizeigewahrsam. Weil sie ein Geständnis ablegte, kam sie wieder auf freien Fuß. Ihr Sohn und ihr Enkel blieben in Untersuchungshaft.

"Alter schützt vor Strafe nicht"

Drogendealer im Rentenalter sind keine Seltenheit. Erst im Dezember 2009 wurde eine 81 Jahre alte Nürnbergerin zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil sie insgesamt 400 Gramm Heroin verkauft hatte. Die herzkranke Seniorin hatte den Handel ihres 58-jährigen Sohns fortgeführt, als dieser in Untersuchungshaft gekommen war, und insgesamt mehr als 16.000 Euro erwirtschaftet.

In Deutschland drohen für Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge fünf bis 15 Jahre Haft. Für Hannelore M. könnte das lebenslang bedeuten.

Die Rentnerin würde ihrer Anwältin zufolge ihr Geständnis vor Gericht wiederholen, will aber nicht als erste aussagen, um ihre Verwandten nicht zu belasten. Ihr Sohn und ihr Enkel haben sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert.

Außerdem hat Hannelore M. Angst vor den persönlichen Konsequenzen. "Für sie ist es unvorstellbar, dass sich hinter ihr die Gittertüren schließen", so Verteidigerin Schemmel: Im vergangenen halben Jahr sei ihre Mandantin um rund zehn Jahre gealtert, behaupteten zumindest Personen, die diese schon länger kennen. "Es geht ihr körperlich und psychisch nicht gut, aber sie will sich dem Verfahren stellen", so Schemmel. Etwas wackelig auf den Beinen, aber ordentlich gekleidet, war Hannelore M. zum ersten Termin erschienen.

"Alter schützt vor Strafe nicht", sagt der Oberstaatsanwalt. Am Dienstag verkündete die Anklagebehörde an, sie stelle sich eine Strafe von sechs Jahren für Hannelore M. vor.

Mit Material von dpa und AFP



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Seite 1
basiscamper 23.02.2010
1. Ist das Bilder oder das Alter falsch?
wie 85 sieht die Frau auf dem Bild aber nicht aus.
bicicleta 23.02.2010
2. Lasst die Oma
Zitat von basiscamperwie 85 sieht die Frau auf dem Bild aber nicht aus.
Es haben doch nicht alle Anwälte Anlass, sich unter ihrer Kapuze zu verstecken ;-) Wenn die Anwältin clever ist, ist die Oma nicht mehr zurechnungsfähig und kommt so davon. Wäre sowieso die beste Lösung.
dadudel 23.02.2010
3. ...
Zitat von basiscamperwie 85 sieht die Frau auf dem Bild aber nicht aus.
das ist die Anwältin, Oma ist mit Kapuze hinter den Akten fast nicht zu sehen.
makutsov 23.02.2010
4. Ab in den Knast
Ab in den Knast mit der alten. Kann ja wohl nicht sein. Solche Leute nutzen ihre Unaufälligkeit schamlos aus. Irgendwo ist ihr das Unrechtsbewusstsein verloren gegangen, und dafür muss sie jetzt eben geradestehen. Selbst schuld.
juergw. 23.02.2010
5. Stimmt !
Zitat von makutsovAb in den Knast mit der alten. Kann ja wohl nicht sein. Solche Leute nutzen ihre Unaufälligkeit schamlos aus. Irgendwo ist ihr das Unrechtsbewusstsein verloren gegangen, und dafür muss sie jetzt eben geradestehen. Selbst schuld.
Wenn dann das Rauschgift noch Jugendliche abhängig macht und deren Leben zerstört- darüber sollte man im Knast nachdenken.
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